Kunigunda Bornschlegel hat nur die Hälfte der zehn Bowling-Pins umgeworfen. Beim nächsten Wurf hilft ihr die 16-jährige Johanna Püls: "Schwung holen und los lassen." Als die 86-jährige Bornschlegel es erneut versucht, fallen fast alle Pins um. Ein "Oh" geht durch den Raum. Die 86-jährige Bornschlegel sitzt lächelnd in ihrem Stuhl.
Für die Bewohner des BRK- Wohn- und Pflegeheims "Am Staffelberg" ist das Bowling auf der Wii-Spielkonsole noch etwas ungewohnt.

Vier Mal in der Woche kommen Schüler - die meisten von der Viktor-von-Scheffel Realschule aus Bad Staffelstein - für zwei Stunden vorbei und spielen mit den Bewohnern des BRK-Heims Sportspiele auf der Wii. Bei modernen Spielkonsolen wie der Wii werden die Spiele durch Bewegungen und ein kleines Steuergerät bedient.


Schulprojekt "13plus für 60plus"

"Die Schüler machen das freiwillig und aus eigenem Antrieb", sagt Lehrer Lukas Völker. Er gründete 2005 das Projekt "13plus für 60plus" an der Bad Staffelsteiner Schule und betreut es bis heute. Verschiedene Aktionen des Projektes wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. "Die Schüler sollen soziale Kompetenz erwerben und mit Situationen wie hier im Pflegeheim in Kontakt kommen, die sie aus ihrem Alltag nicht kennen", erklärt Völker.

Beim Ideenwettbewerb für Schulen einer Bank habe das Projekt vor einiger Zeit Geld gewonnen. Der Förderverein der Schule habe sich zusätzlich an der Finanzierung von Fernseher und Konsole beteiligt.

Gemeinsam Spaß

Derweil wird an der Konsole viel gelacht. "Frau Zipfel hat's richtig drauf, die kann das schon alleine", sagt der 16-jährige Fabian Trapper. Die 78-jährige Anna-Maria Zipfel braucht nur noch wenig Unterstützung durch die Neuntklässler. Sie wirft einen prüfenden Blick auf den großen flachen Fernseher und auf das Steuergerät in ihrer Hand. A- und B-Knopf richtig zu koordinieren ist nicht einfach. Zipfel holt aus, lässt die Knöpfe los und fast alle digitalen Bowling-Pins fallen um. "Es macht Spaß, ist ganz interessant und nicht besonders schwierig", sagt Zipfel.

Mehr Zeit für Anne-Maria Teichtweier, Johanna Püls und die übrigen Schüler, sich um die anderen Bowling-Damen zu kümmern. Püls steht hinter Kunigunda Bornschlegel und legt ihre Hand auf die der älteren Dame. Gemeinsam bewegen sie das Steuergerät Richtung Fernseher. "Unterstützung braucht man noch", sagt Bornschlegel.

Wissenschaftlich belegt

Betreuung und Hilfe sind extrem wichtig. Das hat die Diplomsoziologin Gudrun Ulbrecht herausgefunden. Die promovierte Humanbiologin hat mit Kollegen der Universitätsklinik Erlangen eine Studie durchgeführt und ein Pilotprojekt in einer Pflegeeinrichtung in Hof betreut. Die Wii-Konsole sei für ältere Menschen zum Training für Körper und Gedächtnis geeignet.

Aber einfach eine Spielkonsole hinstellen und die Senioren machen lassen, das funktioniere nicht, warnt Ulbrecht. "Ganz zentral ist bei solchen Projekten, dass die älteren Menschen kontinuierlich betreut werden", sagt sie. Dabei müsse der Betreuer sowohl die Fähigkeiten der Senioren als auch die Technik kennen. "Die betreuenden Personen müssen die Bewohner motivieren, aber auch die individuelle Leistungsfähigkeit beachten. Ein gutes Händchen des Betreuers ist wichtig", betont Ulbrecht.

Dieses Händchen haben die Neuntklässler. Ohne Berührungsängste und doch behutsam helfen sie den Senioren. "Die Jugendlichen sind besser als ihr Ruf", sagt BRK-Heimleiterin Elke Gäbelein. Sie ist ganz erstaunt, dass die 89-jährige Herta Gebhardt mit ein wenig Hilfe aufsteht und im Stehen bowlt. "Das macht sie sonst nicht", wundert sich Gäbelein.

Während der Zeit an der Konsole seien immer Pflegepersonal oder Therapeuten mit dabei. Das Spielen fördere die Konzentration und die Bewegung, zudem knüpfen die beiden Generationen Kontakt. "Ich find's genial", sagt die Heimleiterin. Für das Spielen in Pflegeeinrichtungen seien aber nur wenige Spiele geeignet. "Die Personen brauchen einen Bezug zum Inhalt des Spiels, deshalb sind Bowling, Radfahren oder Kanu am besten geeignet", erklärt Ulbrecht. Insgesamt hat die Wissenschaftlerin positive Erfahrungen mit der Wii-Konsole in Pflegeheimen gemacht. "Ich habe den Eindruck, dass es etwas Positives ist, wenn das Interesse der Senioren da ist und so etwas angemessen betreut wird."