Das Gewehr ist angelegt, das Fadenkreuz ausgerichtet: Die Jäger im Landkreis Haßberge sind in Alarmbereitschaft. Während die Corona-Pandemie den Freistaat derzeit in einen zweiten Lockdown zwingt, nähert sich aus dem Nordosten Deutschlands bereits ein weiteres gefährliches Virus: Die Afrikanische Schweinepest (ASP) lässt Schwarzwild qualvoll verenden. Im Fleisch der Wildschweine kann die Tierseuche sogar über Jahre bestehen.

Mit einem einzelnen Wildschweinkadaver fing am 10. September in Brandenburg alles an. Mittlerweile wurden dort 123 Wildschweine positiv auf die Seuche getestet (Stand vom 1. November). Am vergangenen Samstag wurde der erste Fall von ASP in Sachsen nachgewiesen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aktivierte daraufhin den Krisenstab Tierseuchen. "Und momentan sieht es leider nicht so aus, als würde man es in den Griff bekommen", schätzt Dr. Simone Nowak die Lage ein.

Frühzeitiges Präventionsprogramm

Die Tierärztin koordiniert am Haßfurter Veterinäramt die Vorsichtsmaßnahmen, die den Landkreis Haßberge auf eine mögliche Einschleppung der Seuche vorbereiten sollen. Bereits seit vergangenem Dezember, also lange vor dem Auftauchen des ersten deutschen ASP-Falls, hat der Freistaat Bayern einen Rahmenplan zur Bekämpfung der Schweinepest aufgestellt. Dazu gehört auch die Früherkennung: "Bei uns werden tot aufgefundene Wildschweine getestet und wir versuchen, die Wildschweinpopulation einzudämmen", erläutert Nowak.

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Auch die lokalen Mastbetriebe werden darauf hingewiesen, ihre Hygienemaßnahmen streng einzuhalten. Schweinehalter sollen beispielsweise darauf achten, dass Wildschweine nicht in den Hof eindringen können. Wer auch selbst auf die Jagd geht, sollte seine Hunde und bei der Jagd benutzte Waffen oder Kleidung sowie erlegte Wildschweine vom Betrieb fernhalten. Futter und Einstreu müssen sicher gelagert werden, Küchenabfälle oder Essensreste dürfen nicht verfüttert und Tiertransporte sollten auf ein Minimum beschränkt werden.

Gefahrenzonen schnell abgrenzen

"Wir haben von Seiten des Landkreises mittlerweile schon sehr viel unternommen", versichert Nowak. 30 Kilometer Zaun wurden gemeinsam mit Schweinfurt und Bad Kissingen angeschafft: 15 Kilometer Wild- und 15 Kilometer Elektrozaun lagern nun beim THW. "Damit wir im Fall des Falles schnell in der Lage sind, ein Kerngebiet einzugrenzen."

Sobald ein totes Wildschwein entdeckt wird, muss eine Kernzone festgelegt und ein Zaun darum errichtet werden. Darin ist zunächst Jagdruhe einzuhalten. "Später müssen alle Wildschweine getötet werden, um so die weitere Verbreitung zu verhindern", beschreibt Nowak das Vorgehen.

Das Veterinäramt erstellte außerdem zusammen mit den einzelnen Gemeinden eine Liste freiwilliger Helfer, die zukünftig bei der Fallwildsuche in den einzelnen Revieren und beim Zaunbau unterstützen sollen - 140 Meldungen seien inzwischen eingegangen.

Nachtzielgeräte helfen bei der Jagd

Eine weitere Möglichkeit, die ASP einzudämmen, ist die generelle Reduzierung der Wildschweinpopulation. Dabei soll der Einsatz von Nachtzielgeräten helfen - denn Wildschweine werden erst zu später Stunde und im Dunkeln aktiv. Die CSU-Kreistagsfraktion forderte daher vor Kurzem eine Allgemeinverfügung für Jagdscheinbesitzer - im Landkreis Haßberge sind das rund 900 - um die spezielle Jagdausstattung nicht erst über bürokratische Umwege beantragen zu müssen.

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Mit Erfolg: "Schon in der Vergangenheit war das Landratsamt bei der Bewilligung von Nachtsichttechnik sehr großzügig", berichtet Martin Schrauder, Sachbearbeiter für das Gebiet Jagdrecht. "Aufgrund der verschärften Situation haben wir aber die ganz klare Anweisung, das Ganze jetzt nicht mehr per Einzelerlaubnis zu machen." Auf diese Weise könnten der Behörde zudem Arbeitsaufwand und Verwaltungsgebühren erspart werden, argumentiert CSU-Fraktionsvorsitzender Steffen Vogel im Antrag seiner Partei.

Kritik an neuer Regelung

Die Entscheidung, eine Allgemeinverfügung zur Nutzung der Nachtzielgeräte zu erlassen, stößt jedoch nicht bei allen Kommunalpolitikern auf Zustimmung. "Es gibt durchaus Gründe, warum Nachtzielgeräte umstritten sind, weshalb sie nicht jeder Jäger braucht und warum sie nur gezielt eingesetzt werden sollten", lautete eine Meinung aus der jüngsten Kreistagssitzung.

Spezielle Nachtsichttechnik, die beispielsweise mit zusätzlichen Bildwandlern ausgestattet ist, aber kein eigenes Zielfernrohr oder Fadenkreuz besitzt, dürfen tatsächlich nur Besitzer eines gültigen Jahresjagdscheins verwenden, klärt Schrauder auf. Vorrichtungen zum Anstrahlen des Ziels, wie eine normale Taschenlampe oder Infrarotgeräte, werden laut Waffengesetz aber durch die Allgemeinverfügung zulässig gemacht.

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"Wenn man Wildschweine erfolgreich jagen will, gibt es zwei Möglichkeiten", zählt Schrauder weiterhin auf. "Entweder nachts, wenn sie zum Fressen rauskommen, oder bei der Drückjagd." Letztere ist eine Form der Bewegungsjagd und findet nur im Herbst und Winter. Außerdem benötige sie eine große Zahl an Teilnehmern, die meist aus dem gesamtem Bundesgebiet kommen - während der Corona-Pandemie also eine nur schwer umsetzbare Maßnahme.

Population über Umweg errechnen

Wie viele Wildschweine sich überhaupt in den Wäldern des Landkreises Haßberge herumtreiben, wisse niemand. "Sie können Wildschweine in der Natur nicht zählen", erklärt Hans Stark, Leiter des Forstamtes in Sailershausen und Jagdberater am Landratsamt Haßberge. "Man kann aber indirekt über die erlegten Wildschweine in etwa auf die Population schließen. Die tatsächliche Population dürfte dann um den Faktor 3 höher sein."

2001 erreichten die Schwarzwildabgänge, also die Zahl erlegter Wildschweine, mit 2057 Tieren den bislang höchsten Wert. Hervorzuheben sei auch, dass die Schwarzwildstrecken im Landkreis Haßberge - im Gegensatz zu Bayern und ganz Deutschland - seit etwa 20 Jahren nicht mehr zunehmen und durchschnittlich etwa 1400 Wildschweine pro Jahr erlegt werden.

Keine optimale Lösung

Der Einsatz von Nachtzielgeräten könne gegen die Verbreitung von ASP aber nur bedingt helfen, gibt Stark zu bedenken: "Wenn die Seuche den Landkreis erreicht hat, ist es eigentlich schon zu spät. Denn um jedes an der ASP verendete Wildschwein wird im Umkreis von 40 Quadratkilometern eine Hochrisikozone eingerichtet und die Jagd dort verboten." Außerdem können der Zutritt zu diesen Gebieten sowie forst- und landwirtschaftliche Arbeiten darin untersagt werden. Der Wildschweinbestand soll dann mithilfe von Fallen, den sogenannten Saufängen, reduziert werden.

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Umsonst sei die Allgemeinverfügung dennoch nicht: "Die Nachtzielgeräte können in der umliegenden Pufferzone hilfreich sein, um die Schwarzwildbestände zu reduzieren", meint Stark. Ziel der bayerischen Jagdpolitik sei es, die Wildschweindichte und damit die Ansteckungsgefahr durch ASP so gering wie möglich zu halten. In besonders gefährdeten Landkreisen werde daher sogar eine Abschussprämie von hundert Euro pro Wildschwein gewährt.

Wichtige Infos zur Afrikanischen Schweinepest

Ansteckung Das Virus wird nur auf Wild- und Hausschweine übertragen. Menschen sowie andere Säugetiere können sich nicht damit infizieren.

Einschleppung ASP wird unter Tieren durch Körperflüssigkeiten übertragen. Auch kontaminierte Lebensmittel können zur Verbreitung beitragen, wenn fleischhaltige, virenbelastete Essensreste nicht ordnungsgemäß entsorgt und von Wildschweinen gefressen werden. Diese sind in der Natur die häufigsten Überträger von ASP, da sie weite Distanzen zurücklegen.

Symptome Bei einem infizierten Wildschwein treten u.a. folgende Symptome auf: Blutungen, Fieber, Appetitlosigkeit, Atemstörungen sowie Hautverfärbungen. Die Erkrankung verläuft mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit tödlich.

Impfstoff Im Gegensatz zur Klassischen Schweinepest (KSP) gibt es gegen die ASP keinen Impfstoff, da das Virus sehr komplex und widerstandsfähig ist.

Verzehr In verarbeitetem, verseuchtem Fleisch kann das Virus bis zu zwei Jahre überleben. Für Menschen besteht aber beim Verzehr von infiziertem Fleisch keine Ansteckungsgefahr.

Auswirkungen Sobald sich ein Hausschwein mit dem ASP-Virus infiziert hat, muss der gesamte Tierbestand des Betriebs getötet werden. Zudem wird ein Sperrbezirk sowie ein Beobachtungsgebiet ausgewiesen. Ein ASP-Ausbruch hat Beschränkungen für den Verkauf von Wild- und Hausschweinefleisch innerhalb der betroffenen Region zur Folge. Außerdem wird die Jagdausübung gebietsweise untersagt.