Vor etwa einem Jahr hatte Brose angekündigt, dass das Unternehmen etwa 2000 Stellen in seinen Standorten Coburg, Bamberg/Hallstadt, Würzburg und Wuppertal abbauen werde. Nun wird es konkret: 900 Stellen seien bereits weggefallen, teilte Brose am Montag mit: Freiwerdende Stellen wurden nicht neu besetzt, es gab Altersteilzeitregelungen. Wie viele Arbeitsplätze auf diese Weise in Coburg abgebaut wurde, konnte die Brose-Pressestelle aber auf Nachfrage nicht beziffern.

Weitere "rund 440" Stellen sollen nun bis Ende 2022 folgen. Damit ist in Coburg der Aderlass am größten, verglichen mit den anderen Standorten: In Bamberg/Hallstadt wird um "etwa 280" Stellen reduziert, in Würzburg sollen es um die 180 sein und in Wuppertal 200 Jobs in der Produktion und 35 in der Verwaltung. Dort soll Ende 2024 die Fertigung von Schließsystemen eingestellt werden.

Neue Organisation

Wo genau in Coburg Arbeitsplätze verschwinden sollen, geht aus der Pressemitteilung nicht klar hervor. Allgemein ist von einem Stellenwegfall in Produktion und Verwaltung die Rede. "Für mehr unternehmerisches Denken und Handeln vereinfacht und automatisiert Brose die Prozesse in Produktion und Verwaltung, baut Hierarchieebenen ab, ordnet Zuständigkeiten neu und fördert die Übernahme von Verantwortung auf jeder Ebene", heißt es da. Zu Beginn des kommenden Jahres solle die schrittweise Umsetzung der neuen Organisation starten.

Eine Begründung für den Schritt ist die Situation im Automobilsektor. Die Automobilindustrie werde "Jahre brauchen, um sich von den jüngsten Verwerfungen zu erholen", wird Ulrich Schrickel zitiert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Brose-Gruppe. Das Programm "Future Brose " war allerdings schon 2019 angeschoben worden, zum 100. Jubiläum des Unternehmens am Standort Coburg (Max Brose hatte sein Unternehmen 1908 in Berlin gegründet und war 1919 nach Coburg umgesiedelt).

Bereits 2018 hatte es eine Sicherungsvereinbarung für die Sitzefertigung in Coburg gegeben. Dafür verzichteten Beschäftigte aller Ebenen auf Lohnzuwächse; die Gesellschafterfamilien Stoschek und Volkmann verzichteten auf Rendite. Schon damals war die Rede davon, Kosten zu senken durch rationellere Abläufe.

"Sozialverträgliche Maßnahmen"

Im Oktober 2019 wurde "Future Brose" angekündigt - und Stellenabbau im großen Stil. Zwölf Monate sei mit den Betriebsräten an den vier Standorten verhandelt worden, teilte Brose nun mit. "Es ist uns gelungen, mit den Betriebsräten sozialverträgliche Maßnahmen zum Stellenabbau zu vereinbaren. Das ist in der aktuellen Lage der Weltwirtschaft und der Automobilindustrie keine Selbstverständlichkeit", sagt Schrickel.

"Sozialverträglich" bedeutet, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden soll. Bis Freitag verhandelten in Coburg Betriebsrat und Brose-Geschäftsführung über einen Interessenausgleich und den Sozialplan, berichtet Nicole Ehrsam von der IG Metall in Coburg. Das Verhandlungsergebnis sei aber noch nicht dem kompletten Betriebsrat vorgestellt und von diesem noch nicht abgesegnet worden. Betroffen vom Stellenabbau ist Ehrsam zufolge vor allem der Bereich "Zentralfunktionen", der Aufgaben für den gesamten Konzern übernimmt.

Ulrich Schrickel verweist darauf, dass "alle unsere Wettbewerber den Großteil ihrer Produktion im günstigeren Ausland fertigen". Um da konkurrenzfähig zu bleiben, soll das "internationale Produktionsnetzwerk" von Brose ausgebaut werden, "beispielsweise in China, Mexiko, Tschechien und Serbien."

Brose müsse seine Effizienz erhöhen, sagt Schrickel. Professor Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR (Center Automotive Research, Duisburg), sieht noch eine andere Ursache: "Möglicherweise hatte in den vergangenen Jahren die Innovationskraft bei Brose nachgelassen. Das rächt sich in einem enger werdenden Markt, wie jetzt, in der Coronakrise. Jetzt sucht Brose wieder Anschluss an einen Wachstumskurs, mit wenig Überkapazitäten. Der Stellenabbau könnte hier dabei helfen, Kosten zu sparen."

Freiräume schaffen

Indirekt bestätigt wird das durch die Aussage von Schrickel, dass der Personalabbau Freiräume schaffen soll "für Investitionen in Zukunftstechnologien und neue Geschäftsfelder". So habe Brose in diesem Jahr erstmals Serienaufträge für Radarsensoren erhalten. Diese sollen bei selbsttätig öffnenden Seitentüren verhindern, dass Radfahrer oder Fußgänger dagegen stoßen. Radarsensoren erlauben es, den Kofferraum durch Gesten zu öffnen, oder sie können den Fahrzeuginnenraum überwachen. Mit Antrieben für elektrische Zweiräder will Brose vom Trend zur Elektromobilität profitieren. In diesen Bereichen werde nach wie vor Personal gesucht, sagt Sprecherin Katja Hermann: Spezialisten für Elektronik, Sensorik, Software, IT.

Auch am Investitionsprogramm in Coburg werde festgehalten, betont Hermann. Unter anderem will Brose am Standort ein neues Logistikzentrum bauen. Doch auch darüber gab es schon Diskussionen: Angedacht ist offenbar, das Logistikzentrum über die Frankenbrücke an die B4 anzubinden, weil das Unternehmen davon ausging, dass die B4 auch im Weichengereuth vierstreifig ausgebaut wird. Das hat der Stadtrat allerdings abgelehnt.