Es hätte eine Happy End geben können. Vatan*, 15 Jahre alt, wird vom Vater in Syrien auf die Flucht geschickt, weg vom Krieg, hin nach Deutschland, in der Hoffnung auf eine Zukunft, wie er sie in der Heimat wohl nie mehr haben wird. Vatan schafft es, er macht seinen Weg. Steht fünf Jahre später kurz vor dem Fach-Abi, er ist beliebt, behütet, er will "ein guter Deutscher" werden. Und dann sticht er in einer Disco im Streit auf einen 16-Jährigen ein. Warum? Eine Rekonstruktion. Zusammengestellt aus den Aussagen von Vatan und Anneliese Zimmer* (68), die sich seit fünf Jahren um ihn kümmert.

Bürokratie trennte die Brüder

Die Bad Kissingerin Anneliese Zimmer war eine der ersten, die vor fünf Jahren im Flüchtlingsheim in Euerdorf half. So traf sie dort auf Vatan, an der Seite seines Bruders (damals 18), den dritten Bruder hat die Bürokratie in eine andere Stadt gespült. Anneliese Zimmer schaffte es, das Trio zusammenzuführen, mit ihrer Hilfe kam Vatan aufs Gymnasium nach Bad Kissingen, später auf die Fachoberschule nach Schweinfurt.

Ein Junge aus gutem Haus: Warum stach er zu?

Sie sehen sich noch immer täglich. Anneliese Zimmer ist für Vatan "eine Mutter", eine Mutter, die er weiterhin siezt. So wurde Vatan erzogen: Respekt vor Erwachsenen. Sein Vater ist Ingenieur, die Mutter Zahnärztin. Der gehobene Lebensstandard ermöglichte es den beiden, drei ihrer fünf Kinder außer Landes zu bringen, als in Syrien Bomben fielen und die Angst, dass die Kinder umkommen, Vater und Mutter bald zersetzten.