"Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei ..., gell?" Loriot hatte wohl hellseherisch Fähigkeiten: Die Beschreibung, die er 1968 für seinen "Familienbenutzer" lieferte, passt perfekt für den Verkaufschlager des Jahres 2017: den Fidget Spinner.

Der Hype um den Kreisel, der für drei Euro aufwärts zu haben ist, fällt aus dem Rahmen, zumindest aus dem Rahmen der jüngsten Zeit, da sich die Mega-Trends im Internet entwickeln und verbreiten (und in dessen unendlichen Weiten meist auch wieder verschwinden, man denke an Gangnam Style oder Mannequin Challenge).


Nachschub ist unterwegs

Der Spinner ist keine virtuelle Spielerei, sondern eine handfeste. Seinen Erfolg verdankt das Gefuchtel aber letztlich auch dem Internet: Videos, in denen Jugendliche Kunststücke mit dem Kreisel zeigen, sind ein Hit auf Youtube und ließen der Jugend keine Wahl: So ein Ding mus ich auch haben.

Schätzungsweise zehn Millionen dieser Dinger wurden weltweit bereits verkauft - und es wären noch mehr gewesen, hätte der Handel den Trend frühzeitig erkannt. So aber waren die Spinner zeitweise ausverkauft.
Der Hype hat Schattenseiten: Das Schnellwarnsystem der EU für Verbraucher (Rapex) hat für ein Spielzeug ein Verkaufsverbot verhängt: Der Leucht-Spinner enthält Knopfzellen, die kleine Kinder verschlucken könnten. Noch ernster nimmt Russland die Spinnerei: Das Spielzeug ist wegen angeblicher hypnotischer Effekte in den Fokus der Geheimdienste geraten.


"Lichtgeschwindigkeit"

Nun hat es ähnlichen Wirbel schon oft gegeben. In den 50er Jahren war es der Hulla-Hoop-Reifen, später das Jojo, vor 35 Jahren der Zauberwürfel ... Neu am aktuellen Trend ist das Tempo, mit er sich ausbreitet. "In Lichtgeschwindigkeit", sagt Willy Fischel, der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels.
Der Erfinder des Kreisels müsste demnach längst im Geld schwimmen. Tut er aber nicht, und dahinter verbirgt sich eine tragische Geschichte: Die Idee hatte Catherine Hettinger 1993 in den USA. Eine Krankheit schwächte ihre Muskeln, so dass sie nicht mit ihrer Tochter spielen konnte. Deshalb entwickelte sie verschiedene Spielgeräte, darunter den Prototypen des Spinners.


Kein Geld für das Patent

Die heute 62 Jahre alte Frau aus Florida bekam sogar ein Patent auf das Gerät. 2005 lief die Frist für den Schutz aus, die 400 Dollar für die Verlängerung hatte die Ingenieurin nicht, die sich heute mit Minijobs über Wasser hält, während ihre Spinner die Welt erobern.


Therapeutische Wirkung?

Bisweilen wird das Spielzeug damit beworben, dass es therapeutische Wirkung habe - Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen würden ruhiger. Experten bezweifeln das, und in der Schule werden die Kreisel so oder so nicht gerne gesehen. Hans-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, mag den Kreisel trotzdem. "Ich bin ein Befürworter von analogen Spielen und finde es gut, wenn die Schüler Fingerfertigkeit üben, statt auf ihr Smartphone zu starren." Gell ...


Die Spielzeug-Trends von früher

Rubiks Cube

Der ungarische Bauingenieur, Architekt und Designer Erno Rubik (Jahrgang 1944) hat viele lustige und pfiffige Dinge erfunden, berühmt wurde er aber durch den Zauberwürfel. Rubik's Cube machte die Mathematik als Geduldsspiel populär. Das dreidimensionale Puzzle, das Rubik 1974 für seine Studenten erfand, um deren dreidimensionale Vorstellungskraft zu schärfen, ging bis heute schätzungsweise 350 Millionen Mal über den Ladentisch und verkauft sich immer noch. In Deutschland war der Würfel 1980/81 ein Verkaufsschlager. Es gibt weltweit Wettbewerbe im "Speedcubing", bei denen es darum geht, die farbigen Würfel mit möglichst wenigen Drehungen so zu sortieren, dass die sechs Seiten jeweils gleichfarbig sind. Der Weltrekord liegt bei unvorstellbaren 4,73 Sekunden.

Hula-Hoop-Reifen

Anders als der Zauberwürfel hat der Reifen, der um die Hüfte schwingt, keinen klar definierbaren Erfinder. Der Reifen als Sport- und Spielgerät ist bereits seit dem Altertum bekannt. Die einfachste Form des Spiels ist das Reifentreiben: Mit einem Stock oder der Hand lässt der rennende Spieler einen Reifen neben sich herlaufen. Die Idee zum Hula- Hoop hatte die kalifornische Firma Wham-O, die auch die Wurfscheibe Frisbee erfunden hat. 1958 brachte die Firma den Reifen auf den Markt und setzte innerhalb kürzester Zeit, unterstützt durch eine gigantische Werbekampagne, 25 Millionen Stück ab. Der Name ist ein Kunstwort aus Hula (hawaiianisch für Tanz) und Hoop (Fassreifen). Erster Hersteller in Deutschland war Geobra Brandstätter im fränkischen Zirndorf (Playmobil).

Jo-Jo

Während der Hula-Hoop ein Phänomen des Wirtschaftswunders war, weil sich die Menschen nach den mageren Nachkriegsjahren auch Nutzloses leisten konnten und wollten, gibt es für die immer wieder mal aufbrandende Begeisterung für das Jo-Jo (Yo-Yo) keine schlüssige Erklärung. Auch die Herkunft der Spindel, die mittels Schnur in Bewegung gesetzt und "schlafen" geschickt wird, ist nebulös. China, das antike Griechenland und die Philippinen könnten die Heimat sein. Möglicherweise erfanden Jäger das Gerät - indem sie eine Wurf-Waffe mit einer Schnur zurückholten, um sie erneut verwenden zu können. Das erste US-Patent auf den "Kaugummi für die Hand" wurde 1866 erteilt. Das Auf und Ab der Spindel gab dem Jo-Jo-Effekt (Abnehmen) den Namen.

Tamagotchi

Das Tamagotchi, eine japanische Wortschöpfung aus tamago (Ei) und wotchi (von englisch watch = Uhr) ist ein Elektronikspielzeug, das in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre weltweit populär geworden ist und heute so etwas wie eine Übergangsform zwischen "echtem" Spielzeug und virtuellen Spielen auf Computer und Smartphone ist. Eine moderne Version ist etwa die App "Pou". Das Tamagotchi ist ein elektronisches Küken, um das man sich wie um ein echtes Haustier kümmern muss. Es will schlafen, essen und trinken, braucht Zuneigung und entwickelt eine eigene Persönlichkeit. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten meldet sich das Tamagotchi und äußert Wünsche. Sollte man es vernachlässigen, stirbt es, kann jedoch per Reset-Schalter wiederbelebt werden.