«Die Lufthansa wurde teils bis in die 1960er-Jahre hinein von Männern - Bankiers, aber vor allem Regierungsbeamten - beherrscht, die sie 1926 gegründet hatten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von ihrem Pfad abweichen wollten», resümiert der Bochumer Historiker Lutz Budrass in seinem Buch «Adler und Kranich». 1999 trat der Konzern dem Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer bei.
Zum 100-jährigen Bestehen lässt Lufthansa ihre Verantwortung im Nationalsozialismus von den Historikern Hartmut Berghoff, Manfred Grieger und Jörg Lesczenski kritisch beleuchten. Ein Sprecher kündigt an: «Im März 2026 wird ein umfassender Geschichtsband erscheinen, der eine ausführliche und historisch fundierte Aufarbeitung der Rolle der Lufthansa in der Zeit von 1933 bis 1945 enthält. Auch eine Ausstellung im neuen Konferenz- und Besucherzentrum befasst sich unter anderem mit der Entwicklung in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland.»
In welcher Verfassung befindet sich das Unternehmen?
Durch die Übernahme der einstigen Staats-Carrier in den Nachbarländern Schweiz, Österreich und Belgien ist die privatisierte Lufthansa zum größten Luftverkehrskonzern in Europa mit rund 104.000 Beschäftigten gewachsen. Einschließlich der jüngsten Minderheitsbeteiligung Ita aus Italien hat die Gruppe rund 840 Flugzeuge in der Luft und will als Nächstes die portugiesische Tap ins Kranich-Reich holen. Weltweit ist man damit nach den drei großen US-Gesellschaften die Nummer Vier.
Kommerzielle Stützen sind die Wartungstochter Lufthansa Technik und das Frachtunternehmen Lufthansa Cargo. In den vergangenen Jahren hat sich die Kern-Airline Lufthansa zum teuren Sorgenkind entwickelt. Mit einem harten Sanierungsprogramm ist sie laut Airline-Chef Jens Ritter aber wieder auf dem Weg in die schwarzen Zahlen. 4.000 Stellen sollen im Konzern wegfallen, der die Funktionen der einzelnen Airlines stärker zentral steuern will.
Seit Mai 2014 leitet der Wirtschaftsingenieur und Verkehrspilot Carsten Spohr den Konzern und hat ihn durch unruhige Zeiten gesteuert. Stichworte sind der vom Co-Piloten herbeigeführte Germanwings-Absturz mit 150 Toten in den französischen Alpen oder die Übernahme von Teilen der Air Berlin. In der Corona-Krise retteten die Herkunftsländer mit milliardenschweren Krediten den Konzern, der von einem Tag auf den anderen seinen Flugbetrieb einstellen musste. Nach Rückzahlung der Staatshilfen tat sich Lufthansa schwer beim Neustart und war weniger profitabel unterwegs als Konkurrenten wie die British-Airways-Mutter IAG oder Air France-KLM.
Wie sind die Aussichten für die kommenden Jahre?
Spohr will am Ende seiner dritten Amtszeit Ende 2028 ein geordnetes und hochprofitables Unternehmen vorweisen können. Helfen sollen dabei die langersehnten neuen Flugzeuge mit der lukrativ vermarktbaren Allegris-Kabine. Bislang hat die von den Herstellern Boeing und Airbus verursachte Jet-Knappheit das Wachstum begrenzt, gleichzeitig aber die Ticket-Preise hochgehalten. Grundsätzlich können daher alle Airlines in den kommenden Jahren Gewinne einfliegen, sofern sie ihre Kosten im Griff haben. Für das Jahr 2026 erwartet der Airline-Weltverband IATA einen Netto-Rekordgewinn der Gesellschaften von 41 Milliarden Dollar (35,2 Mrd. Euro) nach 39,5 Milliarden Dollar im laufenden Jahr.
Bei den Kosten für das fliegende Personal setzt das Lufthansa- Management auf neu gegründete Flugbetriebe, in denen die Beschäftigten nach jüngeren Tarifverträgen geringer bezahlt werden. Die klassische Lufthansa und die Regio-Tochter Lufthansa Cityline verlieren damit Flugzeuge und Crews an die neu gegründeten Gesellschaften Discover und City Airlines. Diese firmieren als «Member of Lufthansa Group» - die Kunden sollen möglichst keine Unterschiede bemerken. Die alteingesessenen Gewerkschaften wollen die Entwicklung aber nicht kampflos hinnehmen, sodass weitere Streiks nicht ausgeschlossen sind.
Und wie steht es um die längerfristigen Perspektiven?
Längerfristig muss sich der Konzern gegen staatlich subventionierte Wettbewerber aus der Türkei oder den Golfstaaten behaupten. Deren Gesellschaften lenken bereits täglich tausende Passagiere aus Europa über ihre Drehkreuze in Richtung Asien, Afrika und Australien. Stärkste Säule der Lufthansa bleibt daher der Flugverkehr über den Atlantik. Richtung Südamerika wäre ein Drehkreuz in Lissabon hilfreich.
Grundsätzlich steht der Luftverkehrssektor vor großen Herausforderungen in der Klimafrage. Eine Dekarbonisierung der Luftfahrt ist aus technischen Gründen weit schwieriger als im landgebundenen Verkehr. Lufthansa hat mit den Boeing 747-8-Jumbos und den zwischenzeitlich schon ausgemusterten Airbus A380 einen vergleichsweise großen Anteil von Vierstrahlflugzeugen mit hohem Kerosinverbrauch über das Jahr 2030 hinaus in der Flotte. Lufthansa-Chef Spohr hat bereits öffentlich bezweifelt, dass die von IATA für 2050 anvisierte CO2-Neutralität tatsächlich zu erreichen ist.