2011, nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima, wurde das Undenkbare plötzlich auch in Franken vorstellbar: Ein schwerer Unfall im einzigen fränkischen Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld. Der Reaktor ist stillgelegt, trotzdem heulen heute die Sirenen, auch in Stadt und Landkreis Bad Kissingen.

Der Krieg in der Ukraine hat direkt nichts damit zu tun, dass der Freistaat heute die Sirenen für den Katastrophenschutz probeweise laufen lässt. Das Gefahrenpotenzial liegt auch nach der Abschaltung im Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld. Mit dem Ende der Stromerzeugung durch Kernspaltung ist die Gefahr nicht verschwunden. Auch beim laufenden Rückbau durch das Unternehmen Preussen Elektra besteht ein "Restrisiko", denn Teile der Anlage sind radioaktiv belastet.

Auch die Brennstäbe aus dem Reaktor sind nicht verschwunden: Sie lagern in Castor-Behältern in einer Halle aus Stahlbeton auf dem Kraftwerksgelände, die von der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BZG) betrieben wird. Das Zwischenlager ist für 88 Castoren ausgelegt, 54 dieser Behälter aus Stahl und Graphit stehen darin, und mehr werden es auch nicht werden.

Projekt Endlagersuche läuft

Allerdings werden die 107 Tonnen schweren Behälter mit dem brisanten Inhalt zum Stückpreis von zwei Millionen Euro sehr viel länger als nur für eine Zwischenlagerzeit in Grafenrheinfeld stehen, da mit der Suche nach einem Endlager für den radioaktiven Abfall in Deutschland erst begonnen wurde.

Und mit dem Castor bleibt die Gefahr: Wie lange halten die Behälter und die Deckel der Dichtungen? 40 Jahre sollen die Castoren garantiert dicht sein, heißt es bei der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) in Essen, einer Tochter der großen Energieversorger, die die Castoren herstellt. Das "Mindesthaltbarkeitsdatum" wurde durch Tests, Simulationen und Berechnungen ermittelt.

Was passiert, wenn ein Behälter aber doch undicht wird - die Halle des Zwischenlagers bietet kaum Schutz gegen die Freisetzung radioaktiver Stoffe? Wie groß ist die Gefahr, wenn Halle und Behälter durch einen Anschlag oder einen Flugzeugabsturz beschädigt werden? All diese Fragen fließen in die Bewertung des Innenministeriums ein, dass von Grafenrheinfeld besondere Gefahr ausgehen kann - so dass der Notfallplan für das Kraftwerk nicht außer Kraft ist.

Das bedeutet: Die Orte in einem 25-Kilometer-Radius um das Kraftwerk liegen in der Zone, in der bei einem schweren Störfall mit der Freisetzung von Radioaktivität besondere Maßnahmen bis hin zur Evakuierung greifen.

Sirenenproben finden regelmäßig statt. Dass sie 2022 keine Routine sind, zeigt der Blick auf die Internetseite des bayerischen Innenministeriums. Dort wird vor den Warnsignalen gewarnt, in deutscher, englischer und russischer Sprache, womit doch eine Verbindung zum Krieg in der Ukraine hergestellt ist: Menschen, die nach Franken geflüchtet sind (und nicht nur die), könnten vom Heulen der Sirenen verunsichert werden.

Sind Sirenen überhaupt noch zeitgemäß in Zeiten digitaler Informationsflüsse und Warn-Apps (wie sie heute auch getestet werden)? Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal im letzten Jahr hat gezeigt, dass im Katastrophenfall auf die Elektronik bedingt Verlass ist. Vermutlich hätten viele Menschen gerettet werden können, wenn sie vom Heulen der Sirenen aufgeschreckt worden wären.

Im Krieg wäre die elektronische Infrastruktur wohl ein das erstes Ziel des Gegners und ein leichtes obendrein. Fällt die digitale Kommunikation aus, braucht es analogen Ersatz. Deswegen erleben die Sirenen einen zweiten Frühling, weiß Franz Lindner, der Experte für Katastrophenschutz im Landratsamt Haßberge.

In Bayern gibt es 11.500 Sirenenanlagen, die flächendeckende Beschallung ist nicht möglich.Der Bund hat ein Förderprogramm aufgelegt; in Bayern sollen 26.000 Sirenen neu installiert und bestehende Anlagen nachgerüstet werden. Das war vor kurzem noch undenkbar.