Hätte der verheerende Bus-Unfall auf der A 9 bei Münchberg verhindert werden können? Diese Frage drängt sich auf, auch wenn ihre Beantwortung keinen der 18 Toten wieder lebendig macht. Doch die Suche nach der Ursache der Katastrophe zielt nicht zuletzt auch in diese Richtung. Wenn man weiß, warum der Bus aus Sachsen in Flammen aufging, kann man eine Wiederholung vielleicht verhindern.

Dass der Bus ein sicheres Verkehrsmittel ist, bestreitet nach dem Flammeninferno auf der A 9 in Oberfranken niemand. Bezogen auf die gefahrenen Kilometer und die Zahl der Fahrgäste ist das Risiko, bei einer Busreise zu Schaden zu kommen, bei weitem kleiner als etwa im Pkw. Lediglich ein Prozent der Verkehrstoten ist nach der aktuellen Statistik bei Bus-Unfällen zu beklagen. Eine Katastrophe wie in Oberfranken ist ein singuläres Ereignis.

Andererseits: Dass Busse in Flammen aufgehen, ist keine Seltenheit. Von rund 400 Bus-Bränden im Jahr (bei einem Bestand von 79 000 Bussen) berichtet der Bundesverband der deutschen Versicherungsgesellschaft - täglich brennt ein Bus.


Der Stand der Technik

Was auffällt: Nicht etwa Busse mit vielen Kilometern auf dem Tacho führen die Liste an. Überdurchschnittlich oft brennen moderne Busse, die wie der am Montag verunglückte auf dem Stand der Technik sind.

Dieser Stand heißt auch: Busse werden mit Blick auf Wirtschaftlichkeit und Komfort so leicht wie möglich konstruiert. Für die Fahrzeuge des Typs, der auf der A 9 verunglückt ist, wirbt der niederländische Hersteller VDL mit der "konsequenten Leichtbauweise".

Die massivsten Teile moderner Busse sind die Stahlträger des Grundgerüstes. Die Verkleidung und die Innenausstattung bestehen aus Kunststoffen und Verbundstoffen. Die sollten an sich schwer entflammbar sein; die Art und Weise, wie sie verbaut sind, macht sie aber oft leicht entzündlich, stellte unter anderem die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) in Berlin schon vor Jahren fest.

"Die grundlegenden Brandschutzvorschriften für Busse gehen auf eine amerikanische Norm zurück, die in den 60er Jahren entwickelt wurde", sagt die Brandschutzexpertin der BAM, Anja Hofmann-Böllinghaus. Die US-Norm sollte Brände durch das Rauchen im Bus verhindern - das ist nicht nur deshalb ein Anachronismus, weil in Bussen längst ein Rauchverbot gilt. "Untersuchungen zeigen, dass die Busbrände zu 80 Prozent im Motorraum entstehen", sagt Hofmann-Böllinghaus. Durch die enorme Zunahme brennbarer Kunststoffteile in Bussen entstand ein bisher unberücksichtigtes Risiko. So habe sich die Brandlast seitdem verzehnfacht und das toxische Potenzial erheblich gesteigert.


Wie 500 Liter Diesel

Mit Brandlast meint die Expertin die Energie, die bei der Verbrennung der Bauteile in einem Bus frei wird. Laut einer Studie, die nach dem Großbrand eines Busdepots in Bottrop 2011 erstellt wurde, ist der Brennwert der verbauten Stoffe in einem modernen Bus etwa so hoch wie der von 500 Litern Diesel im Tank. In Bottrop waren 70 Busse ausgebrannt. Experten rätselten lange, wie sich das kleine Feuer, ausgelöst von einer Batterie, so rasend schnell ausbreiten konnte. Auch im Fall Münchberg hat es nach Augenzeugenberichten offenbar nur Minuten gedauert, bis aus einem Auffahrunfall eine Katastrophe wurde.

Die Expertin der BAM will über die Ursachen des Unglücks auf der A 9 nicht spekulieren. Es scheint aber festzustehen, dass es in dem Bus sehr schnell zu starker Rauchentwicklung kam, nachdem der Bus auf den Lkw-Anhänger aufgefahren war. "In so einem Fall haben die Fahrgäste nur wenige Minuten Zeit, um sich zu retten." Noch bevor das Feuer selbst zur Gefahr wird, verlieren Menschen durch giftige Rauchgase das Bewusstsein.

Gibt es dann im Bus eine offene Flamme, ist Rettung kaum möglich. Hofmann-Böllinghaus erinnert an ein Busunglück 2008 bei Hannover, das 20 Menschenleben forderte. Während der Fahrt war in der Bordtoilette ein Schwelbrand ausgebrochen, weil ein Fahrgast heimlich geraucht hatte. Als die WC-Tür geöffnet wurde, setzte eine Stichflamme den Innenraum des Busses binnen Sekunden in Brand.


Auf freiwilliger Basis

Einige Forderungen der Brandexperten als Konsequenz aus dieser Katastrophe sind inzwischen umgesetzt worden, teils per Gesetz, teils auf freiwilliger Basis. So sind Rauchmelder in den Bereichen der Busse Pflicht, die der Fahrer nicht einsehen kann. Im Motorraum befinden sich Branddetektoren, in der Regel kombiniert mit einer automatischen Löscheinrichtung.

Die BAM-Expertin geht davon aus, dass nach Münchberg die Standards bei den Materialien auf den Prüfstand kommen. Was in Bussen (noch) erlaubt ist, ist in Zügen schon lange verboten. "Leider ist das oft so, dass erst eine Katastrophe passieren muss, bevor gehandelt wird."


Mängel: Polizei stoppt Busse

Wegen gravierender Mängel hat die Polizei auf einer Autobahnraststätte bei Stuttgart am Mittwoch zwei Reisebusse aus dem Verkehr gezogen. Bei einem mit 17 Fahrgästen - vor allem Kindern - besetzten Bus aus Bosnien bestand Brandgefahr, wie die Verkehrspolizei mitteilte.

Hydraulikflüssigkeit sei aus dem Lenkgetriebe auf die heiße Bremse gelaufen. Auch die Lenkung war schadhaft.
An einem anderen Bus aus Griechenland mit 20 Fahrgästen wurden erhebliche Mängel an der Bremse entdeckt. Eine Blockade der Hinterräder drohte. Ein Sachverständiger stellte einen starken Druckverlust der Betriebsbremse fest.

Den Busfahrern bei Stuttgart wurde die Weiterfahrt untersagt. Es wurden Ersatzbusse organisiert. Die Verkehrspolizei will die Kontrolle von Reisebussen fortsetzen, und das offenbar mit gutem Grund:

Erst im Juni waren bei Goslar 47 Reisebusse kontrolliert worden. In mehr als der Hälfte der Fälle gab es Mängel, teils technischer Art, teils Verstöße gegen die Lenkzeit-Vorschriften. Noch erschütternder war die Bilanz einer Buskontrolle im Mai bei Frankfurt: Von 13 Fahrzeugen war laut Polizei keines ohne Mängel.


Technik für mehr Sicherheit

Fortschritt Nicht nur im Bus, auch in den anderen Verkehrsmitteln sorgt moderne Technik nicht nur für mehr Komfort, sondern für mehr Sicherheit. Seit Jahren sinkt die Zahl der Verkehrstoten. Was könnte Busse noch sicherer machen?

Bremse In Lkw und Bussen sind Abstandswarner und Bremsassistenten Stand der Technik. Die Sensoren verhindern Auffahrunfälle. Bislang ist es allerdings erlaubt, die Systeme abzuschalten.

Sensoren Viele Hersteller bauen Systeme ein, die den Fahrer beim Verlassen der Spur oder bei ungewöhnlichen Lenkbewegungen warnen. Das zielt auf den berüchtigten Sekundenschlaf am Steuer.

Rauchmelder Was in den Wohnungen ab 2018 Pflicht ist, gehört im Bus längst zur Grundausstattung. In Toiletten, Gepäckfächern und auch im Motorraum entdecken Sensoren jede Rauchentwicklung.

Feuerlöscher Im Motorraum vieler Busse gibt es automatische Löschsysteme. Im Fahrgastraum macht eine solche Einrichtung keinen Sinn, weil die Löschsubstanzen nicht nur das Feuer ersticken würden.