Riskante Fahrmanöver, wahnwitzige Geschwindigkeiten jenseits des Tempolimits und Asphalt-Anarchisten, für die nur ihre eigenen Gesetze der Straße gelten: Um den Schauberg ranken sich in jüngster Zeit viele Geschichten, von denen inzwischen jeder Bewohner der umliegenden Orte ein paar parat hat. Die meisten klingen eher nach Wilder Westen anstatt öffentlicher Landesstraße, doch die Protagonisten sind immer dieselben: junge Leute aus der Umgebung, die auf ihren Rennmaschinen andere Verkehrsteilnehmer in Angst und Schrecken versetzen. Lange haben sie geschwiegen und still mit dem Kopf geschüttelt. Bis jetzt.

Ein knappes Dutzend Biker wartet an diesem späten Nachmittag in der sogenannten "Jubelkurve" - dem Ort am Rande der L 1152, der inzwischen zu einem Treffpunkt für Freunde und Gleichgesinnte geworden ist. Sie sind skeptisch und haben Redebedarf. Viele Dinge, die in letzter Zeit berichtet wurden, würden so nicht stimmen. "Es geht hier um ein bestimmtes Klischee, das allen Fahrern aufgezwängt wird", platzt es aus einem jungen Mann heraus. "Es reicht schon, wenn du eine bestimmte Maschine fährst." Namentlich genannt werden möchte keiner von ihnen. "Doch man kann uns immer ansprechen, wenn wir hier sind", beteuert einer von ihnen. Nur: "Es spricht keiner mit uns."

Doch auch ohne das direkte Gespräch mit den Bikern zu suchen, würden die anderen Verkehrsteilnehmer sehr deutlich zeigen, was sie von ihnen halten. In den vergangenen Wochen habe sich die Diskussion über die Fahrweise einiger Biker am Schauberg zu einer pauschalen Hetzjagd auf Motorradfahrer hochgeschaukelt. Autofahrer, die ihnen den Stinkefinger zeigen, seien da noch harmlos. "Einer hat neulich einen richtigen Schlenker gemacht, als ich ihn überholt habe", erzählt ein Biker. Als er ihn ein paar Kilometer später auf das riskante Lenkmanöver angesprochen hat, sei ihm sofort mit der Polizei gedroht worden. "Dabei hat er mich fast von der Straße gedrängt."

Einem anderen ist laut eigener Aussage durch das offene Fenster zugerufen worden, dass er sterben gehen soll. "Als Motorradfahrer bist du von vornerein der Dumme", berichtet ein anderer. "Aber keiner spricht über die Porsche-Fahrer, die hier genauso unterwegs sind und mit ihrer Fahrweise ständig andere gefährden."

Einige schwarze Schafe in der Szene

Dass es unter Bikern einige schwarze Schafe gibt, die die kurvenreiche Straße als Rennstrecke missbrauchen, streiten die jungen Leute aus der Umgebung gar nicht ab. "Aber das sind die Leute von außerhalb, die hier ohne Rücksicht hoch und runter rasen und dann wieder weg sind", schildert einer der örtlichen Biker. "Darunter sind auch viele SuMo-Fahrer (Supermoto), die auf dem Hinterrad durch die Ortschaften fahren", ergänzt eine junge Frau, die laut eigener Aussage auch Mutter ist. "Von so was distanzieren wir uns ganz klar. Viele von uns haben Familie. Wir wollen hier nicht unser Leben riskieren."

Um ein Zeichen zu setzen - und bislang uneinsichtige Fahrer zur Vernunft zu bringen - , haben einige der örtlichen Biker ein Gedicht verfasst, welches nun auch auf der "Getränkekiste" in der Jubelkurve ausliegt. "Der Schauberg ist für alle da, für Biker nur ein halbes Jahr. Halte deine Fahrbahn ein. In der Kurve könnte Gegenverkehr sein. Überhole stetig mit Bedacht. Es wäre schade, wenn es kracht", lauten einige der Verse.

Im Großen und Ganzen, da sind sich die Biker einig, ist der Schauberg sicher. "Auch wenn die Polizei etwas anderes behauptet: Es passiert sehr, sehr selten, dass mal jemand wegrutscht", behauptet ein junger Mann, der auch auf anderen bei Bikern beliebten Strecken unterwegs ist. "Am Kyffhäuser beispielsweise passieren ständig schwere Unfälle." Dort sei der Rettungshubschrauber in den Sommermonaten häufig im Einsatz.

Sieht schlimmer aus als es ist

Dass das in Schauberg nicht passiert, zeuge von ihrer umsichtigen Fahrweise - wenngleich das für Laien anders aussieht. "Es sieht zwar gefährlich aus, wenn wir in den Kurven mit dem Knie die Straße berühren", erklärt einer von ihnen. Dabei diene der sogenannte Kneedown - das Herausausdrücken des Knies - der Sicherheit. "Man ist stabiler in den Kurven - die man sowieso nicht mit 70 Stundenkilometern fahren kann. Das wäre Irrsinn. Wir wissen, wie weit wir gehen können."

Trotzdem finden in den Sommermonaten jedes Wochenende Polizeikontrollen statt. "Kontrollen sind wichtig. Doch es sollte verhältnismäßig sein", berichtet ein Biker, der vor zwei Wochen ebenfalls kontrolliert wurde. So sei eine Maschine wegen einem offenen Kupplungsdeckel stillgelegt worden - mit der Begründung, dass die offene, rotierende Kupplung gefährlich sein könnte, wenn beispielsweise ein kleines Kind bei laufendem Motor seinen Finger in die Öffnung steckt.

Trotzdem hoffen sie, dass der Schauberg auch künftig für alle da ist und nicht am Wochenende für Motorräder gesperrt wird. "Man muss nicht 20 Mal die Strecke fahren, wir wollen doch den Frieden wahren!" - so heißt es in dem Gedicht, das zeigt: Am Ende wollen alle am Schauberg das Gleiche.