"Tut mir leid, im November darf ich nicht kommen, außer Sie bekommen kurzfristig eine Verordnung vom behandelnden Arzt." Schweren Herzens hat Nicole Göbhardt soeben diese WhatsApp-Nachricht abgeschickt. Sie ist mobile Kosmetikerin und darf während des Lockdowns im November nur in ihrem Teilspektrum medizinische Fußpflege aktiv werden. Eine für sie ganz wichtige Gruppe an Patientinnen fällt dabei durch das Raster: Krebspatientinnen, für deren Betreuung sie erst im Februar dieses Jahres eine Zusatzausbildung als PPE-Spezialistin, also Onko-Kosmetikerin, abgeschlossen hat. Obwohl sie gerade erst mit diesen speziellen Behandlungen begonnen hat, "habe ich 50 Anfragen in der Warteschleife".

Onko-Kosmetikerinnen gibt es nicht sehr zahlreich. Deshalb macht Nicole Göbhardt denjenigen, die die Lockdown-Regeln festgesetzt haben, auch keinen Vorwurf. "Ich bin ja selbst erst durch meine Patentante auf dieses Thema gekommen." Die Tante litt stark unter Onko-Akne und dem sogenannten Hand-Fuß-Syndrom. Beides sind Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie, mit denen die Krebserkrankung bekämpft wird.

Die Haut der Patienten wird dünn, neigt zu Entzündungen, Schwellungen und schmerzhaften Erscheinungen. Die Tante schilderte das so: "eiskalte Füße, aber brennende Schmerzen", die ihr den Schlaf raubten. "Und dabei brauchen Patienten in dieser Zeit ihre ganze Kraft für die Krebstherapie - und natürlich auch einen guten Schlaf", so Nicole Göbhardt. So begann die Kosmetikerin die Zusatzausbildung in Onko-Kosmetik in Baden-Württemberg. Der Tante konnte sie nicht mehr helfen; sie starb kurz vor ihrem Abschluss. Dann kam der Lockdown im Frühling, aber gleich danach konnte sich Nicole Göbhardt vor Anfragen kaum retten.

Dabei sind alle Leistungen der Onko-Kosmetik Privatleistungen und werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Dennoch benötigen die Patientinnen eine Verordnung durch den behandelnden Arzt, wenn sie trotz Lockdwons eine Behandlung wünschen. "Das ist so kurzfristig natürlich schwierig. Zudem handelt es sich ja um Menschen, die bereits Unmengen an Terminen haben und durch die eigentliche Krebstherapie sehr mitgenommen sind." Die Behandlung durch die Kosmetikerin erfolgt immer in den Pausen zwischen den Chemo- oder Strahlenbehandlungen.

Nicole Göbhardt wünscht sich für die Onko-Kosmetik die gleiche Ausnahmegenehmigung wie für die medizinische Fußpflege, die vor allem Diabetiker benötigen. "Wir arbeiten mit den Krebspatienten auch ohne Corona nach höchsten Hygienestandards, weil es sich hier ja um Menschen mit extrem geschwächtem Immunsystem handelt", erklärt Nicole Göbhardt. Jede Patientin erwirbt ihre Produkte selbst. Nicole Göbhardt betritt das jeweilige Haus mit kompletter Schutzausrüstung einschließlich FFP2-Maske und Faceshield. Dann kann sie mit Salben, Lotionen und Umschlägen die strahlengeschädigte Haut behandeln.

Ob bei Onko-Akne oder Hand-Fuß-Syndrom sind die Kosmetikerinnen für die ersten beiden Grade des Krankheitsbildes zuständig. Wenn es schlimmer wird, müssen Dermatologen oder Podologen tätig werden. Je nachdem, wie stark eine Patientin reagiert, können aber die Behandlungen der Kosmetikerin einen schwereren Grad vermeiden.

Wie hoch der Leidensdruck bei den Betroffenen ist, verrät Nicole Göbhardt ihre Anfragenliste. "Es gibt noch nicht so viele PPE-Spezialisten, aber immer mehr Krebspatienten", stellt sie auch im eigenen Bekanntenkreis fest. Eine junge Mutter hat ihrer WhatsApp-Anfrage ein Bild von sich und ihrer kleinen Tochter beigefügt. "Die braucht alle Kraft für ihre Krebstherapie, ich könnte die Nebenwirkungen lindern und muss sie auf Dezember vertrösten. Zum Friseur dürfte sie aber gehen. Da zerreißt es mir das Herz", beschreibt Nicole Göbhardt ihr Dilemma. Sie hofft auf baldige Lockerung des Lockdowns oder Anerkennung dieses medizinischen Teilaspekts der kosmetischen Behandlungen.