Käme er noch einmal auf die Welt und hätte die freie Wahl, er würde sich wieder für die Erziehungsberatung entscheiden. "Ich liebe meinen Beruf, die Arbeit mit den Familien, Erfolge und die Chance, Dinge anzustoßen, Konzepte weiter zu entwickeln." Dieter Schwämmlein ist ein glücklicher Mann, der um seine Talente und Leidenschaften weiß. Seit 1. Januar ist er im Ruhestand - obwohl kaum ein Wort weniger zu ihm zu passen scheint. 30 Jahre war er beim Diakonischen Werk Coburg beschäftigt, 40 Jahre ist er in der Erziehungsberatung tätig. Der 65-Jährige ist eine Instanz in allen Fragen rund um die Familie. Und er will es auch bleiben.
Auffälligkeiten im Kindergarten, Schwierigkeiten in der Schule, Aufmüpfigkeit in der Pubertät, ADHS oder Drogensucht, Dieter Schwämmlein hilft weiter. 600 bis 700 Fälle im Jahr werden von der Erziehungs- und Familienberatung des Diakonischen Werkes Coburg betreut.
Tendenz steigend.
Obwohl die Zahlen der Klienten im Alter von 0 bis 21 Jahren zurückgeht, registriert die Stelle immer mehr Kinder- und Jugendliche. Dieter Schwämmlein erklärt das mit der erfolgreichen Präventionsarbeit. "Wir sind in den Kindergärten vor Ort. Wir haben ein großes Netzwerk mit aufmerksamen Erziehern, Kinderärzten und Therapeuten. Wir gehen in die Familien."
Alarmierend beobachtet der Sozialpädagoge die gesellschaftlichen Entwicklungen. "Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Wir erleben die Scham der Mütter und Väter, die nur noch knapp über die Runden kommen, obwohl sie Vollzeit arbeiten." Im geschützten Raum der Erziehungsberatungsstelle geben Eltern und Kinder zu, an was es ihnen mangelt.
Immer öfter kommen auch Jugendliche aus der oberen Gesellschaftsschicht mit Problemen. "Arm kann man auch anders definieren: arm an Bindung, arm an Elternkontakt, arm an Elternzeit." Egozentrik ("Ich will alles", "Ich kann alles") und mangelnde Resillienz gefährden das gesellschaftliche Miteinander.


Bildungsbus für Flüchtlinge?

Dieter Schwämmlein weiß wovon er spricht. Seit den frühen 80er Jahren beobachtet und begleitet er gesellschaftliche Entwicklungen. Als Vorsitzender des Domino war er aktiv am Aufbau des Kinder- und Jugendzentrums beteiligt. Der bunte Bus der Mobile Jugendarbeit oder das Integrationsbüro für Aussiedler lagen ihm besonders am Herzen. "Es wäre gut, wenn e so was jetzt wieder für die Flüchtlinge gäbe", überlegt er. Denn sich ehrenamtlich in der Traumarbeit mit Flüchtlingen zu engagieren, ist eines seiner nächsten Ziele. "Was die Kinder und Jugendlichen auf der Flucht erlebt haben, ist unglaublich. Ich möchte ihnen helfen, das Verdrängte zu verarbeiten." An Ideen mangelt es dem Ruheständler nicht. "Ich habe immer Ideen gehabt und sie auch verwirklicht. Wenn es auch nicht immer einfach war, so konnte ich doch die Politik meist überzeugen", sagt er - nicht ohne Stolz.
Was ihm am Herzen liegt, sind und bleiben verbesserte Entwicklungsbedingungen von Kindern. Was bedeutet der Umgang mit Internet und Facebook für die Zukunft der nachwachsenden Generation? Welche Schule brauchen Kinder? Fragen, die sich der Psychoanalytiker stellt. Das aktuelle Bildungssystem überfordere Kinder und Lehrer. Es sei an der Zeit, neue Modelle auszuprobieren, Modelle, die ressourcenorientiert arbeiten.
Was nützen auch quantitativ ausreichend Krippen- und Kindergartenplätze, wenn die Qualität der Arbeit nicht passt. Es dürfe nicht sein, dass zwei Erzieher zwölf Krippenkinder betreuen. "Gute Bindungen sind für Kinder das Wichtigste", stellt er fest. Und eine faire Bezahlung für Erzieherinnen nennt er eine gesellschaftliche Investition, die sich lohnt.
Dieter Schwämmlein kämpft mit Leidenschaft und ruhiger Ausstrahlung. Es scheint, ihn kann nichts aus der Mitte bringen. Eine schwere Krankheit, die er vor einigen Jahren zu bewältigen hatte, gibt ihm heute Kraft. "Jetzt kann ich meinen Körper besser einschätzen", lacht er und denkt daran, dass ihn seine Kollegen und Mitarbeiter immer fragen, wie er alle schafft: ob einen Kuchen mal so nebenbei backen, kochen für Freunde, Orgel spielen in Fechheim, alte Möbel im Vintage-Look restaurieren oder sein Bauernhaus in Horb herrichten... Die Antwort ist immer die gleiche: "Mit Begeisterung bei der Sache sein, schenken und genießen. Achja, und kein Fernsehen schauen!"