Obwohl in Deutschland etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche in einer Familie mit mindestens einem suchtkranken Elternteil leben, ist die Problematik ein Tabu. Dabei könnte sowohl den Erwachsenen als auch den Kindern geholfen werden, wenn - ja, wenn darüber gesprochen würde. Dabei soll die "Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien" helfen, an der sich diese Zeitung mit einer Telefonaktion beteiligte.

Dazu hatten wir zwei Expertinnen in unsere Redaktion eingeladen: Prof. Dr. Eva Robel-Tillig, Chefärztin der Kinderklinik am Klinikum Bamberg, und Stephanie Roth, Diplompsychologin und Leiterin der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern bei der Caritas Bamberg-Forchheim. Ihnen ist es wichtig, die Nöte der suchtbelasteten Familien in die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu ist jetzt ein guter Zeitpunkt: Die Aktionswoche findet alljährlich im Februar unter dem Motto "Vergessenen Kindern eine Chance geben" statt. Die Idee dazu stammt aus den USA. Deutschland, Großbritannien, die Schweiz und Schweden schlossen sich an.

Die "Children of Alcoholics/Children of Addicts", kurz "COA", sind in Deutschland nicht etwa eine Randgruppe. "Alkohol und Drogen kommen in allen Bevölkerungsschichten und häufiger vor, als man glaubt", sagen Robel-Tillig und Roth. Etwa jedes sechste Kind wächst in einer Familie auf, in der Alkohol- oder Drogenabhängigkeit herrschen. Ihr Risiko, selbst eine Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln, ist hoch. "Aber mit rechtzeitiger Unterstützung können sie sich zu gesunden Erwachsenen entwickeln."

Deshalb wollen sie den Familien einen Weg aufzeigen. "Sucht ist eine Erkrankung. Man kann sie bekämpfen. Aber diesen Weg kann und muss man auch nicht alleine gehen." Für Robel-Tillig und Roth ist klar: "Die Betroffenen brauchen Hilfe und müssen gesund werden." Geholfen werden kann aber nur, wenn die Probleme auf dem Tisch liegen. Und dazu gehört es eben, dass darüber gesprochen wird - so wie bei unserer Telefonaktion. Im Folgenden fassen wir wichtige Fragen und Antworten zusammen.

Mein Sohn ist Alkoholiker und seine Frau trinkt ebenfalls. Die beiden haben zwei kleine Kinder, die ich immer wieder betreue. Wie kann ich dabei helfen, den Sucht-Kreislauf zu durchbrechen?

Wenn Sie einen guten Draht zu den Eltern haben, wäre es wichtig, das Problem in einer guten Form anzusprechen. Sagen Sie, dass Unterstützung von außen nötig ist. Beschreiben Sie, was Ihre Sorgen für die Kinder sind. Dass Sie die Kinder betreuen ist zwar gut, aber es hält auch ein ungesundes System am Laufen.

An wen kann man sich als Angehöriger wenden, wenn man suchtkranke Familienmitglieder ansprechen möchte?

In Suchtberatungs- oder Familienberatungsstellen können Sie sich Tipps für das Gespräch holen, auch niedergelassene Kinderärzte können eine Sozialberatung machen. Überlegen Sie sich im Vorfeld, was Sie ansprechen wollen - und ob Sie sich das überhaupt trauen. Es hat wenig Sinn, nur einmal laut zu poltern. Man muss ein solches Gespräch und die Konsequenzen durchhalten.

Wo gibt es Beratungsstellen?

Suchtberatungsstellen gibt es ganz in Ihrer Nähe. Wo genau in jeder Region lässt sich zum Beispiel am jeweiligen Gesundheitsamt erfragen, auch stehen Jugendämter als Ansprechpartner zur Verfügung.

Gibt es spezielle Beratungsangebote, wenn die Kinder noch klein sind?

Ja, die koordinierenden Kinderschutzstellen, kurz KoKi. Sie sind gut vernetzte Ansprechpartner für Familien mit Kindern von 0 bis 3 Jahren und können Lotsen für weitere Hilfen sein. Infos und Adressen unter www.blja.bayern.de/hilfen/koki/index.php.

Was passiert mit den Kindern, wenn sie mit suchtkranken Eltern aufwachsen?

Kinder erleben häufig einen Alltag, der von Unsicherheiten geprägt ist - finanzielle Nöte, ein wenig stabiles Erziehungsverhalten und vieles mehr. Das erschwert es Kindern, eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufzubauen. Selbstwertprobleme oder die Übernahme von Elternaufgaben können die Folge sein.

Ich habe schon so oft versucht, vom Alkohol wegzukommen. Aber ich schaffe es einfach nicht. Jetzt bin ich wieder schwanger. Ich will doch einfach nur eine gute Mutter sein. Vielleicht habe ich dieses Mal die Kraft, mit dem Trinken aufzuhören.

Wir wünschen es Ihnen. Holen Sie sich Unterstützung. Eine Schwangerschaft kann ein Antrieb sein, aus der Sucht herauszukommen. Aber das Kind darf nicht als Problemlösung herhalten.

Was ist schlimmer: Alkohol oder Drogen?

Grundsätzlich muss hier eines klargestellt werden: Das große Problem des Alkohols ist, dass seine Bedeutung und Auswirkungen oft heruntergespielt wird. Wenn jemand betrunken ist, geht das als Kavaliersdelikt durch. Wenn einer wegen Drogen umfällt, lacht keiner mehr.

Wie können Kinder unterstützt werden?

(Außer)familiäre Bezugspersonen können für Kinder und Jugendliche wichtige Ansprechpartner sein, auch um einmal einen sorgenfreien Tag erleben zu können. Das Sammeln positiver eigener Erfahrungen ist wichtig. Einige Beratungsstellen bieten für Kinder aus suchtbelasteten Familien auch spezielle Gruppenangebote an, die Kindern die Sucht ihrer Eltern erklären und ihnen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Stärken kennenzulernen.

Schadet ein Glas Sekt zum Anstoßen auf die Schwangerschaft?

Klare Devise: Null Promille in der Schwangerschaft. Das hat man früher nicht so streng gesagt, aber heute sind die Fakten klar. Das Kind kann ein fetales Alkoholsyndrom erleiden und Funktionsverluste im täglichen Leben haben. Dafür muss die Mutter nicht schon eine längere Zeit getrunken haben. Es reicht, wenn sie in der Schwangerschaft einmal Alkohol getrunken hat.

Kann man nach der Geburt erkennen, ob das Kind geschädigt ist?

Die Kinder mit einem fetalen Alkoholsyndrom fallen durch einen kleinen Kopf, geringeres Gewicht und spezielle Merkmale im Gesicht auf. Das ist jedoch in der Kinder ärztlichen Routine oft schwer zu erkennen bei seltenen Arztbesuchen.

Meine Schwester nimmt Drogen und ist schwanger. Wenn sie jetzt einen Entzug schafft, ist dann das Kind gerettet?

Das kann man nicht pauschal sagen. Bei Drogen muss man unterscheiden: Der Konsum von Opiaten wie Morphin, Methadon oder Heroin macht fürchterlich abhängig. Ein Entzug ist möglich, aber ebenfalls fürchterlich. Allerdings hat man danach keine kaputte Leber oder Niere wie nach einer Alkoholsucht.

Ich habe Angst, dass meine schwangere Tochter Chrystal nimmt. Aber das würde ich ihr ansehen, oder?

Nein. Den Konsum von Amphetaminen sieht man den Leuten nicht an, auch wenn Chrystal Meth die Betreffenden total fertig und krank macht und das Gehirn zerstört. Die Konsumenten sehen normal aus, fallen höchstens dadurch auf, dass sie extrem leistungsfähig sind. Vielleicht können Sie in Ruhe mit Ihrer Tochter sprechen. Holen Sie sich Hilfe in einer Beratungsstelle. Aus dem Meth-Konsum kommt man nicht alleine heraus.

Kann man Kinder therapieren, die durch eine alkoholkranke Mutter in der Schwangerschaft geschädigt wurden?

Helfen kann man immer durch Beratung, Physiotherapie, Strukturen geben. Heilen kann man nicht. Eine Schädigung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Auch im Erwachsenenalter kann eine Beeinträchtigung noch ersichtlich werden. Eine Förderung der Kinder ist dennoch wichtig.

Neues Präventionsprojekt in Bamberg

Wildfang Am 24. April startet in Bamberg ein kostenfreies Präventionsprogramm für Kinder von acht bis zwölf Jahren, die in suchtbelasteten Familien aufwachsen. Sie treffen sich unter psychologisch-pädagogischer Anleitung in einer kleinen Gruppe zu Gesprächen und Aktionen in der Natur. Anmeldung Bis zum 10. März sind Anmeldungen zu "Wildfang" bei der Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern unter Telefon 0951/2995730 und per E-Mail an eb@caritas-bamberg-forchheim.de möglich.irfe