Die Wirtschaftslage sei momentan noch stabil, berichtete Landrat Thomas Bold (CSU) den Teilnehmern der Frühjahrssitzung des IHK-Gremialausschusses Bad Kissingen. Etwa 20 Firmenvertreter aus dem Landkreis hatten sich am Dienstag zu einer virtuellen Sitzung unter Leitung der Ausschussvorsitzenden Anja Binder (Stadtwerke Hammelburg) und des Rechtsanwalts Jan-Markus Momberg, IHK-Bereichsleiter Justiziariat, Politik- und Ehrenamtskoordination, zusammengefunden.

Die Stabilität der Landkreis-Wirtschaft ist nach den Worten des Landrats darauf zurückzuführen, dass einerseits im Baugewerbe und der Labor-Branche "eine extrem gute Auftragslage" zu verzeichnen ist, die sich im Baugewerbe in einer "exorbitanten Preisentwicklung" auswirkt, während andererseits Tourismus, Gastronomie und Hotellerie sich "im kritischen Bereich" befinden. So sanken im Tourismus die Übernachtungszahlen von 2,2 Millionen (2019) um 38 Prozent auf 1,36 Millionen, wobei die Verlustspanne in den einzelnen Beherbergungsbetrieben zwischen 25 und 54 Prozent lag. Bold: "Aber auch der Handel ist durch Corona extrem betroffen."

Während der Landrat nach aktueller Steuerschätzung bei der Einkommenssteuer nur einen geringen Rückgang von minus sechs Prozent erwartet, geht er bei der Gewerbesteuer von minus 23 Prozent aus. Auch 2021 rechnet er mit einem "deutlichen Rückgang". Andererseits verzeichnen Kreditinstitute eine erhöhte Nachfrage nach Darlehen und Fördermöglichkeiten. Bold: "Es wird also investiert."

Die wirtschaftliche Situation in den Kommunen sei "im Moment noch unproblematisch", so der Landrat weiter, wenn auch ein leichter Rückgang bei der Einkommenssteuer zu verzeichnen ist. "Noch können die Kommunen investieren", zumal es momentan "noch gute Fördersätze" von Bund und Land gibt.

Mehr und mehr Existenzen bedroht

"Wie sich Corona langfristig auswirkt, ist allerdings ungewiss", wagte der Landrat keine Prognose. Denn anhaltende Einschränkungen bedrohen "mehr und mehr die Existenz der Privatbetriebe und Selbstständigen". Deshalb fürchtet Bold: "Es gibt Branchen, wo sich die Folgen erst in den nächsten Monaten zeigen werden." Bei Betrachtung der Arbeitsmarktsituation mit unverändert fast 36 000 Beschäftigten sieht auch Mario Fürst von der Agentur für Arbeit (AfA) trotz der Pandemie noch eine gewisse Stabilität, "wobei Firmen durch die Möglichkeit der Kurzarbeit entlastet wurden". Die Arbeitslosenquote im Landkreis lag im März 2021 bei 3,7 Prozent (Vorjahr: 3,1 Prozent). Fürst: "Dies ist deutlich über dem Wert vergangener Jahre, aber im Verhältnis zu ganz Bayern noch gut." Die Veränderung betrifft vor allem den Niedriglohnsektor und Aushilfen. Allerdings hat die Zahl der Bezieher von Grundsicherung SGB 2 und SGB 3 jeweils um 20 Prozent zugenommen. "Dies sind die Krisenverlierer, die in Langzeitarbeitslosigkeit überwechseln." Erschwert wird deren Situation, da auch die AfA während der durch die Pandemie gebotenen Kontaktbeschränkung den Betroffenen kaum Unterstützung in Fortbildung und Umschulung bieten kann.

Mit Inzidenz umgehen lernen

In seinem ergänzenden Bericht über die Corona-Situation im Landkreis mit einem aktuellen Inzidenzwert von 152 (Stand 21. April) sah Landrat Thomas Bold für die nahe Zukunft nur eine Möglichkeit: "Wir müssen mit einer Inzidenz zwischen 130 und 150 umzugehen lernen", zumal das Infektionsgeschehen trotz intensiver Bemühung nicht in den Griff zu bekommen sei. "Manchmal ist gar nicht nachvollziehbar, woher die Inzidenzen kommen."

Aktuell sind im Landkreis etwa 23 000 Erstimpfungen verabreicht worden. Dies entspricht etwa 22 Prozent der Bewohnerzahl von 103 000. Bold: "Damit liegen wir gut im bayerischen und bundesdeutschen Schnitt." Es werde alles Nötige getan, versicherte der Landrat. Die Mitarbeiterzahl allein im Gesundheitsamt wurde verdreifacht, insgesamt seien im Landratsamt etwa 200 Mitarbeiter in die Corona-Bekämpfung direkt und indirekt eingebunden. "Daneben soll unser normaler Geschäftsbetrieb auch noch funktionieren." Doch solange nicht 60 bis 70 Prozent der Landkreisbewohner geimpft seien, werde es wohl keine spürbaren Lockerungen geben, befürchtet Bold. "Wir werden noch drei bis vier schwere Monate vor uns haben."

Zum Abschluss der Frühjahrssitzung des Gremialausschusses präsentierte Jan-Markus Momberg mit dem aktuellen Konjunkturklima-Indikator für Mainfranken ein weiteres Indiz für die anfangs erwähnte Stabilität der Wirtschaft: Der Index liegt mit 99 Punkten nur einen Punkt unter jener neutralen Grenze, die ein Gleichgewicht zwischen der positiven Stimmung in Industrie und Baugewerbe und der negativen Stimmung in den von Corona betroffenen Branchen zeigt. Negativ auf die künftige Geschäftserwartung mainfränkischer Unternehmen wirken sich nicht nur die direkten Corona-Maßnahmen aus, sondern ebenso die fehlende Planungssicherheit. Unternehmer erwarten zudem Steuererhöhungen und eine Insolvenzwelle sowie deren Folgen. Jedes fünfte Unternehmen glaubt, in den kommenden Monaten seine Belegschaft verkleinern zu müssen.