Noch fehlen die letzten Beweise, dass es eine Bombe war, die den russischen Ferienflieger über dem Sinai abstürzen ließ. Noch vager sind die Spekulationen, dass das Terrorsystem "Islamischer Staat" bei der Katastrophe die Hände im Spiel hatte.

Aber das grauenvolle Ende traumhaft schöner Urlaubstage fügt sich in ein Muster, das jeden frösteln lässt, der einmal an den "arabischen Frühling" geglaubt hat. Die arabische Welt ist im Umbruch, und ein Frühling alleine ist zu kurz für den Wandel: In den oft am Reißbrett entstandenen Staaten, in denen der Kolonialterror bis heute nachwirkt, sorgten Despoten lange für eine fragwürdige Stabilität: Herrscher von westlichen Gnaden, offiziell geächtet wie ein Gaddafi oder ein Hussein, aber klammheimlich doch hofiert in ihren gut geölten Knüppelregimen.

Die geknechteten Völker haben sich befreit, aber in den Beifall aus dem Westen
mischte sich schnell Unbehagen. Demokratie im Nahen Osten? Mit freien Wahlen, die am Ende die Islamisten gewinnen?

Die erzwungene Stabilität ist einer fragilen Freiheit gewichen, und das macht nicht zuletzt den arabischen Völkern selbst zu schaffen. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Modernisierung und Öffnung zum Westen und dem unvermeidlichen Gegenpol: einer Besinnung auf kulturelle und religiöse Traditionen, die nicht nur arabische Fanatiker gegen Oben-Ohne-Touristen, Alkohol-Exzesse und Coca-Cola-Werbung verteidigen wollen.

Von Stabilität ist der Nahe Osten weit entfernt; nicht nur der Libanon ist ein Pulverfass. Und es gibt viele, die aus unterschiedlichen Gründen alles Mögliche (und selbst Undenkbares) tun, um Stabilität gar nicht erst entstehen zu lassen.

Zu den Profiteuren des Chaos gehören Terrorgruppen wie der "IS". Mit ihrem blutigen Kampf für einen "Gottesstaat" bedienen die Terroristen Reflexe, die ebenso simpel wirken wie fremdenfeindliche Parolen im Westen. Umgekehrt liefert der "IS" dem Westen ein praktisches Feindbild, in das sich bei Bedarf auch Islamismus und Islam packen lassen.

Sollte der "IS" für den Absturz des Airbus über dem Sinai verantwortlich sein, dann haben die Verbrecher im Namen Allahs wie schon mit den Anschlägen in Tunesien eine Achillesferse des arabischen Frühlings getroffen: Der Tourismus ist für Staaten, die nicht im Öl schwimmen, der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Liegt die Wirtschaft am Boden, verliert der Staat den Rückhalt, und die Extremisten bekommen noch mehr Zulauf ...

Der Teufelskreis nährt nicht nur Terroristen. Je brisanter das Pulverfass, umso wichtiger wird "Stabilität". Dafür steht im Moment ein Staat wie Saudi Arabien, der vor den Augen des Westens die Meinungsfreiheit tot peitscht. Und umso besser floriert das Geschäft, gerade auch mit Waffen. Umso unübersichtlicher wird die Lage etwa in Syrien, wo selbst Experten nicht mehr wissen, wer gerade wo gegen wen kämpft.

Es ist ein Muster, das seit Jahrzehnten funktioniert und im Nahen Osten eine Spirale der Gewalt erzeugt, die nicht zu stoppen ist, weil kaum jemand sie anhalten will. Und die, die von der Gewalt genug haben, ergreifen die Flucht. So bringen die Bomben, egal wer sie wirft oder zündet, nicht nur die arabische Welt aus den Fugen.