Das leise Surren des Motors klingt nach Kilometern entfernt. Doch bereits wenige Sekunden später erscheint das Motorrad oben in den Serpentinen, der Fahrer steuert seine Rennmaschine in rasantem Tempo hinab ins Tal. Im letztmöglichen Augenblick bremst er ab und nimmt die Kurve in dieser Art Schräglage, bei der die Kniescheibe unter dem Lederanzug auf dem Asphalt reibt. In der Ausfahrt treibt es ihn in den Gegenverkehr. Was wäre wenn? - Die Szene bleibt unspektakulär, weil in diesem Moment kein Auto hinter der nächsten Kurve entgegenkommt.

Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es in einer der 14 Kurven vor dem Schauberger Ortsschild zur Kollision kommt, da sind sich viele, die die Strecke gut kennen, sicher. Die Einheimischen, andere Verkehrsteilnehmer, die Polizei, ja sogar die Behörden. Nur diejenigen, die gerne die Strecke auf und abrasen, wollen davon nichts hören. "Das sieht schlimmer aus, als es ist", beschwichtigt ein junger Mann grinsend, der gerade seine obligatorischen Feierabendrunden gedreht hat. Ob er aus der Gegend stammt? "Nein, ich komme von weiter weg. Aber ich fahre hier gerne lang. Die Strecke liegt auf meiner Lieblingsroute."

Die L 1152 - unscheinbar auf dem Papier, doch Motorsport-Fans aus dem In- und Ausland zaubert ihr Name ein Funkeln in die Augen.

Für junge Motorradfreunde aus der Umgebung ist der 3,4 Kilometer lange Straßenabschnitt nicht nur ein Abenteuerspielplatz. Sie treffen hier ihre Freunde und lernen Gleichgesinnte kennen. Biker von überall nehmen für sie weite Strecken in Kauf - viele von ihnen wollen einfach cruisen und die Kurven genießen, doch ein kleiner, uneinsichtiger Teil will sich hier austoben und ins Risiko gehen. Noch ein wenig mehr Gas geben, noch ein bisschen später bremsen, die Kurve noch ein wenig enger nehmen.

Häufig klappt das, gelegentlich aber auch nicht. "Stürze kommen schon mal vor", gibt ein Fahrer ungeniert zu, der eben seine Maschine in der sogenannten "Jubelkurve" abgestellt hat und nun seinen Helm absetzt. Das Gute hier sei aber, dass die Strecke für Motorradfahrer relativ sicher ist. Er deutet auf den Unterfahrschutz in den Kurven - eine Barriere aus Stahl, die verhindert, dass Motorradfahrer beim Abrutschen mit hoher Geschwindigkeit unter die Leitplanke geraten. "Wenn es jemanden hinlegt, geht es eigentlich meistens glimpflich aus."

Andere Fahrer als Fremdkörper

Jemand, der das bestätigen kann, ist Michael Müller, Notarzt aus Sattelgrund und selbst ehemaliger Biker: "Das Verletzungsrisiko für Motorradfahrer ist auf dieser Strecke eigentlich gering." Meist bleibe es dann eben bei Schürfwunden, blauen Flecken und Blechschäden - kein Vergleich zu den Verletzungen, die er nach Motorradunfällen bereits versorgt hat. Doch genau in dieser scheinbaren Sicherheit liegt seiner Ansicht nach die Gefahr: "Im Sturzgeschehen kannst du nicht beeinflussen, wo du hin rutscht."

Sich vorsätzlich über das Straßengesetz hinwegzusetzen und andere Verkehrsteilnehmer als störende Fremdkörper anzusehen - da hört auch für Müller der Spaß auf. "Als schneller Fahrer muss ich auch Verantwortung für die anderen Verkehrsteilnehmer übernehmen." Es könne nicht sein, dass vereinzelte Gruppen im Pulk den ganzen Tag die Strecke rauf und runter knallen.

Klar, die Kurven seien für Biker traumhaft. Darum schalte sich bei einzelnen Fahrern schlicht die Vernunft aus. Dass die Situation vor Ort inzwischen so verfahren ist, überrascht Müller nicht: "Diese Straße ist als Rennstrecke gebaut worden. Es war von Anfang an klar, dass sie bei Motorradfahrern sehr beliebt sein wird."

Viele Auto- und Fahrradfahrer fühlen sich inzwischen nicht mehr sicher. "Ich habe schon Angst, wenn ich hier unterwegs bin", erzählt Matthias Hanuschke, der sich selbst als Wochenend-Radfahrer bezeichnet. "Plötzlich hört man sie anrasen und muss erst einmal schauen: ,Kommen sie von oben oder von unten?‘" Sein Chef habe sich inzwischen sogar für den Fall der Fälle eine Dash Cam zugelegt- eine Kamera vorne im Auto, die bei Unfällen das Geschehen filmt -, "damit er beweisen kann, wer Schuld hat, falls etwas passiert."

Nun versucht das Landratsamt Sonneberg, der Lage wieder Herr zu werden und will die Strecke am Wochenende für Biker sperren - viele der Fahrer aus der Gegend können darüber nur lachen. "Dann verschiebt sich das eben und es wird unter der Woche noch mehr gefahren", kündigt der junge Mann an diesem Tag in der Jubelkurve an.

Jüngst hat der Bundesverband der Motorradfahrer fälschlicherweise auf seiner Homepage berichtet, dass das zuständige Verwaltungsamt einer Sperrung nicht zugestimmt hat und die Anordnung vom Tisch ist. "Somit hat Sachverstand über den Populismus der Lokalpolitik gesiegt", lautet das Fazit des Autors.

Genau dieses uneinsichtige Verhalten ist auch Sicht von Tettaus Bürgermeister der Grund, der eine Sperrung notwendig macht. Peter Ebertsch zeigt ein Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Motorrad mitten auf der Strecke brennt. "Dem Motorradfahrer passiert in so einem Fall nicht viel, der kann noch rechtzeitig abspringen", vermutet der Bürgermeister. "Aber als Autofahrer muss ich nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Wenn mir dann das Motorrad in die Seite kracht, bin ich tot." Es sei im Notfall nicht einmal möglich, schnell Hilfe zu holen, weil sich die gesamte Strecke in einem Funkloch befindet.

Bürgerkriegsähnliche Zustände

Selbst umfangreiche Polizeikontrollen alleine können aus Ebertsch Sicht das Problem in Schauberg nicht mehr lösen. "Es herrschen hier teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände", schildert er und verweist auf die gute Vernetzung innerhalb dieser Szene. "Wenn die Polizei kommt, werden die informiert und dann ist die Straße leer gefegt. Kaum ist sie wieder weg, geht es von vorne los."

Sollte die Sperrung, die er als unabdingbar erachtet, kommen: Die Leidtragenden wären diejenigen, die sich an die Verkehrsregeln halten. Denn, das weiß auch der Bürgermeister: "Die Masse fährt normal."