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Porträt

Gerresheimer-Geschäftsführer Bernd Hörauf: Ein Leben für das Glas

Nach 37 Jahren geht Bernd Hörauf, der Geschäftsführer von Gerresheimer Tettau, in den Ruhestand. Er lobt besonders den Zusammenhalt in der heimischen Glasindustrie und erklärt auch, worauf es bei einer erfolgreichen Unternehmensführung ankommt.
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Mit viel Wehmut geht Bernd Hörauf in den Ruhestand. Der Geschäftsführer von Gerresheimer Tettau hat in den vergangenen 37 Jahren viel Herzblut in die heimische Glasindustrie gesteckt.  Foto: Veronika Schadeck
Mit viel Wehmut geht Bernd Hörauf in den Ruhestand. Der Geschäftsführer von Gerresheimer Tettau hat in den vergangenen 37 Jahren viel Herzblut in die heimische Glasindustrie gesteckt. Foto: Veronika Schadeck

Wenn zum Monatsende Bernd Hörauf seinen Job als Geschäftsführer bei Gerresheimer Tettau aufgeben und in den Ruhestand eintreten wird, verlieren die Mitarbeiter und Tettauer eine Persönlichkeit, die für "ihr" Unternehmen gelebt hat. Einen, der mit viel Herzblut das Schiff "Gerresheimer Tettau" trotz mancher Herausforderungen auf Kurs hielt und somit über 500 Arbeitsplätze in der Region sicherte.

Er war auch einer, der zusammen mit seinen Glasmacherkollegen von Heinz-Glas und Wiegand-Glas sowie den Lokalpolitikern für den Erhalt und die Wettbewerbsfähigkeit der Glasindustrie am Rennsteig durch die Schaffung entsprechender politischer Rahmenbedingungen kämpfte - und somit auch für die Sicherung der Arbeitsplätze. Dabei ging es um Themen wie Dosenpfand, Emissionshandel oder mangelnde Infrastruktur.

Bei der Bewältigung der Energiewende wurde er - ebenso wie seine Mitstreiter von Carl-August Heinz und Wiegand-Glas und auch die lokalen Vertreter der Politik - nicht müde, die Situation der Glasbranche bei den Entscheidungsträgern in München, Berlin und Brüssel vorzutragen. "Dass man - obwohl man als Glasmacher im Wettbewerb zueinandersteht - an einem Strang zieht, war für mich eine wichtige Erfahrung, die durch die Persönlichkeiten der ,Glasmacher' geprägt ist", sagt er.

Es war keine Überraschung, dass Bernd Hörauf sich zuerst wegen eines Artikels sträubte. Er ist nämlich einer, der die Öffentlichkeit meidet und sich in Ruhe mit seinem Glas befassen will. Erst nach mehreren Anläufen willigte der 62-Jährige ein, über sein Leben als "Glasmacher" zu berichten.

Seit 37 Jahren ist er bei Gerresheimer Tettau. Seine Laufbahn startete er als Vertriebsleiter, seit Juni 2002 hatte er die Geschäftsleitung inne. Er sagt, er sei glücklich und dankbar, dies über so viele Jahre tun zu können - es hätte einfach "gepasst", sowohl bei den Tettauer Glashüttenwerken (so hieß Gerresheimer vor der Übernahme durch den Konzern) als dann auch bei Gerresheimer. Er meint, dass er sicher einer der Geschäftsführer mit der längsten "Verweildauer" in einem solchen Job sei, und das spreche für sich.

Eine Familientradition

Aber schon in seiner Kindheit war die "Gloshütt" ein Thema. Hörauf gehört der vierten Generation an, die mit der Produktion von Glas in der Alexanderhütte ihren Lebensunterhalt verdienen. "Schon mein Urgroßvater war Glasmacher." Demnach war auch sein beruflicher Weg vorgezeichnet. Das bedeutete, nach dem Abitur kamen für ihn nur drei Studienfächer in Frage: Elektrotechnik, Maschinenbau und Betriebswirtschaft. Alles Berufe für die Glasindustrie. Hörauf entschied sich für den kaufmännischen Weg.

Bereits mit 15 Jahren lernte er bei einem Ferienjob die Funktion einer Glasproduktionsmaschine (IS-Maschine) kennen. "Damals habe ich zwei Wochen lang Maschinenteile mit Benzin und einer Drahtbürste gereinigt", erzählt er. Im Laufe seines Berufslebens hat sich Hörauf vieles aneignen müssen. Er erinnert an Anfang der 90er Jahre, als sich nach der Übernahme der damaligen Tettauer Glashüttenwerke AG durch den Gerresheimer Konzern das Unternehmen im Management, mit einem erweiterten Produktportfolio, technischen Innovationen und Vertriebsstrukturen neu ausrichten musste. "Es war eine Riesenveränderung. Ein regionales Unternehmen gehörte plötzlich zu einem weltweit agierenden Konzern."

Auch sein beruflicher Aufstieg vom Vertriebsleiter zum Geschäftsführer war für ihn mit neuen und komplexen Aufgaben, darunter im technischen Bereich, verbunden. Und er resümiert: "Als Geschäftsführer lernt man nie aus - und das ist auch gut und wichtig."

Dass der Neustart gelang, sei vor allem der Verdienst der Mitarbeiter, deren Know-how, Fleiß und Loyalität zuzuschreiben. Während des Gesprächs spricht Bernd Hörauf oft vom "Wir" von "unerer Hütt". Die Glasmacher bezeichnet er als besondere Menschen, die an einem "magischen Ort" 365 Tage im Jahr rund um die Uhr den Laden am Laufen halten. "Als Geschäftsführer beziehungsweise Führungskraft bewegt man allein nichts", weiß er.

Hörauf stellt auch klar, dass man als Chef nicht immer von allen geliebt werde. Aber die Leute wollen und müssten wissen, worum es bei den Strategien geht. Er spricht auch davon, dass er im Laufe seines Berufslebens immer nach seinen eigenen Werten wie "Ein Wort von mir zählt", und "Ich lüge nicht", gelebt habe. Offene und ehrliche Kommunikation bezeichnete er als "Schlüsselkompetenz" für den Erfolg sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Kunden. Das sei nicht immer einfach, aber "Beliebigkeit" oder Neudeutsch "mainstream" sei seine Sache nicht.

Ohne Kurzarbeit durch die Krise

Eingehend auf die Coron-Pandemie ist Hörauf dankbar, dass sein Unternehmen bisher ohne Kurzarbeit durch die Krise gekommen ist. Er hofft, dass nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder Corona in den Griff bekommen. Denn, mittlerweile sei die Gerresheimer Tettau, ebenso wie viele Industrieunternehmen im Landkreis, global auf dem Markt vertreten. So beträgt die aktuelle Exportquote etwa 75 Prozent. Hörauf ist zuversichtlich, dass die Pandemie zu bewältigen ist. "Das Problem ist, dass viele Menschen keine Krisen mehr gewohnt sind." Er erinnert an seine Vorfahren, die während des Krieges die Glashütte am Laufen hielten beziehungsweise in den Krieg ziehen mussten. "Das war damals alles viel schwieriger und leidvoller."

Und was gibt er nun seinem Nachfolger, seinen Leuten mit auf den Weg? Die Kommunikation, das persönliche Gespräch untereinander und mit Kunden sei wichtig. E-Mails, Powerpoint-Präsentationen, Videokonferenzen können seiner Auffassung nach nur ergänzend wirken. Auch müsse in dieser schnelllebigen Zeit die Bereitschaft für Veränderungen immer vorhanden sein.

Bernd Hörauf ist zurzeit dabei, seinen Schreibtisch und sein Büro zu räumen. Sein Nachfolger Kai Rohn wird seit Februar eingearbeitet. Es sei schon ein eigenartiges Gefühl, was er nicht beschreiben könne, sagt er - so ganz scheint Hörauf noch nicht auf seinen Ruhestand vorbereitet zu sein. Auch berühre es ihn, wenn er nun etwa durch die Hütte laufe und an manchen Türen Zettel mit Glückwünschen für ihn angebracht seien.

Engagement geht weiter

Genaue Vorstellungen über sein Rentnerleben hat Hörauf nicht. Allerdings will er sich weiterhin ehrenamtlich für die Region engagieren. Dazu zählen beispielsweise die IHK, das IZK, der BRK-Kreisverband, die Glasbewahrer. Fest steht: Glasmacher wird Bernd Hörauf auch weiterhin bleiben, allerdings mit weniger Verantwortung. Und: "Ich werde bestimmt keinen Glasofen in meinen Garten stellen - zumindest hoffe ich das", geht er auf Prognosen einiger Arbeitskollegen ein.

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