Warum wird die Inflation oft überschätzt?
Zwar ist die Preiswelle ausgelaufen, die Deutschland nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erfasst hatte. Damals verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Das ließ die Inflationsrate hochschnellen auf 6,9 Prozent im Jahr 2022 und 5,9 Prozent 2023, bis sie sich 2024 normalisierte auf 2,2 Prozent.
Gefühlt ist die Inflation aber viel höher: In einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schätzten die Teilnehmer die Teuerungsrate 2024 auf 15,3 Prozent - also rund siebenmal höher, als sie tatsächlich war.
Das liegt nicht zuletzt an teureren Nahrungsmitteln. Der Europäischen Zentralbank zufolge sind die Lebensmittelpreise in Deutschland seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 um über ein Drittel gestiegen - und die spüren Verbraucher beim täglichen Einkauf besonders. So ist auch von «Supermarkt-Inflation» die Rede.
Wie wird die Inflationsrate eigentlich berechnet?
Das Statistische Bundesamt analysiert jeden Monat, wie sich Preise entwickelt haben. Dazu notieren die Statistiker in Geschäften, was Obst und Gemüse, Schuhe oder Möbel kosten. Wie hoch ist die Wohnungsmiete, was kostet Sprit an der Tankstelle? Tausende Einzelpreise von Waren und Dienstleistungen werden repräsentativ nach dem stets gleichen Schema erfasst. Die durchschnittliche Preisentwicklung für eine Güterart wird dann mit dem Ausgabenanteil gewichtet, den die Haushalte für diese Güterart ausgeben.
Was beschreibt der Verbraucherpreisindex?
Gemessen wird die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte für Konsumzwecke kaufen. Darunter fallen Nahrungsmittel, Bekleidung und Autos ebenso wie Mieten, Reinigungsdienste oder Reparaturen. Berücksichtigt werden dabei alle Ausgaben, die in Deutschland getätigt werden, das heißt auch die von Touristen aus dem Ausland. Die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat oder Vorjahr wird als Inflationsrate bezeichnet.
Was waren die auffälligsten Preissprünge bei Lebensmitteln?
Besonders stark nach oben ging es dem Statistischen Bundesamt zufolge bei Sauerkirschen. Hier lagen die Preise im November 2025 wegen schlechter Ernten knapp 50 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Auch die Tafel Schokolade verteuerte sich mit einem Anstieg von gut einem Viertel deutlich. Um mehr als 22 Prozent stiegen zudem die Preise für Bohnenkaffee und Rinderhack.
Wurde überhaupt etwas billiger?
Ja. Butter etwa verbilligt sich laut Statistischem Bundesamt binnen eines Jahres um gut ein Fünftel (22 Prozent), ähnlich wie Weintrauben. Bei den Preisen für Olivenöl ging es zwischen November 2024 und November 2025 um gut 17 Prozent nach unten, bei Kartoffeln um rund 16 Prozent. Auch jenseits von Lebensmitteln gab es Preisrückgänge: So waren Fernseher und Smartphones im Herbst deutlich billiger.
Welche Zielmarke gilt bei der Inflation und warum?
Die EZB sieht bei mittelfristig 2,0 Prozent Inflation im Euroraum ihr wichtigstes Ziel gewahrt: Für einen stabilen Euro zu sorgen und so die Kaufkraft der Menschen zu erhalten. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur. Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen oder Käufe aufschieben in der Erwartung, dass es bald noch billiger wird. Auch wenn Preise zu stark steigen, ist das Gift für die Wirtschaft. Dann verlieren Verbraucher Kaufkraft. Das schmälert den Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur.
Die neuen Inflationszahlen von Dezember seien gute Nachrichten für die EZB und die Bundesregierung, meint ING-Ökonom Brzeski, «da damit eine Sorge aus einer ansonsten langen Liste wirtschaftlicher Herausforderungen wegfällt».