Am Ende gab es erst jene Stille, wie sie sich unmittelbar nach großen "Ring"-Aufführungen einstellt. Als nach der für die Musiker irritierend langen Ergriffenheit der Applaus einsetzte, war die Erleichterung groß. Erst recht, als mit dem ersten Beifall für die Solisten auch schnell und entschlossen das gesamte Publikum seine Ovationen stehend darbrachte - zehn Minuten lang. Eine Dreiviertelstunde vor Mitternacht strömten die Menschen aus dem Luzerner KKL hinaus in die Nacht - um einige unverwechselbare Wagner-Erfahrungen reicher.

Dabei hatte der lange Opern abend am Mittwoch mit einer Schrecksekunde begonnen. Intendant Michael Haefliger musste die Erkrankung des Siegfried-Protagonisten Torsten Kerl ansagen, konnte jedoch mit Andreas Schager einen viel versprechenden Einspringer präsentieren. Der aus Österreich stammende Tenor, der hiesigen Wagnerfreunden durch seine Auftritte als Rienzi und Tristan in Meiningen längst ein Begriff ist, nutzte seine Chance vor dem internationalen Festspielpublikum mit einem sängerdarstellerischen Furor, der nachwirkt.

Ein Siegfried mit Seltenheitswert
Seine Siegfried-Debüts im Ludwigshafener und Hallenser "Ring" unter Karl-Heinz Steffens liegen erst ein gutes bzw. knappes Jahr zurück. Seither hat er in dieser Partie schnell Karriere gemacht: in Berlin, in Mailand und unmittelbar vor Luzern bei den London Proms unter Daniel Barenboim. Schager ist ein Heldentenor, wie er im Buche steht - mit Durchschlags- und Strahlkraft sowie einem schönen Piano, mit einer stimmlichen und schauspielerischen Agilität, wie sie gerade bei dieser schweren Partie nur selten zu erleben ist. Dass dieser so natürlich wirkende Springinsfeld, der lässig über die Bühne und durchs Auditorium stolzierte, im 3. Akt plötzlich einen Aussetzer hatte, der selbst Nichtkennern auffallen musste, sei ihm gerne verziehen. Ein so aufmüpfiger und frischer Siegfried, der strahlend singt, wo andere nur drücken und pressen, hat Seltenheitswert.

Eine jeden noch so schwierigen Spitzenton blühend aussingende Brünnhilde wie Petra Lang auch. Merkwürdigerweise fehlt der aus dem Mezzofach kommenden Hochdramatischen jetzt ausgerechnet die Leichtigkeit in der Mittellage. Während sie in den Höhen nicht nur sicher, sondern hörbar frei singt, dunkelt und dickt sie die tieferen Töne noch zu sehr ein. Mit jeder weiteren Aufführung und der noch ausstehenden Eroberung der "Siegfried"-Brünnhilde für ihr Repertoire wird sie bald so souverän sein, wie es die junge Elisabeth Kulman jetzt schon ist.

Wagnergesang der Spitzenklasse
Schon Kulmans Auftritte als Fricka in "Rheingold" und "Walküre" waren begeisternd, erst recht ist ihre Waltraute in der "Götterdämmerung" ein Gipfelpunkt im aktuellen Wagnergesang. Was die Mezzosopranistin an stimmlicher Ausdruckskraft, Beweglichkeit, Delikatesse und an Farben zu bieten hat, ist sensationell. Dass sie darüber hinaus darstellerisch brillant ist, macht jeden ihrer Auftritte zu einem Ereignis.

Unter den weiteren, noch nicht erwähnten oder erst in der "Götterdämmerung" aufgetretenen Solisten bestachen Anna Gablers gar nicht blasse Gutrune, der rollengemäß nur stimmlich starke Gunther von Michael Nagy, der vielbeschäftigte Mikhail Petrenko, der sich als stimmgewaltiger, aber auch in den leisen Tönen vielsagender Hagen deutlich besser machte als in seinen Rollen zuvor, sowie die sich auch für größere Partien empfehlenden Rheintöchter und Nornen Viktoria Vizin und Martina Welschenbach.

Ungewöhnliche Herausforderung
Wie schon bei der "Götterdämmerung" in Bamberg überzeugte der vom Bayreuther Chorleiter Eberhard Friedrich präzise einstudierte Rundfunkchor Berlin. Dass ein kompletter "Ring"-Zyklus innerhalb von sechs Tagen für die Bamberger Symphoniker eine ungewöhnliche Herausforderung sein würde, war von vornherein klar. Um alle Stimmen und Dienste besetzten zu können, wirkte auch das Gros der hauseigenen Akademisten mit, hinzu kamen nicht wenige Aushilfen, und zwar nicht bei den Harfen .

Wenn man bedenkt, dass die drei dreiaktigen "Ring"-Werke im Grunde jeweils mindestens so lange dauern wie sonst zwei Konzerte hintereinander, wenn man weiß, dass allein der erste Akt "Götterdämmerung" auch unter Jonathan Nott knapp zwei Stunden braucht, sieht man zwangsläufig über manchen instrumentalen Wackler hinweg und bewundert stattdessen die Konzentrations- und Präzisionsleistung der Musiker, die sich mit ihrer von Jonathan Nott inspirierten Interpretation jetzt auch als Opern- und Wagnerorchester einen Namen erspielt haben, der international aufhorchen lässt. Beispielhaft für das Höchstniveau aller Orchesterstimmen seien hier noch die tieferen Streicher hervorgehoben, die nicht nur das Dunkle, Gewalttätige und Unergründliche in Wagners "Ring"-Welt herzergreifend ausformuliert haben, sondern auch - kulminierend in Matthias Ranfts Cello - die alle Grenzen sprengende traurige Liebe des Wälsungepaars.

Jonathan Notts Glanzleistung
Und der phänomenal präsente und fordernde Dirigent selber hat sich mit seiner Sicht der Tetralogie, die das Majestätische ebenso plastisch herausarbeitet wie das Mediokre, das Magische, Mythische und Menschliche, das den Naturbildern, Bauten und Räumen des Mammutwerks auf den Grund geht, der schließlich die Handlung und ihre Figuren ohne Verzerrung als das zeigt, was sie sind, hinauf katapultiert auf die Wolke der großen Wagnerdirigenten. Was für ein Glück für Bamberg, ein solches Orchester mit diesem Chefdirigenten zu haben!