Es fällt kaum auf. Nur auf den zweiten Blick ist die Besonderheit des Hauses im Sankt-Johannes-Ring in Unterzettlitz erkennbar. Es gibt keinen Schornstein und ausschließlich raumhohe Fenster sowie Solar- und Photovoltaik auf dem Dach.

Andreas Hönig öffnet die Tür. Es geht durch die Schleuse, wie Hönig den Flur halb ernst, halb scherzend nennt, hinein in den Wohnbereich. Die Begrüßung des Hausherren ist herzlich - die Raumtemperatur liegt bei 21,6 Grad Celsius, draußen sind es 12 Grad.

Erst nach einer Weile, wenn der Blick durch Wohnzimmer und Küche schweift, fällt auf, dass es keine Heizkörper gibt. Auch einen Keller sucht man vergebens: "Der wäre tödlich für ein Passivhaus. In Kellern sind es meistens 13 Grad", sagt Hönig. Der 59-Jährige trägt Brille und redet gelassen. Obwohl er mit seinen Eltern schon mit dreizehn Jahren aus Kreuzberg wegzog, paart sich das Berlinerische mit dem Fränkischen.

Wärme wird zurückgehalten

So ein Haus heize sich selbst durch die entstehende Wärme in Küche, Bad oder durch die Menschen. Entscheiden sei die Sonne, die auch im Winter das Passivhaus erwärmt. "Wärme, die vorhanden ist, wird zurückgehalten. Durch ein kleines Nachheizregister mit Wärmetauscher können wir die Temperatur regulieren", erklärt Hönig.

Er zeigt auf tellergroße Lüftungselemente, die an einigen Wänden im Haus verteilt sind. Im Bad oder in der Küche, wo Wärme entsteht, werde Luft angesaugt, anschließend gefiltert und in den Wohnräumen wieder ausgestoßen. Alle Fenster sind zudem dreifach verglast. Bis auf die Bodenplatte und Teile der Zwischendecke bestehe das Haus komplett aus Holzwerkstoffen. Außen ist es verputzt. "Somit haben die Balken und andere Holzteile keinen Kontakt zur Witterung und halten sehr lange", erklärt Hönig.

Zudem habe das Haus quasi eine luftdichte Gebäudehülle. Damit ein Haus ein Passivhaus ist, muss es verschiedene Qualitätsanforderungen erfüllen. Die wichtigste Zahl: "In einem Passivhaus liegt der jährliche Heizwärmebedarf bei höchstens 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter", schreibt Benjamin Wünsch vom Passivhaus-Institut in Darmstadt, einem unabhängigem Forschungsinstitut für Passivhäuser.

Nur passiv, sonst nichts

Seit elf Jahren wohnt Andreas Hönig mit seiner Frau Klara und den beiden Söhnen, von denen einer vor kurzem ausgezogen ist, im Passivhaus. Als Hönig 1991 einen Bericht zu dem damals neuen Häuser-Typ in der Tagesschau sah, wuchs in ihm der Wunsch nach so einem Heim. "Ich sagte mir damals: Wenn ich mal baue, dann kommt nur so was in Frage."

Die Idee des Passivhauses stamme von Wolfgang Feist, Gründer und bis heute Leiter des Passivhaus Instituts. Das weltweit erste Passivhaus sei 1991 in Darmstadt-Kranichstein gebaut worden, schreibt Wünsch.

Ein Haus ohne Heizung

"Du spinnst doch, ein Haus ohne Heizung", sagte Hönigs Frau, als sie damals von den Plänen ihres Mannes erfuhr. Ende 2002 plante die Familie dann konkret. "Das war gar nicht so einfach. Informationen gab es nur beim Passivhaus-Institut in Darmstadt. Letztendlich haben wir eine Architektengemeinschaft aus Erfurt gefunden", erinnert sich Höing.

Dann ging es schnell. Drei Monate vom Gießen der Bodenplatte bis zum Einzug habe es gedauert. "Der Rohbau stand in drei Tagen. Eine Schreinerei hat die Holzteile angefertigt." 210 000 Euro hat er für eine Wohnfläche von 145 Quadratmetern bezahlt. Damals seien es nur rund 10 000 Euro mehr gewesen als für ein konventionelles Haus.

Hönig betont, dass sein Passivhaus schon elf Jahre alt ist und es bei neueren viel mehr Möglichkeiten gebe. Zum Beispiel sind bei ihm die Temperaturen der einzelnen Zimmer nicht individuell regulierbar, bei neueren sei das kein Problem.

Hausführung mit Aha-Effekt

Wer mit Hönig durch sein Passivhaus geht, der bekommt immer wieder Aha-Erlebnisse. Der Hausbesitzer erklärt mit bildhaften Vergleichen und anderen Beispielen die physikalischen Hintergründe und zeigt deren Umsetzung direkt hinter den Türen, an den Wänden und im Garten. Das Herz des Haues ist in einem kleinen Technikraum untergebracht. Dort sind das Nachheizregister, einige Rohre und ein Wassertank - ein leichtes Summen ist zu hören. Bei geschlossener Tür: Stille. Im Obergeschoss setzt sich die gemütliche Atmosphäre des Hauses fort. Die raumhohen Fenster durchfluten Bad, Schlafzimmer und die beiden Kinderzimmer mit Licht - kein Gedanke an fehlende Heizkörper.

Vor wenigen Tagen führte Hönig Interessierte durch die 145 Quadratmeter seines Passivhauses, um sie davon zu überzeugen. "Die Leute interessieren sich zwar, aber dann bauen sie doch alle ein konventionelles Massivhaus", sagt Hönig und schüttelt den Kopf. Er verstehe das einfach nicht: "Mir liegt viel daran, dass mehr Passivhäuser gebaut werden."

Gelegentlich hält er auch Vorträge zum Thema auf Kloster Banz. Immerhin, seinen Kinderarzt konnte er von den Vorteilen eines Passivhauses überzeugen. "Dennoch bin ich im Landkreis Lichtenfels fast ein Einzelkämpfer", sagt Hönig. Er schätze die Zahl der Passivhäuser hier auf zwei oder drei. "In Deutschland gibt es nach unseren Schätzungen etwa 25.000 Passivhäuser beziehungsweise Wohneinheiten im Passivhaus-Standard. Weltweit dürften es etwa 50.000 sein", schreibt das Passivhaus-Institut.

Durch steigende Energiepreisen erwartet das Institut in den nächsten Jahren einen Zuwachs: Derzeit seien die Mehrkosten beim Bau in der Regel nach etwa 10 Jahren ausgeglichen. "Mit dem Passivhaus werden die Heizkosten um bis zu 90 Prozent reduziert. Für ein Einfamilienhaus sind es beispielsweise nicht mehr 2000 Euro im Jahr, sondern nur noch 200 Euro", erklärt Wünsch vom Institut.

Schleuse und Lüftungsverbot

Hönig gibt offen zu, dass es auch kleinere Einschränkungen gibt: "Vor allem im Winter muss man sich beim Lüften schon diszipliniert zurückhalten. Auch dass immer eine der beiden Türen der Flurschleuse geschlossen bleiben muss, ist eine Einschränkung. Aber das ist alles Gewöhnungssache."

Rund 30 Euro monatlich

Er überweise monatlich rund 170 Euro an seinen Energielieferanten. Dabei handelt es sich um die gesamten Energiekosten, inklusive Warmwasser. Aber zehn Monate jährlich bekommt er 174 Euro von der Eon für die Einspeisung von selbst produziertem Strom der Photovoltaikanlage, die er vor zwei Jahren einbauen ließ. Bleiben im Monat circa 25 bis 30 Euro an Kosten für jegliche Form von Energie. "Daran merkt man, wie schnell sich die Mehrkosten eines Passivhauses amortisieren."

Auch die kritischen Stimmen seiner Freunde und Nachbarn, die anfangs mit dicken Pullovern zu Besuch kamen und fragten, ob er denn den kalten Winter überlebt hätte, sind bereits seit Jahren verstummt.