Die pelzigen Geschwisterkinder Matze und Ivy traten im Landkreis Haßberge eine große Diskussion los. Die jungen Waschbären hat Britta Merkel, die Vorsitzende der Tierschutzinitiative Haßberge e.V., vor einigen Monaten als verwaiste Säuglinge aus einem Privathaushalt aus Schweinfurt erhalten. Nun möchte Merkel ein artgerechtes Gehege auf dem Gelände des landkreisweiten Tierheims in Zell errichten. Neben der Zustimmung von Behörden, wie dem Deutschen Tierschutzbund, war auch die Zustimmung des Zweckverbands "Fundtier Landkreis Haßberge" erforderlich, welcher sich aus Kommunen und Verwaltungsgemeinschaften des Kreises zusammensetzt. "Mit knapper Mehrheit hat der Antrag die Zustimmung erhalten", teilt der Vorsitzende und Aidhausener Bürgermeister Dieter Möhring mit. Das bedeutet aber auch: Einige Mitglieder waren und sind gegen eine Ansiedlung der Wildtiere.

Auswildern ist verboten, jagen erlaubt

Aktuell sind die Geschwistertiere im provisorischen Gehege mit 20 Quadratmetern am Tierheim untergebracht, wie Britta Merkel berichtet. Am Anfang hatte sie die Jungtiere mit nach Hause genommen, weil diese stündlich mit der Flasche gefüttert werden mussten. Ab einem Alter von etwa acht Wochen habe Merkel gemerkt, "dass die Unterbringung im Privathaushalt nicht mehr funktioniert. Da kann man nach einem halben Jahr die Wohnung renovieren", sagt sie und lacht. Denn Waschbären seien sehr neugierig und verspielt. Eine Lösung musste her.

Das Problem: Der Waschbär wurde 2016 zur invasiven Art erklärt, da sich der Allesfresser an beinahe jeden Lebensraum anpassen kann und somit eine potenzielle Gefahr für selten gewordene Tierarten darstellt. Das bedeutet, dass er in der EU bejagt wird. "Kastrieren und anschließend auswildern darf man die Tiere auch nicht mehr", erklärt Merkel. "Ich hätte sie also höchstens auswildern können, was ich nicht mache, da es strafbar ist - oder sie umbringen." Ein völlig gesundes Tier töten, das kommt für die Tierschützerin nicht in Frage.

Nicht nur sie, sondern auch der Deutsche Tierschutzbund sieht in der Regelung eine Problematik. "Deshalb wurde ein Projekt aus dem Boden gestampft", erklärt Merkel. Der Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes sucht daher geeignete Tierheime, um Gehege für eine dauerhafte, lebenslange Unterbringung von Waschbären zu errichten.

So soll das Gehege aussehen

Etwa 10 000 Euro Förderung erhält der Verein, 20 000 Euro muss der Verein in die Hand nehmen und ist daher auch auf Spenden angewiesen, wie Merkel erklärt.

Das Gehege soll rechts neben dem Tierheim am Radweg entstehen. "Geplant ist ein 120 Quadratmeter großes Gehege mit vier Abteilungen, in dem bis zu zehn Waschbären Unterschlupf finden können", veranschaulicht die Vorsitzende. In den Abteilen sollen sich Wasserbecken, Wasserlauf sowie Gebüsche und Bäume befinden. Nach oben hin soll das Gehege offen sein, deshalb werden Sonderbleche benötigt, die im Winkel am Zaun abstehen, damit die Tiere nicht herausklettern können. "Das ist die beste Lösung", ist sich Merkel sicher. So können die Bäume nicht nur ungestört wachsen, sondern auch Kosten eingespart werden: "Man hätte das Dach ansonsten vernetzten müssen, was sehr teuer wäre - oder anders überdachen müssen, wobei das auch wieder Probleme mit der Schneelastmenge gegeben hätte." Das Gehege soll mit seinen vier Abteilen aber nicht nur für Waschbären genutzt werden, betont Merkel, sondern wenn nötig auch für andere Wildtiere.

"Eine Vollkatastrophe"

Merkel lud die Bürgermeister ins Tierheim ein, um ihnen vor Ort die Pläne zu veranschaulichen. Damals habe sie ein sehr gutes Gefühl gehabt. Auch habe der Verein sehr schnell die Zustimmung der zuständigen Behörden erhalten. Doch dann blieb der Antrag beinahe zwei Monate beim Zweckverband liegen. "Es war eine Vollkatastrophe", beschreibt Merkel das lange Warten. Immer wieder wurde die Mehrheitsentscheidung vertagt. "Ich habe nie gedacht, dass es vom Zweckverband so ein Zirkus ist", macht sie ihrem Ärger Luft. Natürlich ist Merkel erleichtert, dass zu ihren Gunsten entschieden wurde. "Das Gehege hätte aber schon längst stehen können."

Dieter Möhring gesteht ein, dass es länger gedauert habe. Allerdings habe das auch daran gelegen, dass manche Mitglieder um Bedenkzeit geben haben, um sich womöglich noch einmal intern zu beraten. Die Mehrheitsentscheidung selbst sei dann ganz schnell per E-Mail vonstattengegangen.

Bedenken einiger Bürgermeister

Zwar wird die demokratische Entscheidung von allen Mitgliedern akzeptiert, doch die persönlichen Meinungen haben sich dadurch nicht geändert. So spricht sich unter anderem Haßfurts Bürgermeister Günther Werner klar gegen das Gehege aus: "Die Waschbären müssen nicht aufgenommen werden. In Bayern wäre es das erste Tierheim, das so ein Waschbärengehege in Betrieb nimmt", sagt er. "Es wird versucht, die Kommunen vor vollendeten Tatsachen zu stellen." Die Kommunen selbst haben lediglich die Verpflichtung, sich um Fundtiere, also zum Beispiel ausgesetzte Hunde oder Katzen, zu kümmern, wie Werner erklärt. Auch Bürgermeister Stefan Paulus aus Knetzgau stimmt seinem Amtskollegen zu: "Uns ist das vorstellt worden und die Gemeinde Knetzgau war dagegen, weil es Wildtiere sind und das Tierheim nicht für diesen Zweck gebaut wurde. Es ist nicht unsere Aufgabe, Wildtiere aufzunehmen."

Nur ums Prinzip geht es Paulus nicht: "Wo fängt es an und wo hört es auf? Die Waschbären vermehren sich stark, es ist zu befürchten, dass die Kapazitäten nicht ausreichen." Auch Günther Werner sieht das so: "Sie werden lebenslänglich im Gehege gehalten, weil man sie nicht auswildern darf. Was ist, wenn das Gehege voll ist? Was ist dann? Kommt dann noch einmal ein Antrag, ein weiteres Gehege zu bauen?" Schließlich betreibe die Tierschutzinitiative das Tierheim - der Grund gehöre aber dem Zweckverband. "Ich will nicht als Tierhasser verstanden werden", stellt Werner klar. "Ich will, dass wir als Kommunen unserer Aufgabe, nämlich der, Fundiere aufzunehmen, nachgehen können. Aber wenn Britta Merkel Waschbären aufnehmen will, dann soll sie das privat machen."

Kommunen wollen Zuständigkeit klar definieren

Dieter Möhring erklärt, wieso die Frage der Zuständigkeiten für viele Bürgermeister so wichtig ist: "Ich teile die Bedenken. Wir sind in so einer Phase, in der der Staat viel Verantwortung abgeben will an die Kommunen." In der Zukunft könne das zu Problemen führen, wenn die Kommunen zustimmen, sich um etwas kümmern, wofür sie eigentlich nicht zuständig sind.

Deshalb wird, so Möhring weiter, eine verbindliche Anlage zum Pacht- und Betreibervertrag gestellt, so dass die Kommunen aus der Verantwortung sind. "Es darf nicht vorrangiges Ziel sein, dass wir uns um alles kümmern. Wir müssen uns darum kümmern, wofür wir da sind." Doch er betont auch, dass man Tieren natürlich helfen könne, wenn für die Kommunen keine Last anfällt. "Sehr positiv finde ich auch, dass das Gehege nicht nur für den Schutz der Waschbären vorbehalten wird, sondern auch für die einheimischen Tierarten, wie Biber und Störche, gedacht ist."

Wie geht es weiter?

Britta Merkel hätte sich gewünscht, dass mehr den Tierschutzgedanken hinter dem Projekt erkennen. "Die Waschbären können auch nichts dafür, dass sie als Waschbären auf die Welt gekommen sind. Jetzt sind sie nun einmal da." Mit der Mehrheitsentscheidung steht der Bau des Geheges fest und kann nicht aufgehoben werden. Nun liegt es am Bauamt, wie lange der Antrag dauert und "es bleibt zu hoffen, dass das Wetter in den kalten Monaten mitspielt, damit das Gehege noch in diesem Jahr aufgestellt werden kann", so Merkel. Wenn nicht, dann machen es sich Ivy und Matze den Winter über in ihrem kleinen, provisorischen Gehege gemütlich.