Die Statistiker zählen 93 000 Pferde in Bayern, genauer: Einhufer, zu denen auch Esel und Maultiere gehören. Das ähnelt einer anderen Statistik, wonach es im Freistaat 93 000 landwirtschaftliche Betriebe gibt. Ein Pferd pro Bauernhof also wie in der guten alten Zeit? Von wegen! Es sind eher ein paar Millionen Pferdestärken ....
Es gibt zwei Trends in der Landwirtschaft, die auf den ersten Blick nicht zu vereinbaren sind: Immer mehr Verbraucher wünschen sich Produkte, die in bäuerlichen Betrieben "grün" erzeugt werden. Der andere Trend ist der vom Computer gesteuerte und von Satelliten gelenkte Traktor, der die immer größer werdenden Flächen immer effektiver bearbeitet ...


Landwirtschaft 4.0

Die Trends könnten sich treffen, und dahinter steckt ein Schlagwort, das man nicht leicht mit der Landwirtschaft in Verbindung bringt: 4.0. "Die digitale Revolution ist auch in der Landwirtschaft nicht mehr aufzuhalten", sagt Stefan Kraft von der Baywa-Technik in Bamberg.
Im Technik-Zentrum am Hafen trifft sich die bäuerliche Welt von heute mit der von übermorgen. Die stärksten Traktoren, die man dort kaufen kann, bringen 400 PS auf die zwei Meter hohen Reifen. Die Fahrerkabine, die man über eine Leiter erklimmen muss, gleicht einem Cockpit - Bildschirm und Joystick springen ins Auge, nur den Schaltknüppel sucht man vergebens. "Stufenloses Automatikgetriebe", erklärt.
Wer alles nutzen will, muss zum einen so viel Geld hinlegen wie für ein kleines Reihenhaus, zum anderen muss er sein Fingerspitzengefühl schulen. Denn der Traktor ist weniger eine Zug- als eine Datenverarbeitungsmaschine, die man für die unterschiedliche Aufgaben programmieren kann, um Zeitaufwand, Kraftstoffverbrauch und den Bedarf an Düngemitteln und Saatgut zu optimieren. Sogar der Reifendruck wird per Knopfdruck angepasst.
Die Riesen auf den Feldern markieren nicht den End-, sondern einen Wendepunkt einer Entwicklung. Vor genau 100 Jahren kam der erste Traktor auf den Markt, der als Vorbild aller modernen Zugmaschinen gelten kann: das Modell Fordson von Henry Ford in den USA, 1917. In Deutschland zogen die Firmen Lanz ("Bulldog"), Hanomag und Deutz nach, ohne dass sich das "Dieselross" so schnell durchsetzen konnte wie in den Vereinigten Staaten, wo die großen Flächen den Einsatz teurer Maschinen lohnend machten.
Umso schneller geht jetzt der Wandel vonstatten: von der Mechanisierung über die Automatisierung fast nahtlos zur Digitalisierung. Bei der Baywa in Bamberg stehen die Riesen von heute in der Halle, doch ganz unscheinbar an der Wand läuft ein Film, der die Zwerge von morgen zeigt: Die Agrartechnik-Hersteller tüfteln an Systemen, die die Landwirtschaft automatisieren, die Daten sammeln und so den Einsatz von Energie und Dünger optimieren. "Mars" heißt das Projekt bei Fendt, und es klingt nicht zufällig nach Raumfahrt und Science Fiction. Wenn "Mars" Realität wird, fahren keine 400-PS-Giganten mehr über das Feld, sondern ein Schwarm von winzigen High-Tech-Geräten, die an Rasenmäher-Roboter erinnern. Dann kommen die Statistiken vom Beginn vielleicht doch wieder ins Gleichgewicht, weil die Landwirtschaft 4.0 mit viel weniger Pferden auskommt ...


Alternative: Solawi

In Franken gibt es derzeit gut ein Dutzend Projekte für Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, die als eine der möglichen Alternativen zum konventionellen Anbau gilt (siehe dazu auch den ausführlichen Bericht auf Seite 3).
Solawi heißt: Mal wird Obst und Gemüse unter den Mitgliedern aufgeteilt, mal das Ergebnis bäuerlicher Fleischproduktion, wieder ein andermal Bier. Immer ist das Prinzip aber, dass Verbraucher nicht wie gewohnt einkaufen, sondern die Kosten eines Hofes finanzieren und dafür die Erträge bekommen.
Als eine der ersten Initiativen in der Region fand sich vor zwei Jahren eine Gruppe zur Solawi Büdenhof zwischen Itzgrund und Seßlach im Coburger Land zusammen: Heute wird auf dem Gemeinschaftshof mit Wohngemeinschaft umstrukturiert.
Auch in Bayreuth ist die Solawi im Wandel: Hier steckt ein Verein hinter dem Hof, und bald soll erweitert werden. Heuer wurden erstmals Bienenstöcke aufgestellt. Es gibt auch Solawis in Würzburg und Kitzingen, aber die meisten sind in Mittelfranken rund um die Metropolregion Erlangen-Nürnberg. Das soll sich jetzt ändern: Eine Gruppe aus dem Dunstkreis der Transition-Bewegung Bamberg versucht gerade, in der Gärtnerstadt eine Solawi aufzubauen.


Chance für die Gärtnerstadt

Transition ist eine weltweite Bewegung für eine solidarische, nachhaltige und lebenswerte Gesellschaft: In Bamberg entstand daraus bereits der Selbsterntegarten. "Da haben wir auch festgestellt, wie wichtig es ist, zu sehen, wo Lebensmittel herkommen", sagt Heike Kettner, eine der Solawi-Initiatorinnen. "Es ist eine Bereicherung." Eben hat das zweite Gruppentreffen stattgefunden. "Der Schlüssel für eine nachhaltige Bewirtschaftung unserer Felder liegt darin, zu kleinteiliger, lokaler Versorgung zurückzukehren", findet Kettner. Und sie ergänzt: "Bamberg, die Gärtnerstadt, ist ideal dafür. Und es ist für die Gärtner auch eine Chance. Wir sehen darin ein Zukunftsmodell." Allgemeine Informationen zu allen Projekten gibt's auf www.ernte-teilen.org, speziell zur Bamberger Solawi unter "Gruppen" auf www.transition-bamberg.de Solidarische Landwirtschaft ist kein Mega-Trend. Eher eine Utopie: Es ist der Wunschtraum derer, die keine globale Agrarindustrie wollen, keine Lebensmittel aus immer größeren, effizienteren, billigeren Landwirtschaftsfabriken. Sondern vom Biobauern ums Eck. Bei der Solawi Erlangen ist dieser Bauer ein Mann, der aus der Kernkraftbranche kommt. Seit fast 20 Jahren arbeitet Gerhard Rühl als Öko-Landwirt in Weisendorf-Schmiedelberg im Kreis Erlangen-Höchstadt.
In den Freiland-Beeten wachsen zum Beispiel Salat und Schnittlauch und Kohlrabi. Der 62-Jährige kniet jetzt im Gewächshaus. Er zeigt Michaela Mühmer, wie er Tomaten ausgeizt. "Im Gewächshaus ist alles 100 Prozent Handarbeit", erklärt der Bauer, und die Lehrerin betrachtet die Gemüsepflanzen eingehend. Solawi bringt Produzent und Verbraucher zusammen. "Es ist schön zu sehen, was wir bekommen, und wie es wächst", sagt Mühmer. "Die Produkte werden mehr wertgeschätzt. Woanders werden Lebensmittel oft aus Lust gekauft, weil sie so billig sind - und dann wird's weggeschmissen."


Das Leben nach der Kernkraft

Die Solawi-Erlangen gibt es seit zweieinhalb Jahren, gegründet wurde sie als Bürgerinitiative für regionale und ökologische Lebensmittel. Sie macht den Bauern unabhängig von den Zwängen des Weltmarktes, denn die Solawi-Mitglieder kaufen bei ihm kein Produkt. Sie finanzieren seinen Hof und teilen sich das, was dort geerntet wird. Die Erlanger haben zwei Solawi-Bauern: Alfred Schaller aus Steudach für den Winter, Gerhard Rühl aus Weisendorf für das Sommergemüse.
Rühl trägt braune Cordhose und braunen Fleece; alles an diesem Mann ist erdfarben, sonnengebräunt, natürlich. Dabei ist er eigentlich ein Großstädter, ein Erlanger, der als Kind nur auf dem Bauernhof des Onkels Landluft schnupperte. 25 Jahre hatte der Elektroniker bei der Siemens-Tochter Kraftwerk-Union KWU gearbeitet. Die Atomindustrie baute ab, Ende der 1990er Jahre verlor er seinen Job. Er bekam eine Abfindung, und er hatte Lust auf einen Neustart. "Die biologische Schiene war's für mich schon immer. Ich hab' gedacht, wenn ich mich in Höchstadt mit meinen Kartoffeln auf den Markt stelle, funktioniert das."
Vor fast 20 Jahren funktionierte das aber überhaupt nicht. Etwas besser war's dann schon auf dem Markt in Erlangen, aber immer wieder stellte Rühl fest, dass die Leute nur einen Blick auf sein Preisschild warfen und weitergingen. "Dann schleppten sie tütenweise Sachen aus dem gegenüberliegenden Discounter." Michaela Mühmer schüttelt den Kopf: "Es geht immer nur ums Geld, aber Monokulturen machen alles kaputt."
Das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft ist hierzulande noch relativ neu. In Japan entstand bereits vor 40 Jahren das Teikei ("Partnerschaft"): Mütter nahmen einem Landwirt die gesamte Ernte unter der Bedingung ab, dass er keine Pestizide spritzt. Heute ist das Ernteteilen in Japan weit verbreitet. In den USA entwickelte sich fast zeitgleich die Idee des "Community Supported Agriculture" CSA, Vorbild der Solawis.


Jede Woche eine Ernte

Seit er für die Solawi arbeitet, läuft's bei Gerhard Rühl. Den Marktstand hat er aufgegeben. Er expandiert stetig, arbeitet gerade an seinem vierten Gewächshaus. 120 Anteile nehmen die Mitglieder ihm derzeit ab. "Letztes Jahr waren's noch 73. Da kann man schon zufrieden sein mit der Entwicklung!" Neun Euro kostet ein Anteil pro Woche - bei anderen Solawis schwankt der Beitrag zwischen 5 und 20 Euro. Rühl berechnet die Wochenration: "250 Gramm Gurken, eine Rote Bete, ein Kohlrabi, eine Zucchini, Löwenzahnsalat, Schnittlauch, Frühlingszwiebeln, Basilikum." Mittwochs fährt er die Ernte ins so genannte Depot der Solawi in Erlangen. Dort holen die Mitglieder sich ihren Anteil ab.
"Die Solawi wächst sehr schnell. Damit muss man erst mal klarkommen." In seinem Ein-Mann-Betrieb hat Rühl eine Helferin aus der Verwandtschaft: Lore Lauterbach erntet gerade Schnittlauch. "Ich mach diese Arbeit gern. Ich weiß auch nicht warum, aber", die 76-Jährige lächelt: "Ich lang' so gern nei die Erde." Das tun auch viele der Ernteteiler aus der Stadt. Wenn's dringend ist, helfen sie mit auf dem Feld. Das System basiert eben auf Solidarität.