Es gibt sie noch, die Korbmacher am Obermain. Es sind die Vertreter eines Handwerkberufes, der früher allein in der Korbmachergemeinde Michelau Hunderten Menschen Lohn und Brot gab. Zu denen, die auch im 21. Jahrhundert noch immer dieses Handwerk ausüben, gehört Helga Prommer.

Auf ihre Werkstatt mit Korbwarenverkauf am Krappenberg werden Vorbeifahrende durch ein großes Hinweisschild aufmerksam gemacht. Doch es sind vor allem die Märkte an der Nord- und Ostsee, die der Korbmachermeisterin ein Grundeinkommen sichern.

Aus einer Korbmacherdynastie

Helga Prommer (geborene Backert) stammt aus einer Korbmacherdynastie deren Geschichte mehr als einhundert Jahre zurückreicht. Schon ihr Großvater väterlicherseits war Korbflechter. Er war Anfang des 20. Jahrhunderts am Aufbau der heutigen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung (Korbfachschule) beteiligt. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges war die Flechterei der bedeutendste Wirtschaftszweig im Städtedreieck Lichtenfels - Coburg - Kronach. Mit der Feinflechterei (filigrane Körbchen aus gespaltener Weide) und Kleinkorbwaren anderer Materialien verdienten damals Tausende Menschen ihren Lebensunterhalt. Hierbei musste in der Regel die ganze Familie mitarbeiten. Oftmals wurde das Korbmacherhandwerk auch als Nebenberuf betrieben.

Ihr Vater Paul Backert war Korbmacher aus Leidenschaft und brachte es bis zum Bundesinnungsmeister. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Deutsche Korbstadt alljährlich durch ihren Korbmarkt bundesweit für Aufmerksamkeit sorgt. Und Helga Prommer ist die einzige Korbmacherin, die bisher an jedem Lichtenfelser Korbmarkt teilgenommen hat.

Natürlich wurden auch im Familienbetrieb Backert Körbe geflochten. "Als Kind mussten wir alle mitmachen. Es gab ja damals kein Kindergeld, also mussten die Kinder alle mit anpacken", erinnert sich Helga Prommer. Zu den acht Kindern (sechs Buben und zwei Mädchen) gehörten neben ihr der allseits bekannte singende Korbmachermeister Gerd Backert. Waldemar Backert aus Michelau, der sich auf Feinkorbwaren spezialisiert hat, ist ihr Onkel. Fünf der Kinder besuchten die Korbfachschule, so auch Helga Prommer, die eigentlich Kindergärtnerin werden wollte. Doch der Einfluss des Vaters war stärker. Abend für Abend drängte er seine Tochter zum Besuch der Korbfachschule.

Drei Jahre lang besuchte sie die Berufsfachschule. Auf die erworbenen Kenntnisse konnte sie aufbauen, als ihr Vater erkrankte und sie am 1. Mai 1990 als Gesellin die heimische Korbmacherwerkstatt übernahm. Für sie war es ein Sprung ins kalte Wasser. "Ohne Vorkenntnisse hab' ich auch etliches in den Sand gesetzt", bekennt sie, zumal ihr der Vater nach seinem Tod auch einen Berg Schulden überlassen hatte. Doch Helga Prommer ist ein sehr pragmatischer Mensch, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Sie machte nachträglich ihre Meisterprüfung und verzichtete, nachdem Rattan als Verarbeitungsmaterial inzwischen recht teuer geworden war, auf die Herstellung von Rattanmöbeln, zumal das Brennen und Biegen von Rattan für eine Frau eine körperlich sehr schwere Tätigkeit ist.

Am liebsten arbeitet sie mit Weide, Vollweide als geschlagene Arbeit, darauf versteht sie sich, wobei sie gern helle und dunkle Weiden miteinander kombiniert. So entstehen Einkaufskörbe, Holzkörbe und Wäschetruhen. Dabei arbeitet sie frei, ohne Formen. Als einfache Hilfen dienen allenfalls ein Kreis oder die Holzpfosten an einem Rechteck.

Kompromissfähige Pragmatikerin

Der größte Raum in ihrem Haus am Krappenberg ist Arbeitszimmer, Wohnzimmer und Küche gleichzeitig. Helga Prommer ist eben eine Pragmatikerin und kompromissfähig. Entscheidend ist für sie der Kundenwunsch, egal um welches Material es sich dabei handelt. "Ich arbeite mit allem, was sich flechten lässt. Ich flechte mit Rattan und Weide ebenso wie mit Binsen." Und wenn es gewünscht wird, verarbeitet sie auch Plastik. Das Flechten mit derartigen Kunststoffen wäre für einen traditionsbewussten Korbmacher ein No-Go.

"Ich möchte einfach vernünftig leben. Ich möchte gern, dass die Kunden wiederkommen", bekennt sie. Doch reich wird man im Korbmacherhandwerk ohnehin nicht. Da sind zum einen die Importe aus Billigländern. "Das hat uns viel weggenommen, aber es gibt immer noch Kunden, die auf Qualität Wert legen." Darauf setzt sie. Doch das hindert sie nicht daran, zweigleisig zu fahren. "Ich mache sehr viele Sachen selber, aber ich kaufe auch schöne Sachen aus dem Ausland. Die werden dann von mir aufgewertet, damit sie top aussehen und verkauft werden können.

Zum anderen ist der Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Corona hat ihr 2020 ihr wichtigstes Standbein genommen, die Märkte an der Ost- und Nordsee von März bis Oktober. Jetzt in der Vorweihnachtzeit wäre sie normalerweise auf dem Weihnachtsmarkt in Xanten an der holländischen Grenze. Es sind 30 bis 40 Märkte, die sie im Laufe eines Jahres besucht, 2020 waren es gerade mal eine Handvoll.

So hat sie gelernt, mit einer Vorplanung von wenigen Wochen zu leben. "Was langfristig passiert, interessiert mich weniger", bekennt sie. Das gilt auch für den weiteren Ausbau der A 73. Dadurch werden wohl auch die Gebäude am Krappenberg verschwinden. Wie es mit der konkreten Entschädigung aussieht, ist noch ungewiss.

Geld vom Staat

Kommt Zeit, kommt Rat, heißt es offensichtlich für sie, und diese Einstellung hat sich auch während der Corona-Pandemie bisher bewährt. Zwar stört sie auch die Ungewissheit, doch immerhin hat sie vom Staat Geld bekommen für ihren Verdienstausfall. Gleichzeitig hatte sie genügend Zeit, ihren großen Ausstellungsraum herzurichten. "Das Auge kauft schließlich auch mit", weiß sie, und so stapeln sich in dem großen Raum unzählige Flechtarbeiten, die der Kunde an Ort und Stelle auswählen und mitnehmen kann. Die Auswahl ist gigantisch, zumal in zwei weiteren Räumen und auch im Freien Körbe und andere geflochtene Arbeiten auf ihre Käufer warten.