Im Februar haben Jagdpächter zum ersten Mal eine dunkle Stelle mitten auf einem Acker bei Obereschenbach entdeckt. Am Hang zum Sodenberg klafft mittlerweile ein mindestens sechs Meter tiefes Loch mit einem Durchmesser von rund 60 Zentimetern. "Ich weiß von keinem ähnlichen Fall", sagt ein älterer Obereschenbacher. Auch Ortssprecher Thomas Reuter kann sich das Phänomen nicht erklären. Geologen vermuten anhand von Fotografien einen Erdfall, der Fachausdruck dafür ist Doline. "Dolinen treten dort auf, wo es Sedimentgestein gibt und es zu Auslaugungen im Untergrund kommen kann", sagt der aus Münnerstadt stammende Geologe Claus-Dieter Hillenbrand, der seit 2004 in Cambridge lebt und arbeitet.

Geologe kennt die Region

Hillenbrand ist eigentlich Meeresgeologe und war schon mehrfach auf Forschungsreisen in der Antarktis. Dass sich der 54-Jährige trotzdem mit der Rhön und dem Muschelkalk im Saaletal auskennt, liegt an seiner Herkunft: Nach dem Abitur in Münnerstadt studierte er Geologie in Würzburg. Für die Diplomarbeit kartierte er Gebiete nördlich von Münnerstadt. "Die Vulkanite vom Sodenberg sind deutlich jünger als das Gestein dort, deshalb haben sie zu Störungen im Untergrund geführt", erläutert Hillenbrand. Entlang solcher Störungen fließe Wasser ab und könne das Muschelkalkgestein auswaschen oder auslaugen. Die Folge seien Hohlräume, die irgendwann spontan einfallen.

Mit Brettern abgedeckt

Anhand der Fotos ist der Geologe sicher, dass das Loch bei Obereschenbach einen natürlichen Ursprung hat. "Das kann auch jederzeit größer werden", warnt Hillenbrand davor, sich ungesichert dem Loch zu nähern. Aktuell ist es mit Brettern abgedeckt, vier Pflöcke und ein rot-weißes Band sperren einen zwei mal zwei Meter großen Bereich ab. Der Eigentümer des Grundstücks wohnt im Seniorenheim, heißt es im Ort, Verwandte und der aktuelle Pächter sind nicht zu erreichen.

Auch das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) ist sich sicher, dass es sich bei dem Erdfall "um ein geologisches Phänomen und nicht um ein Bodendenkmal" handelt. Das Loch sei dem LfU bisher nicht bekannt. "Auch im näheren Umfeld des genannten Erdfalls sind uns keine ähnlichen Erdfälle bekannt", heißt es auf Nachfrage. Grundsätzlich seien Dolinen in Unterfranken aber ein "verbreitetes Phänomen". Erdfälle bildeten Trichter- oder Schlotformen. Das Problem: Der einzelne Erdfall könne weder zeitlich noch örtlich vorhergesagt werden. Man finde sie in Gruppen, mitunter seien sie perlschnurartig aufgereiht.

Das LfU erfasst Dolinen als Georisk-Objekte: Auf umweltatlas.bayern.de können sich User Dolinen unter "Angewandte Geologie" und "Geogefahren" auf einer Karte anzeigen lassen. Dort können auch neue Funde gemeldet werden. Die nächsten Dolinen auf den LfU-Karten befinden sich im Süden des Truppenübungsplatzes Hammelburg, eine auffällige Häufung gibt es um Bad Kissingen. Für Geologe Hillenbrand ist das keine Überraschung: "Die Heilquellen dort sprechen für eine gute Wegbarkeit im Untergrund." Wo Wasser nach oben oder unten fließe, könne es Hohlräume und damit Erdfälle geben.

Und was passiert nun mit dem Loch? "Zuständig für die Verkehrssicherung ist der Grundeigentümer", schreibt das LfU, und: "Zudem sollte die Gemeinde als Sicherheitsbehörde über den Erdfall informiert werden." Geologe Hillenbrand sagt: "Die schnellste Möglichkeit, das zu untersuchen, ist, eine Kamera runterzulassen." Wenn es gefahrlos möglich sei, sollte ein Geologe prüfen, ob es sich um einen Trichter handelt oder das Loch nach unten größer wird. Weitere geophysikalische Untersuchungsmethoden seien ein Radar oder elektrische Messungen an der Oberfläche. Interesse an dem Loch hat auch das Landesamt für Denkmalschutz: Die Behörde will in Absprache mit dem LfD klären, ob das Loch wirklich natürlichen Ursprungs ist.