Matze und Ivy brauchen ein Zuhause, sonst werden sie wahrscheinlich sterben. Die zwei Waschbären sind als verwaiste Jungtiere von Privatleuten gefunden worden und wurden in die schützenden Hände von Britta Merkel, Vorsitzende der Tierschutzinitiative (TI) Haßberge, gegeben. Für ein artgerechtes Leben ihrer pelzigen Ziehkinder forderte Merkel im Rahmen eines Pilotprojekts des Deutschen Tierschutzbundes ein Wildtiergehege am Tierheim des Landkreises in Zell (wir berichteten).

Mit ihrem Antrag stieß sie bereits im Zweckverband "Fundtier Haßberge" auf Gegenwind, konnte die knappe Mehrheit aber für sich gewinnen. Nicht alle Bürgermeister begrüßen die Ansiedlung der invasiven Tierart, akzeptieren die Mehrheitsentscheidung aber. Unter anderem fühlten sich einige Mitglieder des Zweckverbands vor den Kopf gestoßen, schließlich wurde das Tierheim nicht für diesen Zweck gebaut. Auch einige Bürger sind gegen den Bau des Geheges, jüngst schürte ein Artikel der Mainpost die Debatte an. Nun sah sich der Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes in der Pflicht, auf den Artikel "Streiflichter: Luxussuite für Waschbären im Tierheim?" mit einem Brief zu reagieren, um Halbwahrheiten zu beseitigen.

Was steht in der EU-Verordnung?

Seit 2016 hat die Europäische Union (EU) eine Regelung erlassen, in der das Auswildern von Waschbären verboten ist. "Da Waschbären eigentlich aus Amerika stammen und hierzulande als sehr anpassungsfähige Jäger eine Gefahr für heimische Wildtiere darstellen, hat die EU sie auf die Liste invasiver Arten gesetzt, die bekämpft werden müssen. Natürlich lässt die TI-Chefin ihre Jungtiere nicht einfach abknallen, wie es die EU-Richtlinie eigentlich vorsieht", heißt es im Artikel.

Ilona Wojahn, Präsidentin des Landesverbands des Deutschen Tierschutzbundes, äußert sich dazu: "Es ist richtig, dass sie eine gebietsfremde Art sind, die sich ausbreitet und hin und wieder auch Schäden anrichten kann. Daher hat sie die EU als invasiv eingestuft. In der Folge bedeutet das, dass die Mitgliedstaaten ein Management umsetzen müssen, wobei die Wahl der Mittel, egal ob Abschuss, Kastration oder anderes, den Ländern überlassen bleibt", erklärt sie und betont: "Es besteht also weder die Vorgabe, Waschbären zu bekämpfen, noch sie zu töten. Die Aussage des Artikels, dass die EU-Richtlinie hierzulande eigentlich vorsähe, die Jungtiere einfach abzuknallen, ist also schlichtweg falsch."

Das Problem mit der Bejagung

Für die Tierschützer sei es - invasive Art hin oder her - keine Option, kerngesunde Tiere zu töten, wie Britta Merkel verdeutlichte. Hier wünsche sie sich bei einigen Menschen mehr Empathie für andere Lebewesen. Gerade durch die ganzjährige Bejagung, auch während der Jungenaufzucht, kommt es gemäß des Schreibens dazu, dass verwaiste Jungtiere, deren Mütter geschossen wurden, von Privatpersonen gefunden und aufgezogen werden. "Die Aufzucht verwaister Waschbären ist laut den Managementmaßnahmen der Bundesländer zur EU-Verordnung dezidiert erlaubt und vorgesehen", so Wojahn.

Tierschützer sehen dringenden Handlungsbedarf

Letztlich bestehe durch die Bejagung und das Problem mit den Waisen dringender Handlungsbedarf, so die Tierschützerin weiter, denn weder Privatpersonen noch kleine Tierheime können die Tiere dauerhaft verwahren - zumal bei der Haltung Standards des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft eingehalten werden müssen. "Daher hat der Landesverband Bayern des Deutschen Tierschutzbundes beschlossen, in ausgewählten Tierheimen Möglichkeiten zu schaffen, verwaiste Waschbären gesetzeskonform dauerhaft unterzubringen und hierfür möglichst artgerechte Gehege zu schaffen", erklärt Wojahn das Pilotprojekt.

"Geplant ist ein 120 Quadratmeter großes Gehege mit vier Abteilungen, in dem bis zu zehn Waschbären Unterschlupf finden können", veranschaulichte Britta Merkel bereits die Baupläne. Auch andere Wildtiere könnten dort Platz finden. Im Gehege werden Bäume und Sträucher angepflanzt sowie ein Wasserlauf und Wasserbecken angelegt.

Nicht alle befürworten die Pläne: "Die Waschbären bekommen ihre Vier-Zimmer-Luxussuite mit Vollpension auf Lebenszeit. Das wären in freier Natur zwei bis drei Jahre, in Gefangenschaft bis zu 20 Jahre", so ein Auszug des Artikels.

Wojahn entgegnet: "Das Vorhaben zynisch als Vier-Zimmer-Luxussuiten abzutun, ist angesichts der dahinterstehenden gravierenden und menschengemachten Tierschutzproblematik nicht angebracht." Jedes Tier habe in menschlicher Obhut ein moralisches Anrecht auf artgemäße Unterbringung und Pflege. Nicht umsonst stehe der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetz.

Wer finanziert das?

Des Weiteren kursiert die Behauptung, dass die Finanzierung des Projekts durch die Kommunen erfolgen soll. Das ist nicht wahr, wie Britta Merkel bereits erklärte: Etwa 10 000 Euro Förderung erhält der Verein vom Landesverband, 20 000 Euro muss die TI in die Hand nehmen. "Es werden also keine kommunalen Mittel verwendet - weder für die Einrichtung der Gehege noch für die Betreuung der Tiere. Dies wurde auch vertraglich mit dem Zweckverband Fundtiere Haßberge festgeschrieben", versichert Wojahn.

Die unerwarteten, kritischen Stimmen lösen Unverständnis und Unmut bei den Tierschützern aus - könnten sie aber kalt lassen. Der Bau des Geheges kann nicht mehr verhindert werden, schließlich wurden die Pläne bereits behördlich geprüft und genehmigt. Auch durch die Mehrheitsentscheidung des Zweckverbands "Fundtier Haßberge" werden Ivy und Matze bald ein artgerechtes Leben im Landkreis führen und ein dauerhaftes Zuhause erhalten - welches für andere Artgenossen und Wildtiere offen steht.

Was halten Sie vom Bau des Geheges? Umfrage im Netz zeigt deutliches Ergebnis Meinung

In einer ersten Umfrage innerhalb unseres Online-Artikels auf inFranken.de haben elf Leser abgestimmt: 75 Prozent tendieren zur Meinung "Ich bin dafür, dass ein Wildtiergehehe am Tierheim erreicht wird", 25 Prozent tendieren zur gegenteiligen Meinung "Ich finde es nicht gut, dass Waschbären im Landkreis angesiedelt werden". Ein ähnliches Meinungsbild zeichnet sich in einer zweiten Umfrage in der Facebook-Gruppe "Was braucht der Landkreis Haßberge?" und auf der Facebook-Seite "Fränkischer Tag Haßberge" ab. 73 Abonnenten - und damit die deutliche Mehrheit - gaben an, für das Wildtiergehege zu sein. 23 Bürger sprachen sich gegen den Bau des Wildtiergeheges aus, während neun Nutzer angaben, dass sie kein Interesse an dem Thema hätten und sie dem Bau des Geheges neutral gegenüberstehen. juru