In einem Punkt unterscheidet sich die Aufregung um das Fipronil im Ei von anderen, vergleichbaren Lebensmittel-Skandalen: Es gibt kein endloses Hin- und Hergeschiebe der Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern und von Behörde zu Behörde. Bei Fipronil gleicht sozusagen ein Ei dem anderen: Die Verwirrung ist überall gleich groß.

Gut einen Monat nach den ersten Meldungen, wonach ein verbotenes Insektizid über Desinfektionsmittel im Hühnerstall und dann im Ei gelandet ist, folgt unsere Redaktion nach einer Leseranfrage den Spuren eines Stoffes, den vor fünf Wochen nur eine Handvoll Experten kannten: Fipronil.


Nicht zugelassen

Der Wirkstoff wird eingesetzt, um Insekten, Läuse vor allem, zu vernichten. In der Produktionskette von Lebensmitteln ist das Gift nicht zugelassen, trotzdem haben es Landwirte in den Niederlanden und in Belgien und wohl auch in einigen Betrieben in Deutschland eingesetzt; ob wissentlich oder nicht, prüft die Staatsanwaltschaft; Fipronil war in Desinfektionsmitteln enthalten, die Hühnerhalter im Stall benutzen.

Zwar war die Giftdosis im Ei am Ende klein, aber die Aufregung groß, denn Gift bleibt Gift, auch wenn es, wie alle Behörden versichern, den Verbraucher nur in einer Menge erreicht hat, die gesundheitlich unbedenklich ist. Doch nach BSE und Pferdefleisch in der Lasagne, nach Nikotin und Dioxin-Eiern reagiert der Verbraucher schon auf kleinste Dosen allergisch: Millionen Eier, insbesondere bei den Discountern, mussten aus dem Verkehr gezogen werden.


Keine konkreten Zahlen

Wie viele waren/sind es genau? Auf diese Frage gibt es heute immer noch keine Antwort. "Aufgrund der vielfältigen Lieferwege und parallel laufender Maßnahmen der Wirtschaft, des Handels und der Behörden ist es nicht möglich, hier eine konkrete Zahl zu nennen", sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Ähnlich äußert sich Martina Junk vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit: "Aus unserer Sicht ist die Nennung einer konkreten Zahl nicht sinnvoll, da diese sich aufgrund der Dynamik der laufenden Ermittlungen laufend ändern kann."

Im Raum stehen Zahlen zwischen 15 und 30 Millionen Eiern, wobei Organisationen wie Foodwatch der Meinung sind, dass diese Mengen das untere Ende der Skala markieren, weil ein Großteil der Eier gar nicht in den Handel kommt, sondern in der Lebensmittelindustrie weiter verarbeitet wird.


Gefahr im Eierlikör?

Geht also auch von Nudeln, Kuchen und Eierlikör eine potenzielle Gefahr aus, und zwar nicht nur für das Idealgewicht? Das hält das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin für "sehr unwahrscheinlich", wie es auf Anfrage der Redaktion heißt: Die Fipronil-Gehalte waren demnach bereits in den Eiern sehr niedrig, "und bei der Verarbeitung wird der Stoff weiter verdünnt". Das BfR kommt zu dem Schluss, dass sich "für die Verbraucher, einschließlich Kinder, nach dem derzeitigen Kenntnisstand keine Überschreitung" der Grenzwerte durch den Verzehr von Fipronil-haltigen Lebensmitteln ergibt.

So weit, so gut - oder auch nicht. Foodwatch, andere Umwelt- und Verbraucherorganisationen und auch die Grünen im Bundestag sind mit der Informationspolitik zu den "Ü-Eiern" alles andere als zufrieden und fordern neben der lückenlosen Aufklärung vor allem auch Konsequenzen bei der Tierhaltung und bei der Kontrolle der Betriebe.


Wo landen die Gift-Eier?

Spätestens an diesem Punkt dürfte ganz schnell wieder das Gerangel um Kompetenzen und Zuständigkeiten zwischen EU, Bund und Ländern beginnen, die ja bei den Eiern und anderen landwirtschaftlichen Produkten alle irgendwie die Hände im Spiel haben. Wie verflochten, man könnte auch sagen verworren dieser Komplex ist, zeigt sich bei der dritten Frage, die wir den Behörden gestellt haben: Wie muss man sich die Entsorgung/Vernichtung von 15 oder 30 Millionen oder noch mehr Eiern vorstellen?

Für den Verbraucher ist die Antwort einfach: Entdeckt er ein verdächtiges Produkt, das er bei sich im Kühlschrank hat, auf einer der "schwarzen Listen", die es im Internet gibt (www.lebensmittelwarung.de), so kann er es schlicht über den Restmüll entsorgen. Das Ei landet dann in der Müllverbrennung.

Bei Millionen Hühnerprodukten wird es schwieriger. In diesem Fall greift das Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz, früher Tierkörperbeseitigungsgesetz. Das regelt auf der Grundlage mehrerer Verordnungen der Europäischen Union, wie mit tierischen Abfällen jeder Art zu verfahren ist.


Abfall der "Kategorie 1"

Zuständig dafür sind in Bayern kommunale Zweckverbände und von ihnen beauftragte Betriebe, die im Freistaat sechs Anlagen betreiben, darunter für Nordbayern eine in Walsdorf (Landkreis Bamberg). Die frühere Tierkörperbeseitigungsanlage nennt sich jetzt VTN (Verarbeitungsbetrieb Tierischer Nebenprodukte). In solchen Betrieben werden Tierkadaver und andere organische Abfälle durch Erhitzen sterilisiert, getrocknet und zerkleinert, die einzelnen Substanzen verwertet: Fette wandern vornehmlich in die Industrie, Tiermehl dient als Brennstoff oder Dünger.

Diese Verwertung kommt nur für Abfälle der Kategorien 2 und 3 in Frage, von denen kein oder kein großes Risiko ausgeht (die Verfütterung von Tiermehl an Nutztiere ist seit dem BSE-Skandal verboten). Für die Kategorie 1 - verendete Wild- und Haustiere, mit Krankheiten infizierte Kadaver etc. kommt nur die Verbrennung in Frage.


In die Müllverbrennung

Stellt sich die Frage: In welche Kategorie fällt ein Fipronil-Ei? Das Bayerische Landesamt gibt die Antwort: Eier mit einem Fipronil-Gehalt über dem Grenzwert fallen unter Kategorie 1. Da man schwerlich Ei für Ei untersuchen kann, ist davon auszugehen, dass die meisten verdächtigen Eier in Flammen aufgehen, womit sich in der schönen neuen Lebensmittelwelt sozusagen der Kreis schließt: Denn auch die unbrauchbaren männlichen Küken, die am Tag nach dem Schlüpfen geschreddert werden, gehen als Tierisches Nebenprodukt der Kategorie 1 in Flammen auf. Kein Skandal, Alltag. Ach du dickes Ei.


45 Länder betroffen

Dazu passt eine aktuelle Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa): Von dem Skandal um mit Fipronil belastete Eier sind mittlerweile 45 Länder betroffen. Nach Informationen der dpa Presse-Agentur hatten bis Anfang dieser Woche 24 der 28 EU-Staaten gemeldet, dass bei ihnen mit dem Insektengift verunreinigte Eier oder Eierprodukte aufgetaucht sind. Hinzu kamen Meldungen von 16 Nicht-EU-Staaten.

In der Europäischen Union seien bis zuletzt lediglich Litauen, Portugal, Zypern und Kroatien nicht betroffen gewesen, bestätigte die zuständige EU-Kommissionssprecherin Anca Paduraru der dpa. Zu den betroffenen Nicht-EU-Ländern zählten mittlerweile auch die USA, Russland, Südafrika und die Türkei.


"Keine akute Gefahr"

Der Fipronil-Skandal wird an diesem Dienstag erstmals Thema bei einem EU-Ministertreffen sein. Der für Lebensmittelsicherheit zuständige EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis soll bei Gesprächen der EU-Agrarminister in der estnischen Hauptstadt Tallinn über die aktuelle Lage und die jüngsten Entwicklungen informieren.

Nach den bisherigen Ermittlungen gelangte das Insektengift in die Eier, weil es unerlaubterweise zur Reinigung von Ställen eingesetzt wurde. Seit dem Bekanntwerden des Skandals wurden bereits riesige Mengen an Eiern vernichtet - obwohl Experten angesichts der meist sehr geringen Fipronil-Rückstände nicht von einer akuten gesundheitlichen Gefährdung der Verbraucher ausgehen.


Was ist Fipronil?

Gift Fipronil ist ein in vielen Ländern als Biozid und Pflanzenschutzmittel (Insektizid) verwendeter Wirkstoff. Es wirkt als Kontaktgift gegen Ackerschädlinge sowie Parasiten wie Flöhe, Tierläuse, Zecken und Milben. Fipronil steht im Verdacht, beim Menschen krebserregend zu sein.

Einsatz Oft verwendet werden Präparate mit Fipronil, um Haustiere gegen Flöhe und Zecken zu schützen. Im Pflanzenschutz ist der Wirkstoff in der EU nur für Saatgut freigegeben. In der Lebensmittelerzeugung ist Fipronil verboten.

Namen Fipronil ist unter anderem unter folgenden Namen im Handel: Effipro, Eliminall, Fipralone, Fiprocat, Fiprodog, Fiproline, Frontline (Tiere), Adonis, Agenda, Ascend, Celaflor, Chipco Choice, Combat, Goliath, Icon, Maxforce, Regent, Termidor (Pflanzen). (Quelle: Wikipedia)

Informationen über die Fipronil-Situation in Bayern findet man auf dieser Seite: www.lgl.bayern.de