Berlin
Mediennutzung

Gefährlicher Corona-Effekt: Immer mehr Kinder nach Social-Media und Spielen süchtig

Seit Beginn der Corona-Pandemie verbringen Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit auf Social-Media oder beim Zocken am PC und Handy. Eine neue Studie belegt: Wird das Nutzungsverhalten krankhaft, kann dies der Entwicklung langfristig schaden.
 
Kinder und Jugendliche nutzen ihr Handy täglich öfter und länger als vor der Pandemie, wie eine Forsa-Umfrage zeigt. Die meiste Zeit verbringen sie dabei auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.
Kinder und Jugendliche nutzen ihr Handy täglich öfter und länger als vor der Pandemie, wie eine Forsa-Umfrage zeigt. Die meiste Zeit verbringen sie dabei auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram. Foto: Adobe Stock (Symbolfoto)
  • Kinder und Jugendliche nutzen während Pandemie Handy und PC öfter
  • suchtartiges Nutzungsverhalten nimmt bei Zehn- bis 17-Jährigen zu
  • Spiel- und Social-Media-Sucht wirkt sich negativ auf Hobbys, Noten und Freundschaften aus
  • Experten raten zur Prävention: analoge Alternativen wichtig

Spielen kann süchtig und krank machen – das gilt nicht etwa nur für Poker, Roulette und andere Glücksspiele, sondern auch fürs Zocken am Handy und PC. Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden seit Beginn der Corona-Krise an Social-Media-Sucht und krankhaftem Computerspielverhalten. Das belegt eine neue Studie. Und die Forscher warnen: Ein pathologisches Nutzungsverhalten kann auch negative Folgen für soziale Beziehungen von Kindern und Teenagern haben.

Social-Media-Sucht nimmt unter jungen Nutzern zu

Durch die Pandemie hat die Gruppe der Zehn- bis 17-Jährigen deutlich mehr Zeit damit verbracht, am Smartphone oder PC zu spielen, über WhatsApp zu chatten oder andere Plattformen wie Instagram, Tiktok oder Snapchat zu nutzen. Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) fand bei einer Untersuchung heraus, dass bei mehr als vier Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen in Deutschland ein sogenanntes pathologisches Nutzungsverhalten vorliegt. Die Studie wurde von der Krankenkasse DAK in Auftrag gegeben. Bei Computerspielen habe sich die Zahl der Betroffenen, deren Nutzungsverhalten als Sucht kategorisiert werden kann, von rund 144.000 im Jahr 2019 auf 219.000 im Jahr 2021 erhöht. Bei der Nutzung von Social-Media-Plattformen stieg die Zahl von 171.000 auf 246.000.

Die DAK stellte die Studienergebnisse offiziell am Donnerstag (4. November 2021) vor. Der Vorstandsvorsitzende Andreas Storm forderte angesichts der steigenden Zahlen von der Politik eine „breite Präventionsoffensive, um die Medienkompetenz von Kindern und Eltern weiter zu stärken“. Die geschäftsführende Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) warb indes für mehr Prävention zuhause, in der Kita und in Schulen. „Ob altersgerechte Games und Serien, Social-Media, Smartphone oder Internet – all das funktioniert nicht ohne Kompetenz, ohne das Wissen, wie viel und was gut für mich ist“, betonte Ludwig. Das Thema werde zukünftig nicht kleiner, sondern größer. Prävention sei daher umso wichtiger.

„Der Anstieg der Mediensucht ist vor allem auf die wachsende Zahl pathologischer Nutzer unter den Jungen zurückzuführen“, erklärte Studienleiter Rainer Thomasius vom DZSKJ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Er warnte vor den Folgen, die durch die Vernachlässigung von Aktivitäten, Familien, Freunden und einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus entstehen können. „Da persönliche, familiäre und schulische Ziele in den Hintergrund treten, werden alterstypische Entwicklungsaufgaben nicht angemessen gelöst. Ein Stillstand in der psychosozialen Reifung ist die Folge.“

Kinder und Jugendliche verlieren Kontrolle über Mediennutzung

Eine krankhafte oder pathologische Nutzung diagnostizieren die Experten, wenn bei Betroffenen ein Kontrollverlust, eine „Priorisierung gegenüber anderen Aktivitäten“ und eine Fortsetzung der Nutzung trotz negativer Konsequenzen zu beobachten ist. „Hieraus resultieren signifikante Beeinträchtigungen in persönlichen, sozialen und schulisch-beruflichen Lebensbereichen“, erläutert Thomasius. Pathologische Spieler und Social-Media-Nutzer zocken oder chatten der Studie zufolge vier oder mehr Stunden am Tag.

Forsa befragte Kinder vor und während der Pandemie

Grundlage der Studie ist eine wiederholte Befragung von Eltern und Kindern durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa. Die erste Fragerunde fand bereits 2019 vor der Pandemie statt, die zweite zur Zeit der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020, eine weitere im November 2020, bevor die Schulen erneut geschlossen wurden und die vierte schließlich im Mai und Juni 2021, als Schulen nach monatelangen Schließungen und Wechselunterricht wieder zu einem gewissen Normalbetrieb zurückkehrten.

Die Kinder und Jugendlichen wurden dabei zur Dauer und den Motiven für die Nutzung von Spielen und Social-Media-Plattformen befragt und auch zu möglichen negativen Auswirkungen, die sie bei sich selbst feststellten. Also beispielsweise ob ihre Schulnoten oder ihr Verhältnis zu Freunden oder Familienmitgliedern darunter leiden würden.

Vor Corona nutzten die Befragten an Wochentagen knapp zwei Stunden Instagram, Snapchat, Tiktok oder andere Plattformen. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 erhöhte sich die Nutzung auf mehr als drei Stunden täglich. Im November, als Schulen zwar größtenteils wieder geöffnet hatten, das Freizeitangebot aber weiterhin stark eingeschränkt war, sank die Nutzung wieder leicht, lag aber immer noch deutlich über dem Niveau von 2019. Das blieb auch in diesem Mai und Juni so.

Computer-Spiele nehmen immer mehr Zeit in Anspruch

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich bei Spielen: Vor der Corona-Pandemie waren die befragten Kinder und Jugendlichen an Wochentagen durchschnittlich eine Stunde und 23 Minuten lang mit Computer- oder Online-Spielen beschäftigt, im April 2020 erhöhte sich die Nutzung stark, nämlich auf zwei Stunden und zwölf Minuten am Tag. Danach gab es wieder einen leichten Rückgang. Die Nutzungszeiten bei Spielen und Social Media unter der Woche und auch am Wochenende lägen immer noch „deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau“, ordnete Thomasius die Ergebnisse ein. Eine weitere Befragung soll im kommenden Jahr stattfinden. Diese könnte dann belegen, ob Corona wirklich dauerhafte Spuren im Nutzungsverhalten hinterlassen hat.

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, zeigte sich pessimistisch: „Gerade für Kinder und Jugendliche mit bereits davor riskanter Mediennutzung waren die Lockdowns ein erheblicher gesundheitlicher Gefährdungsfaktor, der den Übergang in eine pathologische Mediennutzung quasi katalysiert hat.“ Es sei zu befürchten, dass sich diese Fehlentwicklung auch nach Ende der Pandemie nicht einfach vollständig rückabwickeln lasse.

Eltern sollen analoge Alternativen anbieten

Thomasius verwies am Donnerstag auch auf Empfehlungen der Gemeinsamen Suchtkommission kinder- und jugendpsychiatrischer Fachverbände. Demnach sollten Kinder bis zum Schulbeginn nur analog lernen und spielen und nicht mit Hilfe digitaler Medien. Ein eigenes Smartphone sollte vor der fünften Klasse tabu sein und die Nutzung danach sollten Eltern steuern und beaufsichtigen.

Die Forsa-Studie hat sich zum Ziel gesetzt, Details zum kindliche Nutzungsverhalten und zum erlebten Kontrollverhalten aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen, aber auch aus der Sicht der Eltern zu erfassen. Für die Studie wurden 1250 Eltern bzw. Erziehungsberechtigte und jeweils ein dazugehöriges Kind im Alter von zehn bis 19 Jahren nacheinander befragt. Die Erhebung fand zwischen dem 19. Mai und 6. Juni 2021 statt.