Wer ist schon einmal beleidigt worden? Viele der Erstklässler, die in der Aula der Anton-Wölker-Grundschule sitzen, strecken ihre Hand nach oben. "Und wie hat sich das angefühlt?", fragt Karate-Trainerin Janine Böhme. "Nicht toll", sagt ein Junge. "Traurig", sagt ein Mädchen.

An mehreren Tagen ist Böhme an der Anton-Wölker-Schule, um den Schülern spielerisch zu vermitteln: Was ist Gewalt und was kann ich dagegen tun? Denn Gewalt - sei es physische oder psychische - hat fast jeder schon einmal erlebt - und das kann bereits im Kindesalter beginnen. "Ob ich ausgegrenzt oder beleidigt werde, richtet den gleichen Schaden an wie Schläge", sagt Böhme.

Mit der Aktion "Kommunikation-Selbstbehauptung-Selbstschutz" sollen die Schüler lernen, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen und selbstbewusst auftreten, um gar nicht erst zur Zielscheibe von Aggression und Gewalt zu werden.

Übungen zur Gewaltprävention

In einem großen Sitzkreis nähert sich Böhme mit den Kindern zuerst der Wirkung der Körpersprache an. Wie wirkt ein fester, breitbeiniger Stand? Wie wirkt ein Blick, der starr auf den Boden gerichtet ist? Egal, ob verschränkte Arme oder gesenkter Kopf: "Alles, was vorne zugemacht wird, wirkt unsicher", erklärt Böhme den Schülern.

Als nächstes zeigt sie ihnen, wie sie stabil stehen und sich so bei einem Konflikt behaupten. Zum Schluss der Stunde werden die Schüler noch einmal richtig aktiv: Zu zweit simulieren sie mit einer Schwimmnudel aus Schaumstoff, wie ein potenzielles Opfer Schläge mit den Händen abwehren kann. Böhme macht seit 17 Jahren Karate, der Sport ist für sie zu einer Lebenseinstellung geworden.

Seit zehn Jahren unterrichtet sie, vor allem Kinder und Jugendliche. Beim FSV Erlangen-Bruck hat sie eine Karate-Kinderabteilung aufgebaut, bei der SpVgg Zeckern hat sie die gesamte Karateabteilung ins Leben gerufen. 2017 hat sie zum ersten Mal die Aktion "Kommunikation-Selbstbehauptung-Selbstschutz" veranstaltet.

Generell seien Kinder und Jugendliche heutzutage nicht gewaltbereiter, meint Böhme. Allerdings: Das Wissen, was man als einzelner bewirken kann, werde weniger, ebenso schrumpfe bei vielen das Selbstbewusstsein. Und wer angreifbar wirkt, wird auch schneller zum Opfer. "Kinder haben weniger Umgang miteinander. Es fehlen gewisse Kompetenzen im Umgang miteinander", sagt Böhme.

Neben Übungen und Abwehrtechniken zu körperlicher Gewalt und Gewaltprävention, simuliert Böhme in ihren Kursen auch Übungen gegen psychische Gewalt wie Mobbing oder Ausgrenzung. "Kommunikationstraining als Konfliktlösungsoption" ist außerdem Bestandteil ihrer Kurse. In den rund 45-minütigen Crash-Kursen an den Schulen beschränkt sich die Karate-Übungsleiterin auf Grundlegendes, etwa das Abwehren von Schlägen oder einen festen Stand.

Antje Ullmann, Konrektorin der Anton-Wölker-Grundschule, behält während der Stunde die Aufsicht über die Klasse. Weil manches gerade für Erstklässler noch etwas abstrakt sei, könne das im Unterricht noch einmal aufgegriffen werden, sagt sie.

Im November ist Böhme mit dem BLSV Ehrenamtspreis in der Kategorie Innovation ausgezeichnet worden. Im nächsten Jahr möchte sie Weiterbildungen für Lehrer, Betreuer, Erzieher und Sozialpädagogen im Bereich "Kommunikation-Selbstbehauptung-Selbstschutz" an (Grund-)Schulen anbieten. Ab sechs Jahren unterrichtet Böhme Kinder, bis zum Alter von zehn Jahren werden im Training aber keine Schläge und Tritte verwendet.

Böhme hat viele Schulen im Landkreis Erlangen-Höchstadt, in Erlangen und im Landkreis Forchheim angeschrieben. Der Rücklauf sei enorm, in über 100 Schulklassen sei sie schon gewesen. "Es gab so viele Anfragen, dass die Aktion mehrfach verlängert wurde."