Affe, Löwe und Zebra: Im Nürnberger Tiergarten wimmelt es von aufregenden Tieren. Jetzt ist der Landschaftszoo um eine Attraktion reicher geworden. Studenten der benachbarten Kunstakademie haben das weitläufige Gelände am Schmausenbuck in ein tierisches XXL-Museum verwandelt.

Unter der Überschrift "Rroooaaarr!" werden beispielsweise Pinguine mit Sound beschallt. Bei den Erdmännchen laufen aphoristische Nachrichten in Endlosschleife über ein LED-Display. Im "Blauen Salon" lässt Anna Poetter eine Meerjungfrau durch die Unterwasserwelt gleiten. Auf der Merianwiese schraubt sich ein "weißer Rabe" in den Himmel. Christian Manuel Schreiber hat die viereinhalb Meter hohe Konstruktion aus Holz und Stahl unter dem Titel "White Raven" entworfen.

Tiere mögen Kunst

Im Gehege der Dybowski-Hirsche wachsen riesige Ohren aus den Baumstämmen. "I can hear you" hat Michael Sailstorfer sein Kunstwerk genannt. Die Hirsche mögen die Ohren offensichtlich zum Fressen gerne. Immer wieder hüpfen die Stirnwaffenträger vorbei und schlecken die Kunstohren mit ihren langen Zungen ab.

Kein Wunder: Michael Sailstorfer hat seine Hörmuscheln aus Salzstein geformt. Und Salzsteine finden Hirsche nun einmal unwiderstehlich. Unwiderstehlich gut ist auch die Ausstellung im Nürnberger Tiergarten. Michael Sailstorfer hat die Idee zu dieser tierischen Ausstellung gehabt. Gemeinsam mit seinen Studenten der benachbarten Kunstakademie wollte der 1979 in Velden geborene Kunstprofessor den Tiergarten in ein großes Ausstellungsgelände verwandeln. Die gezeigten Arbeiten verstehen sich als "Interventionen", schreibt Lukas Feireiss über die Schau in dem kleinen aber feinen Ausstellungskatalog, der im Verlag für moderne Kunst pünktlich zur Ausstellungseröffnung erschienen ist.

Tiergärten seien laut Feireiss seltsame Orte, welche der Haltung und öffentlichen Zurschaustellung von meist exotischen Tierarten dienen.

Subversiv und poetisch

Der motivische Kontrast zwischen künstlichem Zaungehege und natürlicher Zoolandschaft lasse die "Diskrepanz einer grundlegenden Andersartigkeit" spürbar werden.

In diesem Sinne sei die "Rroooaaarr!"-Ausstellung im Nürnberger Tiergarten eine "Er-Örterung" im radikalen Sinne des Wortes. Die Kunst trete mit dem Zoo in Dialog. Die ausgestellten Objekte spielen mit den Erwartungen der Besucher. Auf genauso subversive wie poetische Weise würden "Gefühle der Fremdheit und Entfremdung" beim Betrachter laut Lukas Feireiss hervorgerufen.

"In der gänzlich unvermittelten Konfrontation mit den oftmals versteckten, künstlerischen Installationen testet die Ausstellung wissentlich die Grenzen des Tiergeheges aus", schreibt Lukas Feireiss unter der Überschrift "Seltsame Begegnungen" in seinem vorzüglichen Vorwort zu der mehr als sehenswerten Ausstellung im Nürnberger Tiergarten.

Kulturelles Bekenntnis

Zoo-Direktor Dag Encke freut sich über die künstlerische Aufmerksamkeit. Tiere seien in der Kunst schließlich schon immer ein beliebtes Motiv und Sujet gewesen.

"Die ältesten kulturellen Überlieferungen des modernen Menschen sind - neben Fruchtbarkeitssymbolen - Tierdarstellungen", erklärt Tiergarten-Direktor Dag Encke. Tiere seien bis heute integraler Bestandteil menschlicher Kultur. Die Ausstellung sei für den Tiergarten auch ein politisches Statement. "Die Art und Weise, in der Zootiere im Tiergarten der Stadt Nürnberg gehalten und der Öffentlichkeit präsentiert werden, ist ein kulturelles Bekenntnis, wie die Stadt ihr Verhältnis zum Tier und eine gemeinsame Zukunft von Mensch und Tier darstellen will", betont Encke.

Bei den Besuchern rufe die Schau durchaus starke Reaktionen hervor. Besonders die lebensgroßen Besucher-Skulpturen bei den Tigern im Raubkatzengehege würden laut Encke von einigen Besuchern als "verstörend" eingestuft.

Besonders Kinder würden sich von den Holzfiguren mit dem aufgemaltem Tigermuster - das meist mit einem Zebramuster verwechselt wird - ängstigen. Für Encke gehört Provokation zur Kunst. Das Kunstwerk von Lisa Marie Konietzny sollte die Eltern laut Encke dazu motivieren, sich mit den Kindern über die Hintergründe und Ursachen auseinanderzusetzen.