Dass die konzertante Aufführung der "Ring"-Tetralogie durch die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott beim Lucerne Festival ein Höhepunkt in der 67-jährigen Geschichte des Orchesters sein würde, war von vornherein klar. Schließlich ist ein "Ring"-Zyklus schon für jedes Opernorchester eine der größten Herausforderungen. Erst recht für ein Symphonieorchester. Zur Halbzeit lässt sich vorab sagen: Der Bamberger "Ring" in Luzern ist ein künstlerisches Ereignis, das sich auf Anhieb in der Fülle der "Ring"-Aufführungen zum Wagnerjahr eine Spitzenposition erobert hat.

Könner auf allen Ebenen

Schon nach dem "Rheingold" am Freitag und der "Walküre" am Samstag war der Jubel des internationalen Publikums im auch akustisch geglückten Saal des 1998 eröffneten, von Jean Nouvel kühn entworfenen Kultur- und Kongresszentrums KKL direkt am Ufer des Vierwaldstätter Sees groß und anhaltend. Dieser Erfolg ist kein Glücksfall, sondern letztlich das Ergebnis harter, zielbewusster Arbeit auf allen Ebenen und beruht auf dem großen Können aller Beteiligten. Angefangen bei den Intendanten.

Michael Haeflinger, seit 1999 Leiter des Lucerne Festivals, lud Jonathan Nott schon 2007 als "artiste étoile" nach Luzern ein, unter anderem zu einem konzertanten "Rheingold" mit seinen Symphonikern. Als Haeflinger vor drei Jahren dann nicht nur die "Götterdämmerung", sondern den kompletten "Ring" anfragte, sagte sein Kollege Wolfgang Fink mutig zu - wohl wissend, dass das weder im Orchester noch beim Publikum nur auf Gegenliebe stoßen würde. Wenigstens im Nachhinein dürften manche bei Fink, der am 31. August aus seinem Amt schied, Abbitte leisten und verstehen, warum als Vorstufe für den "Ring" die zweite Bamberger Biennale so wichtig war.

Das Knowhow, das bei der Umsetzung der zwei Mozartopern gewonnen wurde, hat sich jetzt ausgezahlt. Zwar werden die Luzerner Aufführungen als konzertant tituliert, sie sind aber weit mehr. Zum einen, weil Doris Sophia Heinrichsen (die in Bamberg Mozarts halbszenische "Finta giardiniera" betreute) als Spielleiterin die ohnehin durch die Bank schauspielerisch ungemein agilen und dezent, aber sinnfällig gekleideten Gesangssolisten so überzeugend führt, dass man versteht, wieso es schon Richard Wagner vor dem "Kostüm- und Schminkewesen" graute.

Wagners "unsichtbares Theater"

Zum anderen können nicht nur die Solisten für sich geltend machen, dass sie genau jenes unsichtbare Theater realisieren, das Wagner sich nach den für ihn unbefriedigenden ersten Bayreuther Festspielen wünschte. Dass Jonathan Nott und seine Bamberger Symphoniker allerdings nicht als unsichtbares Orchester (unten im Graben) agieren, hat hörbare Vorteile. Denn alle Musiker - Dirigent, Instrumentalisten und Sänger - befinden sich hier (dank entsprechender Monitore) auf Augenhöhe und atmen im Wortsinn miteinander.

Und so geschieht es schon im "Rheingold", im Vorspiel, in den Zwischenspielen, in all den Leitmotiven und vielen musikalischen Details, dass das Orchester nicht zum Sängerbegleiter degradiert wird, sondern genauso wie die handelnden Figuren mitlebt, mitleidet, kommentiert und darüber hinaus die Bühnen- und Naturbilder baut, Requisiten und all die magischen Momente: Jonathan Nott hat alles dafür getan, damit es ein singendes "Ring"-Orchester wird - und es singt ganz einfach großartig (worüber noch zu berichten sein wird).

Großartig auch die sorgfältig ausgewählten und aufeinander abgestimmten Solisten. Im "Rheingold" waren für mich Johannes Martin Kränzle als Alberich und Elisabeth Kulman als Fricka überragend, im ungemein differenzierten sängerdar stellerischen Ausdruck ebenso wie im traumwandlerischen Einverständnis mit allen Einsätzen und Tempovorgaben. Adrian Eröd, der sonst in Baritonpartien zuhause ist, war ein bemerkenswerter Loge, Christoph Stephinger ein imposanter Fasolt.

Sängerfest in der "Walküre"

In der "Walküre" dann das so nicht erwartbare Sängerfest: Was war Albert Dohmen seinerzeit in Bayreuth doch für ein langweiliger Göttervater! Hier packt er all sein Wissen und Können in eine bezwingende und große Wotanfigur, der man plötzlich trotz der fulminanten Fricka das Interesse an der spirituell klingenden Erda Christa Mayers abnimmt. Was für ein auch optisch überzeugendes Wälsungenpaar sind Meagan Miller und Klaus Florian Vogt! Wie sanft, zart und plastisch lassen die Musiker beider Augen aufeinander wandern, wie wild und erregt stampft Jonathan Nott zu Wotans "Siegmund falle" auf - und durch die Instrumente geht ein Aufschrei.

Dazu eine Walkürenschar, die jede Menge an reit- und kampflustigen Brüdern und Schwestern im Orchester hat. Und eine dunkel timbrierte Brünnhilde, der Petra Lang so zerbrechlich zarte und so herrlich leuchtende Spitzentöne zu geben weiß, dass der riesige Saal plötzlich klein wird und man wieder eine Gänsehaut bekommt. Dass zum Schluss des Finales gewissermaßen noch ein Orgelton gelang, krönte einen großen Wagner-Abend.