Im Handy von Gabi Spiegel lief in den letzten Wochen ein Countdown. Am Samstag stand da die Null, und sie konnte nach 1587 Tagen auf der Walz ihren Sohn Moritz wieder in die Arme schließen. Viele Unterschleichacher bevölkerten die Grünanlage am Ortseingang, um Moritz Spiegel erstmals seit dem 6. Juni 2016 wiederzusehen. Wie damals musste er auch jetzt wieder über das Ortsschild klettern, um der Tradition der Wandergesellen Genüge zu tun.

Schon während der Ausbildung zum Schreiner reifte in Moritz Spiegel der Entschluss, als Wandergeselle die Welt zu erobern. Gerade 19 Jahre alt brach er im Juni 2016 auf. Damals wie jetzt am Samstag war das eine traditionelle Zeremonie, die von zahlreichen Gesellinnen und Gesellen begleitet wurde. Eine Woche dauerte die Heimreise, die am Montag in Hamburg begonnen hatte. Mit dem Auto wären das maximal sechs Stunden für knappe 530 Kilometer. Aber direkte Wege sind bei Wandergesellen selten, schließlich laufen sie oder werden mitgenommen, und so wundert es fast nicht, dass Tischlerin Rapante erzählt, sie sei in Leipzig zur Gruppe gestoßen, die Moritz Spiegel nach Hause begleitete.

Die Nacht vor der endgültigen Heimkehr verbrachte die Gruppe in Bamberg. Beim Wirt in Oberschleichach versammelten sie sich, während in Unterschleichach immer mehr Nachbarn, Freunde und Vereinskameraden von Moritz Spiegel auf die Grünanlage am Ortseingang kamen. Ohne Corona hätte es ein rauschendes Dorffest gegeben, aber die Freude war auch mit Abstand groß.

Gabi und Karl Spiegel, die Eltern von Moritz, hatten in den vergangenen Tagen alle Hände voll zu tun, denn viel war zu organisieren, damit auch alle Regeln eingehalten werden. "Sicherheitshalber war ich im Gesundheitsamt und habe dort abgestimmt, was wir einhalten müssen", erzählte die Mutter im Vorfeld der Ankunft. Schließlich sollte trotz allem die Begrüßung nicht im Stillen stattfinden. "Wir bleiben unter freiem Himmel und dann geht das gut", stellte sie fest; so ein landwirtschaftliches Anwesen wie ihres bietet eben auch Platz für solche Gelegenheiten.

Und glücklicherweise gibt es am Ortsschild die Grünanlage, denn das Ortsschild ist der eigentliche Mittelpunkt des Geschehens. Hier vergrub Moritz Spiegel am 6. Juni 2016 eine Flasche Schnaps; daneben stellte seine Familie eine Stange auf, an der zu jedem Jahrestag ein Holzschild montiert wurde. Nach der Abreise muss ein Wandergeselle sich zunächst bewähren, bevor er die "Ehrbarkeit" erhält, das rote Halsband, das die Gesellen tragen. Von diesem Tag an muss die Wanderschaft mindestens drei Jahre und einen Tag dauern - doch für Moritz Spiegel wurden es vier Jahre und vier Monate, bis er seinen Fuß wieder nach Unterschleichach setzte.

Die Familie ist mehrfach zu ihm gereist, um ihn zu treffen. Wegen Moritz ist Cousin Lennox in Oberstdorf getauft worden, denn Moritz sollte Pate sein und so fand die gesamte Taufe mitsamt Familienfeier an seinem damaligen Arbeitsort ganz im Süden des Landes statt. Der vierjährige Lennox war denn auch der erste, der dem Paten um den Hals fiel.

Die Wandergesellen ließen sich Zeit für den Weg zwischen Ober- und Unterschleichach. Mit vielen Schleifen marschierten sie singend in Richtung Ortsschild, versammelten sich kurz davor für die offizielle Abschiedszeremonie und bauten dann mit ihren geschnitzten Wanderstöcken für Moritz Spiegel eine Leiter zum Ortsschild. Der 23-Jährige balancierte hinauf, saß rittlings auf dem Schild, warf Stock und Bündel auf die andere Seite, um sich dann hinüberfallen zu lassen. Aufgefangen von der Familie und den engsten Freunden und unter dem Jubel der Umstehenden.

Viele Unterschleichacher, Schulfreunde und ehemalige Arbeitskollegen hatten sich eingefunden. Für die meisten war Moritz Spiegel nie ganz weg, denn immer wieder gab es Zwischenmeldungen durch die Eltern oder die Medien. Kaum war er weg, sahen Bekannte Moritz Spiegel in der "Heute"-Sendung, bei der Passanten zum Thema "Brexit" interviewt wurden.

Der ist in Europa viel herumgekommen, war unter anderem in Spanien, der Schweiz, in Österreich und in Skandinavien. In Hamburg ist er durch die Stadt geradelt und seiner Nachbarin Madeline begegnet, die dort studierte. Sie war am Samstag ebenso vor Ort wie die ehemaligen Mit-Ministranten von Moritz Spiegel, die Feuerwehrleute und viele andere. Für die jungen Frauen war das Gespräch mit den Gesellinnen aus dem Tross besonders spannend. Die berichteten bereitwillig von diesem außergewöhnlichen Leben auf Wanderschaft, bei dem man nie länger als drei Monate an einem Ort bleiben darf.

Ein Gespräch unserer Redaktion über die Erlebnisse von Moritz Spiegel wird es voraussichtlich in den nächsten Wochen geben.