Einen ganz besonderen Gast begrüßte die Liebfrauenhausschule: Nevfel Cumart. Berufliche Umschreibungen für den Deutsch-Türken gibt es einige: Schriftsteller, Übersetzer, Journalist, Migrationsexperte und auch Islamwissenschaftler. Er selbst fühlt sich am meisten als Dichter.

Die Liebfrauenhausschule setzt sich für zwei Wochen intensiv mit den Themen Literatur und Poesie, Kreatives Schreiben sowie interkulturelle Bildung auseinander. Der preisgekrönte Schriftsteller und Journalist Nevfel Cumart wird in diesem Zeitraum insgesamt zwölf Lesungen sowie Workshops im Rahmen einer Schreibwerkstatt anbieten und die Diskussions- und Informationsrunden leiten.

"Das Ziel dieser Angebote ist es, neben dem Zugang zur Literatur vor allem auch das interkulturelle Verständnis zu fördern", erklärt dazu Schulleiter Michael Richter. So wird Cumart aus seiner eigenen Biografie berichten und den Jugendlichen sehr anschaulich Einblicke in den Islam, in das Leben von Migranten in Deutschland und kulturelle Hintergründe aus der Türkei liefern. Dabei versteht es der Schriftsteller ausgezeichnet, sowohl typische Klischees zu besprechen, als auch den Schülern viele spannende und überraschende Informationen aus erster Hand weiterzugeben.

Mit Witz und Charme

Die Aufmerksamkeit seines Publikums konnte der charismatische Dichter schnell mit großem Gespür für die Situation, Lockerheit und viel Humor gewinnen. Sein Vortrag war nicht nur Vortrag, sondern Wechselspiel zwischen Erklärung, Lesung und Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern. Dabei verführte er mit deutsch- und türkischsprachigen Gedichten gleichermaßen.

Mit Witz und Charme zog Nevfel Cumart die Schüler gleich am ersten Tag in den Bann. "Wir als Lehrkräfte konnten uns im Rahmen eines Workshops mit Nevfel Cumart während unseres pädagogischen Wochenendes 2019 bereits vom Angebot begeistern lassen und haben gemeinsam ein Konzept erarbeitet, wie wir diese Inhalte auch unseren Schülern zugänglich machen können. Besonders freue ich mich darüber, dass wir Nevfel Cumart auch für eine Autorenlesung mit den Eltern am 28. Oktober gewinnen konnten, die wir hoffentlich trotz der Corona-Auflagen durchführen können", erzählt der Schuleiter.

Begeistert zeigt sich auch die stellvertretende Schulleiterin von Cumart. So würden die Lesungen viel zu schnell vergehen: "Man könnte ihm stundenlang zuhören, auch unsere Schüler sind begeistert, denn Cumart geht intensiv auf deren Fragen ein", berichtet Heike Witthus. Nevfel Cumart hat 19 Gedichtbände und eine Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht. Für sein literarisches Werk hat der Autor diverse Literaturpreise, so auch den Kulturpreis Bayern, erhalten.

Im Juli 2014 überreichte ihm Bundespräsident Joachim Gauck persönlich das Bundesverdienstkreuz am Bande. Cumart hält Vorträge und leitet Seminare über den Islam, die Migration in Deutschland sowie über die türkische Gesellschaft und ihre Kultur.

Der Lyriker Cumart verfolgt die Idee der Vermittlung zwischen zwei Kulturen. "In diese Rolle bin ich schon von klein auf hineingewachsen", sagt er. Für ihn gab es auf dem Weg der türkischen Integration auf beiden Seiten positive Entwicklungen. Es seien aber auch auf beiden Seiten Fehler passiert. Cumart hat daher also noch viele Aufgaben vor sich. Am Fremd- und Selbstbild der Migranten sei zu arbeiten. Seinen Zuhörern versucht er das zu vermitteln.

Im Rahmen seiner Lesungen und Workshops in der Liebfrauenhausschule bietet er den Schülern auch eine Autorenlesung und ein Gespräch für und mit den Eltern an. Dabei wird er Gedichte aus seinen diversen Werken vortragen und uns ein weites literarisches Spektrum präsentieren: Biographische Texte und Liebesgedichte werden ebenso zu hören sein wie gesellschaftlich-politische Gedichte und pointierte Momentaufnahmen aus einem Leben in verschiedenen Kulturen. Darüber hinaus wird Cumart aus seinem facettenreichen Leben als Migrant der zweiten Generation in Deutschland berichten.

Vor genau 59 Jahren kamen seine Eltern mit den ersten türkischen Gastarbeitern nach Deutschland, wurden angeworben als Arbeitskräfte. Heute zählt der in Bamberg lebende Cumart mit 19 Gedichtbänden zu den produktivsten und kreativsten Lyrikern seiner Generation in Deutschland.

Auch mit seinem letzten Gedichtband "Am Ende des Regenbogens" beweist Cumart erneut sein Gespür für lyrische Themen über Grenzen hinweg. Von den kargen Feldern Anatoliens, der Heimat seiner Eltern und Vorfahren, bis zu den Amtsstuben Bayerns, in denen er reichlich Erfahrungen sammeln konnte, spannt er einen lyrischen Bogen zwischen Orient und Okzident.

Zahlreiche Literaturpreise belegen, dass Cumart seinen Platz in der deutschen Literatur gefunden hat: als Dichter mit individuellem Stil und einer eigenen literarischen Sprache zwischen orientalischer Tradition und deutscher Moderne. Als literarischer Grenzgänger versteht es Cumart wie kaum ein anderer, mit seinen Gedichten und Erzählungen für mehr Toleranz und Verständnis gegenüber Menschen anderer Kultur zu appellieren. Für Fragen aus dem Publikum wird er genügend Freiräume bieten.