An mehreren Stationen in Europa wurden Spuren von Ruthenium 106 nachgewiesen. Der strahlende Stoff ist offenbar auch nach Deutschland gelangt. Inzwischen liegen Auswertungen von sechs deutschen Umweltstationen vor, die Ruthenium 106 in der Luft gemessen haben: Görlitz, Arkona/Rügen, Greifswald, Angermünde, Cottbus und Fürstenzell in Bayern. Wie der Stoff nach Deutschland gelangt ist und woher er kommt ist unbekannt.
Die Werte bewegen sich nahe an der Nachweisgrenze, und sie sind weit von jeder Marke entfernt, bei der eine Gesundheitsgefahr bestehen könnte. Aber sie könnten ein Anzeichen dafür sein, dass in Europa oder in der Nachbarschaft Europas radioaktives Material in die Umwelt gelangt ist.

Inzwischen konnte das BfS nach dem Abgleich der Daten internationaler Messstationen die mögliche Quelle für das Ru-106 genauer lokalisieren: das östliche Osteuropa, mindestens 1000 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.


"Keine Gefahr"

Bei dem radioaktiven Material, das zuerst in Österreich gefunden wurde und inzwischen auch an mehreren Messstellen in weiteren europäischen Ländern nachgewiesen wurde, am Donnerstag auch im sächsischen Görlitz, handelt es sich um Ruthenium 106 (Ru-106), ein radioaktives Isotop eines sehr seltenen und teuren Metalls.

Sowohl die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) als auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) haben keine Erklärung dafür, wie die Substanz in die Atmosphäre gelangt ist. Einig sind sich die beiden Behörden in der Einordnung: "Der Stoff ist in so geringer Konzentration nachgewiesen worden, dass eine Gefahr für Umwelt und Gesundheit ausgeschlossen werden kann", sagt ein Sprecher des BfS.


Nicht aus Kernkraftwerk

Die deutschen Strahlenschützer schließen einen Unfall in einer kerntechnischen Anlage als Quelle "definitiv aus": Bei einem solchen Störfall könnte zwar auch Ru-106 freigesetzt werden, allerdings in weit geringerer Menge als andere strahlende Stoffe (Cäsium, Iod).

Bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl trug Ru-106 nur 2,9 Prozent zur freigesetzten Radioaktivität bei. Die BfS-Experten im Umkehrschluss: Hätte es einen Nuklear-Störfall (oder einen Kernwaffentest) gegeben, müssten die Geräte lange vor Ru-106 andere Radio-Isotope finden.


Medizin und Raumfahrt

Ruthenium 106 wird in der Medizin verwendet (Nukleartherapie), und auch in den Radionuklid-Batterien, die Satelliten im All mit Strom versorgen, ist der Stoff enthalten. Ru-106 könnte also durch einen Unfall mit einem medizinischen Gerät oder durch den Absturz eines Satelliten, der in der Atmosphäre verglüht ist, freigesetzt worden sein; aber das ist Spekulation.
Die Strahlenschutzexperten werden in den nächsten Tagen die Daten weiterer Messstationen auswerten, um Auffälligkeiten zu entdecken, die bei der Mess-Routine vielleicht unentdeckt geblieben sind.
Keinen Zusammenhang gibt es mit einem auffallenden Peak bei der Gammastrahlung, der am 1. Oktober auch in vielen fränkischen Messgeräten für einen deutlichen Ausschlag sorgte. Ursache dafür war der starke Regen am Tag davor, durch den radioaktive Stoffe aus der Luft ausgewaschen wurden.

In Deutschland gibt es ein feinmaschiges Netz mit mehreren tausend Messgeräten, die laufend die Radioaktivität in der Luft messen. Die kommt aus natürlichen Strahlenquellen und wurde/wird vom Menschen mit verursacht (Kernwaffentests, Atom-Unfälle ...) . Das Netz ist so eng und die Messtechnik so sensibel, dass Störfälle schnell erkannt werden. Einige Daten (Gammastrahlung-Belastung) stehen online zur Verfügung unter: https://odlinfo.bfs.de.