Lassen sich Konflikte auf der Welt auf unser Konsumverhalten zurückführen? Können wir umgekehrt mit unserer Ernährungsweise zu mehr Frieden auf Erden beitragen? Diese Fragen haben wir Tina Bartelmeß, Juniorprofessorin am Campus in Kulmbach, gestellt:

Frau Professorin Bartelmeß, diskutieren Sie mit uns doch bitte die These, dass wir mit unserem Konsum-, unserem Ernährungsverhalten auch zu mehr Frieden in der Welt beitragen können.

Tina Bartelmeß: Dafür müssen wir zunächst klären, was unter Frieden verstanden werden kann und wie unser Ernährungsverhalten Frieden wahren, sichern oder herstellen kann.

Wie kann man sich einer Definition nähern?

Es lassen sich gewisse Grundfragen stellen, um Frieden zu beschreiben: Ist Frieden gleichzusetzen mit der Abwesenheit physischer Gewalt? Ist er gleichzusetzen mit Gerechtigkeit? Angelehnt an diesen beiden Grundfragen lässt sich zwischen negativem und positivem Frieden unterscheiden. Negativer Frieden bezeichnet das Fehlen kriegerischer, physischer Gewalt. Positiver Frieden auch die Abwesenheit struktureller, indirekter Gewalt und damit die Realisierung von sozialer Gerechtigkeit.

Das bedeutet für unser Thema?

Um zu diskutieren, inwiefern unser Ernährungsverhalten zu mehr Frieden beitragen kann, ist danach zu fragen, inwiefern wir durch unser Ernährungsverhalten zu den Ursachen von direkter oder indirekter Gewalt beitragen bzw. inwiefern unser Ernährungsverhalten dazu beitragen kann, die Entstehung solcher Ursachen und Konflikte zu vermeiden.

Wie kann es uns gelingen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln?

Ernährung ist heute eine zunehmend komplexe Angelegenheit. Die Zusammenhänge zu verstehen, transparent zu kommunizieren und nachvollziehbar zu machen, wie die Lebensmittelproduktion und der Konsum auf verschiedenste, teilweise "weit entfernt wirkende" Bereiche und beteiligte AkteurInnen ökonomisch, ökologisch und sozial wirken, wäre ein erster Ansatzpunkt, um KonsumentInnen die Komplexität aufzuzeigen. Bisher appelliert die Kommunikation über Ernährung an die KonsumentInnen, vor allem an die individuelle Verantwortung, sich möglichst gesund zu ernähren. Es muss gelingen, diesen Fokus auszuweiten.

Bleiben wir bei der Ernährung: Was konkret kann ich als einzelner denn tun, um meinen kleinen Beitrag zu leisten?

Eine zentrale Aufgabe jedes einzelnen besteht darin, anzuerkennen, dass Ernährung nicht nur eine private Angelegenheit ist und dass sich einzelne Ernährungsverhaltensweisen kollektiv auf die gesellschaftlichen Verhältnisse weltweit auswirken können.

Mein persönliches Handeln hat also Folgen für Menschen in weit entfernten Ländern?

Klar geht nicht gleich die Welt unter, wenn jemand jeden Tag Fleisch isst oder übermäßig viel Lebensmittel verschwendet, aber in der Summe und im Zeitverlauf wirkt sich das schon deutlich auf die globale Umwelt, die Gesundheit und unser Klima aus. Dann kann unser Ernährungsverhalten dazu führen, dass durch eine steigende Nachfrage hier in anderen Teilen der Welt, wo unsere Lebensmittel produziert werden, Konflikte beispielsweise um Ressourcen oder Landbesitz entstehen. Dies kann so weit gehen, dass den UrproduzentInnen und den umgebenden Gemeinden die Lebensgrundlagen entzogen werden, ökonomisch oder ökologisch. Diese Seite des Ernährungssystems hat dann nichts mehr mit sozialer Gerechtigkeit zu tun und schürt Konflikte, die Frieden destabilisieren oder sogar verhindern können.

Kann ich da schon beim Einkaufen achtgeben, beim Aussuchen der Lebensmittel, beim Zusammenstellen meiner Ernährung?

Ein reflexiver, wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln und ein gesundes, kritisches Maß ist eine gute Faustregel, sowohl im Hinblick auf Gesundheit als auch auf Nachhaltigkeit der Ernährung. Die individuelle Ernährung sollte laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung vor allem ausgewogen sein. Wichtig wäre, beim Lebensmitteleinkauf auf Qualität und Vielfalt zu achten und weniger auf Quantität.

Was heißt das konkret?

Ein/e KonsumentIn mit kritischem Qualitätsbewusstsein fragt heute nicht nur nach der Produktsicherheit, sondern auch nach der Herkunft und Produktion der Lebensmittel und nach den Lebensmittelinhaltsstoffen und Verpackungen. Auf diese Kriterien achtzugeben und aus der Vielfalt der regional und saisonal verfügbaren Lebensmittel zu wählen, kann schon einen Beitrag zu mehr globaler Gesundheit und Nachhaltigkeit und damit auch zu mehr Frieden leisten.

Ein wichtiger Punkt ist offensichtlich unser Fleischkonsum, der zu Konflikten anderswo auf der Welt führen kann?

Fleisch ist wohl eines der Lebensmittel, dessen Konsum am meisten polarisiert. Die Fleischproduktion und die intensive Tierhaltung gehen mit erheblichen Klima-, Umweltschutz- und Biodiversitätsproblemen sowie tierethischen Herausforderungen und sozialen und gesundheitlichen Wirkungen einher. Isst die Gesellschaft zu viel Fleisch, verschärfen sich die Probleme in vielerlei Dimensionen. Beispielsweise müssen für eine intensive Tierhaltung woanders Regenwaldrodungen vorgenommen werden, damit - meist unter Einsatz von Pestiziden - in Monokulturen Futtermittel angebaut werden können, die wiederum zur Verseuchung von Grundwasser und Gewässern in der Nähe beitragen, zu Verlust heimischer Artenvielfalt, Ausbeutung von Menschen, die auf den Feldern oder der Industrie arbeiten, sowie mit gesundheitlichen Risiken und sozialen Auswirkungen für diese einhergehen (wie Verarmung der KleinbäuerInnen, Hunger, Landraub). Dies kann schließlich zu Konflikten führen und Frieden destabilisieren.

Wenn ich nun aber nicht auf Fleisch verzichten will - was kann ich dann tun?

Fleisch ist ein Lebensmittel, das tief in westlichen Ernährungskulturen verankert ist und durch zahlreiche Gerichte auch Ausdruck unserer kulturellen Identität ist. Ein gänzlicher Verzicht wird sicher nicht großflächig gelingen und ist aus kultureller, sozialer und ökonomischer Sicht auch nur bedingt sinnvoll.

Also ist weniger mehr?

Ein bewusster und moderater Fleischkonsum ist auch laut Planetary Health Diet durchaus in Ordnung - beispielsweise 100 Gramm Rind-, Lamm- oder Schweinefleisch und 200 Gramm Geflügelfleisch pro Woche. Aber hier ist neben dem gesunden, kritischen Maß auch der reflexive, wertschätzende Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch relevant sowie ein Bewusstsein für die Qualität des Fleisches im umfassenden Sinne. Darauf zu achten, wo das Fleisch herkommt und sich darüber zu informieren, unter welchen Bedingungen es produziert wird, wäre etwas, was jede/r Fleischesser/in tun könnte. Und wenn diese Bedingungen nicht mit dem Qualitätsverständnis vereinbar sind, können Lebensmittel anderer Qualität gewählt werden oder pflanzliche Alternativen.

Natürlich ist das für den einzelnen auch immer eine Kostenfrage...?

Bei Fleisch von hoher Qualität sind die sichtbaren Preise im Handel zwar höher, bei Fleisch von niedriger Qualität aber sind die wahren, unsichtbaren Kosten höher, da sie im Produktionsprozess externalisiert werden. Diese Kosten trägt dann die Allgemeinheit - auch die Menschen, die bewusst auf Fleischkonsum verzichten. Im Sinne des Friedens könnte man sich hier fragen, ob es gerechter ist, seinen Fleischkonsum zu reduzieren und damit auch diese Kosten zu senken oder ob man bereit ist, die höheren Kosten zu tragen, wenn man Fleisch konsumieren möchte.

Können wir das Problem lösen, indem wir mehr Nahrungsmittel selbst produzieren? Jeder hat ein Gemüsebeet im Garten oder ein Hochbeet auf dem Balkon...?

Das ist sicher ein netter Gedanke, aber das wird das Grundproblem nicht lösen. Das Ernährungssystem ist globalisiert und spezialisiert - und die Strukturen lassen sich nicht so einfach umkehren. Noch dazu fehlt vielen auch das Wissen, die Zeit und der Platz, um für sich selbst und die Familie ausreichend Lebensmittel anzubauen.

Was könne wir dann tun?

Die Landwirtschaft und insbesondere die kleinbäuerliche Landwirtschaft sind enorm wichtig für unsere Nahrungsmittelproduktion - und sie erbringen auch wichtige weitere gesellschaftliche Leistungen (beispielsweise Erhalt der Kulturlandschaften, Erhalt traditioneller und regenerativer Anbaumethoden). Die Covid-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben uns gezeigt, wie stark unsere Ernährung in globale Strukturen eingebettet und von ihrem Funktionieren abhängig ist. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, lokale bzw. regionale Ernährungssysteme in ihrer Resilienz zu stärken. Da sind wir in Deutschland noch längst nicht an unsere Grenzen gestoßen - sowohl auf ProduzentInnen-, als auch KonsumentInnen-Seite ist da noch Luft nach oben für innovative Anbaumethoden, Geschäftsmodelle, Vertriebs- und Konsummuster.

Die Fragen stellte Alexander Müller.