Günter Flegel Das Unternehmen spricht von einem Zukunftsprogramm, das auf zwei Säulen steht, die Gewerkschaften nennen es Doppelmoral: Schaeffler hat binnen einer Woche für zwei Paukenschläge gesorgt: Erst verkündet der Konzern einen rigiden Sparkurs und die Streichung von 4400 Stellen, dann macht er Millionen flüssig, um andere, in die Krise geratene Unternehmen zu kaufen.

Auch wenn man nicht viel von höherer Unternehmer-Mathematik versteht, liegt nach dem Beschluss der Außerordentlichen Hauptversammlung der Schaeffler AG am Dienstag auf der Hand, dass der Herzogenauracher Konzern nicht zu denen gehört, die akut in einer Notlage sind. Mit dem Geld aus dem Verkauf von bis zu 200 Millionen Aktien will Schaeffler-Vorstand Klaus Rosenfeld auf Einkaufstour gehen, auch wenn er und Familiengesellschafter Georg Schaeffler nichts zu konkreten Übernahmeplänen sagten.

Gesetzt den Fall, die Aktien von Schaeffler sind weiterhin knapp sechs Euro pro Stück wert, dann brächte das Paket gut eine Milliarde Euro in die Kasse. Das Geld braucht man in Herzogenaurach aber nicht etwa, um durch die Corona-Krise zu kommen. Es soll "Flexibilität" für zukünftige Pläne gewährleisten, sagte Klaus Rosenfeld.

Erst verkündet Schaeffler ein hartes Sparprogramm mit der Streichung von 4400 Stellen, dann zieht der Konzern eine Milliarde Euro aus dem Hut: Dieser scheinbare Widerspruch heizte die Stimmung am Mittwoch weiter an, als sich die Beschäftigten an allen Schaeffler-Standorten zu Protestkundgebungen versammelten.

In Schweinfurt, das mit 1000 Arbeitsplätzen auf der "roten Liste" besonders hart getroffen werden könnte, fand die Aktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In Eltmann, wo die Schließung des Schaeffler-Werkes und die Verlagerung von 450 Arbeitsplätzen nach Schweinfurt im Raum stehen, zogen Hunderte Mitarbeiter und Gewerkschafter mit Fahnen vom Werkstor zum Marktplatz.

Eine Kundgebung der IG Metall gab es am Stammsitz des Konzerns in Herzogenaurach, der mit der Streichung von bis zu 1100 Stellen zu den größten Opfern der Schaeffler-Pläne gehört. Ein Aderlass droht auch in Höchstadt; hier will das Unternehmen die Automotive-Sparte aufwerten, aber aus dem Industriesegment im Gegenzug Hunderte Arbeitsplätze umsiedeln - nach Schweinfurt. Die Mitarbeiter machten ihrem Unmut Luft und trugen einen symbolischen Sarg durch die Straßen.

Die Proteste am Mittwoch sieht die IG Metall als Auftakt zu einem "heißen Herbst" bei Schaeffler. Denn auch die Gewerkschaft und die Betriebsräte bei Schaeffler fahren eine Doppelstrategie: Sie gehen in Verhandlungen mit der Konzernführung, um möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten; auf der anderen Seite will man öffentlichen Druck machen.

Droht ein Arbeitskampf?

Salvatore Vicari, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, will das Wort Arbeitskampf noch nicht in den Mund nehmen. "Wir können dieses Paket so nicht hinnehmen", sagt er; aktuell suche man das Gespräch, um offene Fragen zu klären und alle Details der Pläne zu erfahren. Nicht hinnehmbar seien Werkschließungen und Kündigungen auf der einen und Produktionsverlagerungen ins Ausland auf der anderen Seite. "Dagegen werden wir uns mit allen Mitteln zur Wehr setzen", sagt Vicari.