"Wir hätten nicht gedacht, dass das so schnell funktioniert. Da bin ich platt", berichtet Annemarie Stübinger aus Großenhül. Mit ihren Enkeln hatte sich die 68-Jährige um einen verwahrlosten Ziegenbock gekümmert, der seit März durch ein Waldgebiet nahe Sanspareil streifte. Regelmäßig fuhren sie hinaus und fütterten ihn mit Äpfeln oder Heu.

Stall mit Blick auf die Herde

Der zwölfjährige Moritz Rauterberg konnte sich dem verwilderten Ziegenbock sogar bis auf wenige Meter nähren. Er taufte ihn auf den Namen Hansi. Mit dem Einsetzen der nasskalten Witterung machten sie sich Sorgen um das Tier. Stübinger hatte via Zeitungsbericht um Hilfe gebeten. Jemand möge Hansi einfangen und ihm ein neues Zuhause geben. Genau das ist geschehen. Seit Samstag steht Hansi in einem warmen Stall mit reichlich Futter und der Aussicht, bald Teil einer kleinen Ziegenherde zu sein.

Stübinger zufolge hatten sich auf den Zeitungsartikel hin zahlreiche Leute bei ihr gemeldet. Allesamt seien besorgt gewesen um den Ziegenbock, doch niemand wollte zur Tat schreiten. Die Ausnahme bildete eine kleine Gruppe von Tierschützern aus dem Landkreis Kulmbach, zu denen auch Miriam Pesch aus Katschenreuth und Eva Hovasse aus Wartenfels gehören.

Zaun vom Spielwarengroßhandel

Letztere betreibt eine vom Veterinäramt geprüfte Pflegestelle für Tiere in Not. Die Frauen setzten sich zunächst ans Telefon, fanden jemanden, der Hansi aufnehmen wollte und machten sich dann an die Koordination einer Fangaktion. Pesch zufolge fand sich in Kulmbach niemand, der kostenlos einen Zaun verleihen wollte.

Fündig wurde sie erst in Coburg beim Spielwarengroßhandel Eduplay. Die Geschäftsführer Jürgen Weissleder und Holger Durst zeigten sich hilfsbereit und stellten einen Netzzaun zur Verfügung, den die Frauen im Halbkreis um Hansis Futterstelle im Wald aufstellten. Täglich fuhr Pesch dorthin, um den Zaun rechtzeitig zu schließen und Hansi einzufangen. Vergeblich. Doch sie gab nicht auf. Wieder nahm sie den Telefonhörer in die Hand und suchte jemanden, der die Qualifikation hat, Tiere aus der Entfernung zu betäuben. Das ist nicht einfach, denn solches Fachpersonal ist selten. Doch Pesch wurde fündig.

Vom Tierarzt betäubt

Tierarzt Josef Willner, der in Bayreuth eine Praxis für Kleintiere und Pferde betreibt, ist einer der Wenigen, der die Zusatzqualifikation zur sogenannten Distanzinjektion besitzt. Die war in der Vergangenheit praktisch, als es beispielsweise darum ging, die Hirsche am Bayreuther Röhrensee gegen Blauzungenkrankheit zu impfen, Rehe von der Autobahn wegzuholen oder ausgebüxte Hunde, Pferde oder Rinder einzufangen. Neben dem tierärztlichen Fachwissen, wie man Narkosen verabreicht, benötigt man dazu auch eine Weiterbildung in Waffensachkunde sowie eine behördliche Schießerlaubnis. Willner rät für die Distanzinjektion entlaufener Tiere: "Je eher es gemacht wird, desto besser." Denn würden sie schon zuvor ein paar Mal gescheucht, werden sie scheu und das Betäuben immer schwieriger.

Samstagmittag erklärte sich Willner spontan dazu bereit, die Tierschützerinnen beim Einfangen zu unterstützen. Zunächst musste er Hansi finden, um sein Gewicht für die richtige Dosis des Narkosemittels einschätzen zu können. Willner zufolge spielt auch der Stresszustand des Tieres eine Rolle. "Hansi war relativ entspannt, er hat keine große Dosis gebraucht", so der Tierarzt. Nach der ersten Sichtung flüchtete der Ziegenbock. Zufällig wurde er dabei von einer Helferin beobachtet, denn wer hätte gedacht, dass es Hansi nicht tiefer in den Wald, sondern mitten in die Ortschaft ziehen würde. Willner fand ihn in Sanspareil vor der Terrassentür eines Privathaushalts. Er betäubte ihn und Hansi legte sich im Garten schlafen. Die Helfer verluden den Ziegenbock in einen Kastenwagen und brachten ihn in sein neues Zuhause in der Nähe von Kulmbach.

Miriam Pesch erklärt, dass die neue Besitzerin anonym bleiben wolle. Sie verrät lediglich, dass es sich um eine Dame handelt, die hobbymäßig eine kleine Herde von etwa zehn Ziegen hält und ein gutes Gespür für die Tiere hat, eine "Ziegenflüsterin", wie Pesch sie nennt.

Bei "Ziegenflüsterin" daheim

Bei ihr wird Hansi zunächst einige Zeit in Quarantäne bleiben, kann aber von seinem Stall aus die Ziegenherde sehen. Zur Herde gehört auch ein unkastrierter Ziegenbock. Das ist kein Problem, denn es stellte sich heraus, dass Hansi bereits kastriert ist.

So steht der erfolgreichen Integration von Hansi in die neue Ziegenherde nichts mehr im Weg. Der zwölfjährige Moritz Rauterberg sieht die Sache mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen freut er sich sehr, dass Hansi gut untergekommen ist und nicht mehr frieren muss. Zum anderen wird er ihn vermissen. "Ich möchte ihn gerne besuchen, wenn er sich in seinem neuen Zuhause eingelebt hat", sagt der Zwölfjährige.

Wer will helfen?

Die Betäubungsaktion für Hansi kostet zwischen 300 und 400 Euro. Ein genauer Betrag steht noch nicht fest. Die Kulmbacher Tierschützer suchen dafür noch Sponsoren. Wer sich beteiligen möchte, kann sich bei Eva Hovasse unter den Telefonnummern 09223/2719824 oder 0151/19158485 melden.