Der Kunst- und Kulturverein würdigt unter dem Titel "Retrospektive - 100 Jahre Hans Bitter" den Herzogenauracher Hans Bitter, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Einen leidenschaftlichen Künstler und ebenso leidenschaftlichen Leichtathleten. "Seine kontrastreichen Aquarelle erinnern an Landschaften und Städte, die er gerne auch wiederholt besucht hat, so die Insel Norderney, Graubünden und vor allem Davos", stellte Manfred Braun bei der Vernissage die Werke des Künstlers vor.

"Ein kleines Team der Künstlergruppe des Kunstvereins stellte in wochenlanger Arbeit eine Auswahl von seinen ausdrucksstarken Kunstwerken zu einer Retrospektive im Kunstraum zusammen", erzählte Brigitte Graf-Nekola. Bitter gab sein Alter immer gerne mit einer Rechenaufgabe an: Am 22. 2. 22 sei er schon zwei Jahre alt gewesen. Somit konnte jeder selbst ausrechnen, in welchem Alter Bitter sein erstes Kunstwerk, das im Jahr 1933 entstand, malte.

Hans Bitter wurde am 22. Februar 1920 in Herzogenaurach geboren und starb am 12. September 2011. Er wurde als Leichtathlet in seiner Altersklasse mehrfach Welt- und Europameister. Er war aber auch Gründungsmitglied des Herzogenauracher Kunst- und Kulturvereins.

"Manche Werke sind sehr subjektiv, andere flüchtig, sehr routiniert und immer authentisch. Hans Bitter malte in expressiver Manier mit schnellem Strich und starken Kontrasten. Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und andere dienten ihm entfernt als Vorbilder. Er war ein Getriebener seiner Begabungen, der sich ausdrücken musste - wie nun in der Retrospektive zu besichtigen", umschreibt Brigitte Graf-Nekola die Ausstellung.

Ein Autodidakt

Gerade in der heutigen, vom Coronavirus geprägten Zeit, hätten die Menschen zunehmend die Sehnsucht nach Urlaub, sagte Brigitte Graf Nekola, die selbst aktive Künstlerin im Verein ist. Man sieht auf den Bildern der Ausstellung Berge, Landschaften, Natur "und denkt sich, da möchte ich jetzt gern sein". Freilich gilt das auch für die kleine Dohnwald-Serie, die die Zweite Vorsitzende genauso beeindruckt wie die Tatsache, dass Hans Bitter nie eine Kunstakademie besucht, sondern sich als Autodidakt selbst weiterentwickelt hat. "Man erkennt eine gewisse Perfektion", sagt die Künstlerin. "Das kann man nicht einfach so."

Bei der Turnerschaft Herzogenaurach (TSH) war Hans Bitter als "Gold-Hans" bekannt und das Aushängeschild des Vereins. Auf seinem Leichtathletikweg durch neun Jahrzehnte sammelte er in seiner Altersklasse Weltrekorde, Europameistertitel und Deutsche Meistertitel zuhauf. Fünf Mal Weltmeister, 13 Mal Europameister - und das in so unterschiedlichen Disziplinen wie Weit- und Hochsprung sowie Kugelstoßen und Diskuswurf. Damit war er der bislang erfolgreichste Einzelsportler, den die Aurachstadt hervorgebracht hat.

Erfolgreich und humorvoll

Im Dezember 2009 wurde er für seine 75-jährige Mitgliedschaft bei der TSH geehrt und erzählte damals von einigen Höhepunkten seiner sportlichen Laufbahn, aber auch einige humorvolle Anekdoten. Nach einer Weltmeisterschaft gab es einen Empfang der Stadt auf dem Marktplatz. Als der damalige Bürgermeister Hans Maier gerade zu seiner Rede ansetzen wollte, fingen die Kirchenglocken an zu läuten, und seine Ansprache ging im Glockengeläut unter. "Das war wie bei Don Camillo und Peppone", so schmunzelnd Bitter damals zu den Mitgliedern im Vereinsheim der Turnerschaft.

Als er als Jugendlicher den Kugelstoßwettbewerb beim 1. FC Nürnberg gewann, warb der "Club" Bitter ab. "Ich war dann auch zwei Jahre bei den Nürnbergern, aber nicht länger", erzählte Bitter. Denn im Anschluss ging er damals als bester Hochspringer in Deutschland in die Geschichtsbücher wieder als TSHler ein. Auch als Turnfestsieger bei den gleichnamigen Festspielen 1963 in Essen. Unter 1000 Leichtathleten war der Herzogenauracher der Beste. Bitter kündigte damals sogar schmunzelnd an, bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 in Südkorea noch mal anzutreten. "Schließlich gäbe es nur noch drei in meiner Altersklasse", sagte Bitter, aber das war ihm nicht mehr vergönnt.

"Der Hans Bitter war unser Aushängeschild Nummer eins sowie der erfolgreichste Sportler und unser einziges Ehrenmitglied, das wegen seiner sportlichen Erfolge und nicht wegen seiner Verdienste als Funktionär ausgezeichnet wurde", erzählte TSH-Vorstandsmitglied Gerd Ankermann bei der Vernissage.

Der Krieg kam dazwischen

Als er im Alter von 14 Jahren zur Turnerschaft kam, erfuhr er seine erste Niederlage, beim Ballspielen gegen Paul Kern, erzählte Hans Bitter bei einer Versammlung im Turnerheim. "Und das war gut so", denn diese Niederlage habe ihn derart motiviert, dass er ab diesem Zeitpunkt mit großem Engagement bei der Leichtathletik war. Bitter machte schon mit 15 Jahren als Hochspringer mit 1,81 Metern auf sich aufmerksam, doch dann hat der Zweite Weltkrieg eine möglicherweise große Karriere verhindert.

Skizzenbuch war immer dabei

Das Leben von Bitter war von zwei Leidenschaften geprägt: Der Sport und das Malen mit schnellem Strich. Bei seinen Reisen durch fremde Länder, aber auch in seiner Heimat waren Block und Skizzenbuch seine ständigen Begleiter. Durch sein ständiges Skizzieren von Menschen und Situationen im Karikaturstil blieb er den Bürgern in Erinnerung.

Bitter gab als Motiv für sein Hobby an, dass es ein Ausgleich zu seinem erlernten Beruf des Ingenieurs sei. Ein weiteres Faible hatte Bitter für Porträts. Unbeobachtet zeichnete er Menschen in seiner Umgebung, im Café in Herzogenaurach oder auf einem Flughafen irgendwo auf der Welt. Bitter: "Vor mir ist niemand sicher", meinte er immer schmunzelnd mit seinem Skizzenbuch.

Die Kunst rangiere an dritter Stelle bei seinen "persönlichen drei Ks". An erster Stelle stehe die Kirche, an zweiter das Kugelstoßen, also der Sport. Hier gehörte er Jahrzehnte zu den besten in seiner Altersklasse. Die Inspiration zu seinen Werken holte er sich nahezu auf der ganzen Welt verteilt. Einige Landschaften hat Bitter mehrmals besucht und dementsprechend oft verewigt: Norderney und Davos setzte er vielfach in dem Stil um, den sein großes Vorbild Ernst Ludwig Kirchner entwickelte. Ein Spiel der Farben - Bilder, die zwar die Landschaft wiedergeben, die farbliche Realität aber außer Acht lassen. Immer wieder diente auch der Dohnwald als Motiv, der dem Sportler häufig als Trainingsgelände diente.

Skizzenbücher, Aquarelle, Zeichnungen - viele hundert Werke umfasst der Nachlass, den der Kunstverein nach dem Tod des Künstlers im Jahr 2011 von dessen Familie vermacht bekommen hat. Einhundert ausgewählte - 60 Bilder und 40 Skizzenbücher - sind nun im Kunstraum zu sehen und können dort auch käuflich erworben werden.