Zweieinhalb Akte lang war auch die "Siegfried"-Aufführung der Bamberger Symphoniker beim Lucerne Festival am Montag ein Triumph. Zumindest über diese Strecke wäre sicher auch Richard Wagner, der insgesamt mehr als sechs Jahre in Luzern lebte, dort unter anderem den 3. Akt "Tristan" und die "Meistersinger" vollendete und vor allem den 3. Akt "Siegfried" komponierte, hoch zufrieden gewesen. Und hätte sich über den unbefriedigenden Rest vermutlich auch selber Gedanken gemacht.

Die Probleme einer jeden "Siegfried"-Vorstellung - ob szenisch oder konzertant - sind von vornherein vielfältig. Zum einen braucht es einen Titelprotagonisten, der es schafft, jugendlich zu wirken, aber gleichzeitig die Stimmkraft und das Durchhaltevermögen hat, alle drei Akte durchzusingen, ohne dass er am Ende gegen die ausgeruhte Brünnhilde abfällt. Zum anderen müssen sich auch die anderen Hauptakteure auf der Höhe ihrer Gesangskunst befinden, sonst hängt der dritte Teil der "Ring"-Tetralogie sofort durch.

Zu meiner freudigen Überraschung war Torsten Kerl, der mich vor vier Wochen als knödelnder Tannhäuser in Bayreuth noch verschreckte, ein überzeugender Siegfried. Zwar wurde er vor dem 2. Akt als erkältet angesagt, aber bis auf ein paar kleine Stimmeintrübungen, Drücker und Aussetzer gelang ihm Bravouröses. Dass er darüber hinaus sichtlich Spaß hatte, der Rolle auch darstellerisch Profil zu geben, war beglückend.

Freilich hatte er männliche Partner, die wie er alles andere machten als an der Rampe Wurzeln zu schlagen. Und so bescherte ausgerechnet der konzertante Luzerner "Siegfried" dem Publikum bis auf die Schlussszene eine auch szenisch hinreißende Darbietung (wofür wiederum auch Spielleiterin Doris Sophia Heinrichsen verantwortlich zeichnet).

Als einzigem Hauptsolisten, der aus der Schweiz stammt, ist Peter Galliards Mime ein Lorbeerkranz zu flechten: ein in jeder Hinsicht flexibler Charaktertenor, einer, der mit Witz und List jede Wette gegen den Göttervater Wotan gewinnen könnte, selbst wenn Albert Dohmen als Wanderer nochmals all seine große Autorität in Stimme und Statur legt. Ein Musiktheater-coup auch die Szenen mit Peter Sidhoms Alberich: Etwas älter wirkte er als Johannes Martin Kränzle im "Rheingold", aber er hatte sängerdarstellerisch, was viel heißen will, durchaus die gleiche Power. Köstlich, dieser trotzig-wilde, immer noch nach Macht gierende Altherrenclub auf dem Podium, der umso deutlicher macht, dass den jungen Siegfried genau das eigentlich nicht im Geringsten interessiert!

Eine magisch tönende Erda

Von den weiblichen Solisten überzeugte hingegen nur Christa Mayers magisch tönende Erda, die zusammen mit dem Wanderer die bis dahin spielerisch-märchen- und naturhafte "Siegfried"-Welt aufriss in philosophische und psychologische Tiefen. Sowohl Sophie Bevans Waldvogel als auch Eva Johanssons Brünnhilde fehlte es leider an stimmlicher Leichtigkeit; letztere exekutierte ihre Noten zwar korrekt, sang aber mit einer merkwürdig gequetschten Tongebung im Dauerforte, als ob es gelte, jedes Klischee vom schrecklich lauten Wagner zu bestätigen. Kunstvoller Operngesang klingt anders.

Woran Jonathan Nott insofern zumindest eine Mitschuld trug, als er sich dem kompositorisch viel dichteren dritten "Siegfried"-Akt ungebremst hingab und auch an gesanglich heiklen Stellen eine überwältigende orchestrale Lautstärke nicht nur zuließ, sondern beförderte, der keine Helden- und Heroinenstimme Stand zu halten vermag. Vielleicht wollte er die fehlbesetzte Brünnhilde, bei der mir auch das Kleid wie ein Irrtum vorkam, einfach übertönen. Wie auch immer: Hier wäre weniger mehr gewesen.

Wie E.T.A. Hoffmanns Kreisler

Was der Dirigent ansonsten machte, war hinreißend: Jonathan Nott tanzt den "Siegfried" im Wortsinn vor und durch, lässt einen unwillkürlich an E.T.A. Hoffmanns Kapellmeister Johannes Kreisler denken und sympathisiert sichtlich vor allem mit Mime, gangelt, geht und knickt ein wie der Zwerg - und wie von Zauberhand fließen symbiotisch die Bewegungen des Dirigenten und des Sängers ineinander. Musikalisches Theater vom Feinsten eben!

Was sich das auch in den Gesichtern der Musiker spiegelt. Da schiebt keiner einen ungeliebten Operndienst. Die Bamberger Symphoniker sind hellwach, konzentriert, sind amüsiert, fiebern mit und werden selbst Teil der Handlung, wenn die tiefen Bläser überlebensgroß den Drachen Fafner heranwälzen und aufblähen, wenn die Streicher weich und warm, traumhaft und traurig das Waldweben lebendig werden lassen und später mit erst kleinen flackernden und dann alles mitreißenden Flammen ein Feuer entfachen, das die Zuhörer in Bann schlägt.

Am Ende bejubelte das Publikum deutlich auch das Orchester und Solohornisten Christoph Eß, der mit einem butterweichen Echo in Siegfrieds Hornrufen begeisterte.