Ob dies wirklich nur Zufall ist: Im Herbst 2007, vor genau zehn Jahren also, erschütterte ein politisches Beben den Freistaat Bayern: Die Ära Stoiber ging holprig zu Ende, und das Epizentrum des Widerstands gegen ihn lag in Franken. Ob CSU-Chef Horst Seehofer 2017 das Deja-Vu erlebt?
Gabriele Pauli, damals Landrätin der CSU in Fürth, ist das prominenteste Beispiel in einer beachtlichen Reihe von Versuchen aus Franken, die bayerische Allmacht im Freistaat zu brechen. Die Rebellion, deren Wurzeln bis in die napoleonische Zeit reichen, brodelte lange unter dem Deckel; doch spätestens nach dem Tod des bayerischen Übervaters Franz-Josef Strauß machte sich der fränkische Unmut über den Münchner "Wasserkopf" immer lauter Luft.
Wer sich zur Palastrevolution entschließt, bewegt sich in dünner Luft. Auch dafür ist Gabriele Pauli, die heuer ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, ein prominentes Beispiel: Sie wurde mit ihrer öffentlichen Kritik am Regierungsstil Stoibers zum Medienstar. Bekam viel Beifall und noch mehr Anfeindungen. Die Bespitzelungsaffäre läutete das Ende des Pauli-Hypes ein.


Paulis "Ehe für alle"

Als sie sich beim Parteitag der CSU am 28. September 2007, heute vor genau zehn Jahren, neben Horst Seehofer und Erwin Huber um den Parteivorsitz bewarb, erlitt sie mit nur 2,5 Prozent der Stimmen ihr persönliches Waterloo. Bemerkenswert am Rande: Bei diesem Parteitag stellte Pauli einen Antrag zum Grundsatzprogramm der CSU: "Unter Familie versteht die CSU alle Lebensgemeinschaften, in denen Kinder aufwachsen." Das war vorweggenommen die "Ehe für alle", die der Bundestag zehn Jahre später beschlossen hat. 2007 stimmte nur einer der 980 Delegierten für Pauli: Pauli.
Die einstige Landrätin wechselte zu den Freien Wählern, zog in den Landtag ein und kandidierte erfolglos bei der Europawahl 2009, gründete eine eigene Partei, wollte Bürgermeisterin von Sylt werden und verkauft heute Schmuck in München.
Pauli darf als Exot unter den fränkischen CSU-Rebellen gelten; immerhin: Sie sägte erfolgreich am Stuhl eines Ministerpräsidenten und Parteichefs, was vor und nach ihr keinem gelungen ist, der es versucht hat.


Ach was: ein Adliger ...

Zum Beispiel Sebastian von Rotenhan. Der Baron aus Rentweinsdorf (Haßberge) war einer der wenigen Landtagsabgeordneten der CSU, die sich 2007 aus der Deckung trauten und mit Pauli zur Jagd auf Stoiber bliesen. Was der streitbare Franke vor zehn Jahren losließ, würde heute gut in die Landschaft passen: Die CSU unter Stoiber sei ein Trümmerhaufen, polterte er und bezog Prügel. 2008 trat er bei der Landtagswahl nicht mehr an und 2009 aus der Partei aus. Jetzt ist er Privatier und jagt lieber Böcke in den eigenen Wäldern als Ministerpräsidenten in der eigenen Partei.
Der Gegenpol zum lauten Adligen ist der brave Notar Bernd Weiß aus Schweinfurt. Er schaffte es als Landtagsabgeordneter bis in die Staatskanzlei, wurde 2008 Staatssekretär im Innenministerium. Weiß pflegte einen intellektuellen Politikstil, galt vielen in der eigenen Partei als angepasst und blass. Von wegen! Im Oktober 2009 griff er Ministerpräsident Seehofer wegen der Finanzierung des digitalen Behördenfunks öffentlich an.


Gescheite Bücher

Der Sturm im Wasserglas endete damit, dass der Unterfranke "zurückgetreten wurde". Ermeldet sich ab und an noch aus dem Off zu Wort. In Büchern rechnet er mit dem Politik-Betrieb ab. Das jüngste Werk heißt "Placebo-Politik", Untertitel: "Warum Politiker alles tun, nur nicht da Nötige."
2015 erschienen, wirken die 368 Seiten visionär: "Mein Buch geht der Frage nach, wieso die Politiker die Probleme liegen lassen und womit sie sich stattdessen beschäftigen: Karriereoption statt Machtoption, Form statt Inhalt ..." Solche Sätze dürften Weiß aktuell Beifall bescheren, vor allem an der CSU-Basis. Seehofer hat in Franken sogar da viel Kredit verspielt,wo die CSU am stärksten verwurzelt ist, in der Kommunalpolitik.


Kehrtwenden und Gräben

Die diversen Kehrtwenden des CSU-Chefs bei der Energiewende (Windräder, Stromtrassen) haben selbst bei nicht wenigen "schwarzen" Bürgermeistern den Geduldsfaden reißen lassen. Und die an sich gute Idee, in Bayern einen dritten Nationalpark zu installieren, hat in den fränkischen Regionen Spessart und Rhön wie zuvor im Steigerwald Gräben aufgerissen.
Dass Seehofers größter innerparteilicher Konkurrent heute ein Franke ist, setzt dem die Krone auf. Finanzminister Markus Söder, der einzige Minister, den der Ministerpräsident ins Exil (Nürnberg) geschickt hat, meidet kritische Worte in Richtung Parteichef wie der Teufel das Weihwasser. Was für Seehofer eine noch größere Provokation sein dürfte als die früheren Querschüsse des Franken.
Markus Söder, 50, wartet ab. Das könnte die beste Strategie sein, um nach zehn Jahren wieder mal eine fränkische Revolte 1.) nicht selber anzuzetteln und 2.) erfolgreich zu beenden ...