ETFs sind keine Einbahnstraße: Warum Verluste, Risiken und Geduld dazugehören

ETFs gelten für viele Anleger als langfristiger Vermögensaufbau. Doch auch breit gestreute ETFs können deutlich an Wert verlieren. Experten der Bundesbank, Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest warnen deshalb davor, Aktien-ETFs mit einer sicheren Geldanlage zu verwechseln. Warum Kursschwankungen von 30 Prozent oder mehr selbst bei als sicher geltenden Index-ETFs möglich sind, welche Risiken viele Anleger unterschätzen — und warum oft nicht nur die Börse selbst zum Problem wird.

„Eine ETF-Anlage ist keine Einbahnstraße“, erklärt Finanzexpertin Karin Baur von Stiftung Warentest. Auch breit gestreute Aktien-ETFs könnten über längere Zeiträume deutlich schwanken oder Verluste verzeichnen.

Bei klassischen Sparprodukten stehen Sicherheit und Verfügbarkeit meist im Vordergrund. Aktien-ETFs funktionieren anders: Sie investieren in Unternehmen und unterliegen deshalb den Schwankungen der Börsenmärkte.

Warum Aktien-ETFs keine Sparbücher sind

Anders als Tagesgeld oder Sparbücher bieten Aktien-ETFs keine festen Zinsen oder garantierten Auszahlungen. Ihr Wert richtet sich nach der Entwicklung der Börsenmärkte — und kann deshalb zeitweise deutlich sinken.

Die Bundesbank verweist dabei auf das sogenannte „magische Dreieck“ der Geldanlage. Dahinter steht die Grundidee, dass sich Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit nie vollständig gleichzeitig erreichen lassen. Wer höhere Renditechancen wolle, müsse deshalb grundsätzlich auch größere Risiken akzeptieren.

Zugleich betont die Bundesbank, dass kapitalmarktbasierte Anlagen langfristig zwar oft höhere Renditechancen bieten, gleichzeitig aber auch stärkeren Wertschwankungen unterliegen. Finanzportfolios mit Aktienanlagen gingen deshalb in der Regel mit höheren erwarteten Renditen — aber auch mit höherer Volatilität einher.

Wie stark Aktien-ETFs schwanken können

Während der Finanzkrise 2008 verlor der weltweite Aktienindex MSCI World zeitweise mehr als die Hälfte seines Wertes. Aus 10.000 Euro wurden zwischenzeitlich nur noch rund 4.600 Euro. Bis die Verluste vollständig aufgeholt waren, vergingen mehrere Jahre.

Auch während der Corona-Pandemie fielen viele internationale Aktienmärkte innerhalb weniger Wochen zeitweise um rund 30 Prozent. Für Anleger zeigte sich dabei, wie schnell selbst breit gestreute Aktienmärkte unter Druck geraten können.

„Schwankungen gehören dazu, denn sie ermöglichen erst die gute Rendite langfristig“, erklärt Saidi Sulilatu, Chefredakteur beim Geldratgeber Finanztip. Wer in Aktien-ETFs investiere, müsse deshalb auch deutliche Rückschläge aushalten können — teilweise von 30 oder sogar 50 Prozent.

Historisch hätten sich viele große Aktienmärkte zwar langfristig häufig wieder erholt. Garantien dafür gebe es allerdings nicht.

„Gerade in Phasen schwankender Märkte ist die zentrale Frage oft nicht nur, was man kaufen soll, sondern wie man mit Marktschwankungen sinnvoll umgeht“, erklärt Katharina Hasenöhrl von der Sparkasse Passau.

Warum der Anlagehorizont entscheidend ist

Ein wichtiges Risiko liegt deshalb nicht nur in den Kursschwankungen selbst, sondern auch im Zeitpunkt, zu dem Anleger ihr Geld wieder benötigen.

Die Verbraucherzentrale Bayern empfiehlt deshalb, nur Geld langfristig in Aktien-ETFs zu investieren, auf das Anleger vorübergehend verzichten können. Wer etwa in wenigen Jahren eine größere Anschaffung oder den Kauf einer Immobilie plane, sollte dafür nicht vollständig auf Aktienmärkte setzen.

Wie problematisch ein zu kurzer Anlagehorizont sein kann, zeigte sich etwa nach dem Börsenrückgang 2022 infolge des Ukraine-Kriegs und der starken Zinsanstiege. Wer Geld für einen geplanten Immobilienkauf oder Hausbau kurzfristig in Aktien-ETFs investiert hatte, musste teilweise deutliche Verluste hinnehmen — genau in dem Moment, als das Geld benötigt wurde.

Viele Anleger überschätzen ihre persönliche Risikotragfähigkeit.

Alexander Roos, Verbraucherzentrale Bayern

Alexander Roos von der Verbraucherzentrale Bayern beobachtet, dass „viele Anleger ihre persönliche Risikotragfähigkeit überschätzen“. Manche investierten mehr Geld in Aktienmärkte, als es ihre finanzielle Situation eigentlich zulasse. Gerade in schwächeren Börsenphasen könne das problematisch werden — etwa wenn Anleger Geld dringend benötigen und deshalb mit Verlust verkaufen müssen.

Auch Stiftung Warentest empfiehlt bei Aktien-ETFs meist Anlagezeiträume von vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten. Kurzfristige Schwankungen verlören dadurch häufig an Bedeutung.

Warum Themen-ETFs riskanter sein können

Viele Experten warnen außerdem davor, kurzfristigen Trends hinterherzulaufen. Besonders sogenannte Themen- oder Branchen-ETFs — etwa auf Künstliche Intelligenz, Wasserstoff oder einzelne Zukunftsbranchen — könnten deutlich riskanter sein als breit gestreute Welt-ETFs.

„Suchen Sie nicht nach dem nächsten Trend am Aktienmarkt“, erklärt Verbraucherschützer Alexander Roos. Viele Anleger versuchten, durch Wetten auf einzelne Trends oder Marktbewegungen den Markt zu schlagen. Langfristig funktioniere das jedoch meist nicht zuverlässig.

Warum Anleger in Krisen oft selbst zusätzliche Risiken schaffen

Das Risiko liegt nach Einschätzung vieler Experten deshalb nicht nur in den Märkten selbst. Gerade in Krisenphasen machten viele Anleger zusätzliche Fehler.

Finanzexpertin Karin Baur von Stiftung Warentest warnt davor, das Depot ständig per Smartphone-App zu kontrollieren. Gerade der dauerhaft mögliche Zugriff könne dazu führen, bei starken Kursschwankungen vorschnell zu handeln.

Viele Anleger glaubten, nach Kursbewegungen am Aktienmarkt aus dem Bauch heraus eingreifen zu müssen — etwa durch spontane Käufe oder Verkäufe. Alexander Roos von der Verbraucherzentrale Bayern hält das für problematisch. „Diese Art aktiven Managements muss langfristig zu geringeren Renditen führen“, erklärt der Verbraucherschützer. Stattdessen sollte ein breit gestreutes ETF-Portfolio „die meiste Zeit in Ruhe gelassen werden“.

Verluste schmerzen psychologisch etwa doppelt so stark wie Gewinne Freude bereiten

Daniel Kanzler, Head of Invest bei Gerd Kommer Invest

Daniel Kanzler, Head of Invest bei Gerd Kommer Invest, verweist darauf, dass Kursschwankungen an den Kapitalmärkten grundsätzlich normal seien. Das eigentliche Problem sei häufig nicht die Schwankung selbst, sondern die emotionale Reaktion darauf. „Verluste schmerzen psychologisch etwa doppelt so stark wie Gewinne Freude bereiten“, erklärt Kanzler.

Besonders kritisch werde es deshalb, wenn Anleger in Krisen hektisch handelten. „Ein perfektes ETF-Portfolio, das man in der Krise panisch verkauft, ist schlechter als ein einfacheres Portfolio, das man durchhält“, sagt Kanzler.

Warum Geduld für viele Anleger entscheidend ist

Saidi Sulilatu, Chefredakteur beim Geldratgeber Finanztip, hält deshalb vor allem einen langen Anlagehorizont für entscheidend. „Jeder investierte Euro war bei weltweit gestreuten Aktienanlagen historisch spätestens nach etwa 15 Jahren wieder im Plus“, erklärt Sulilatu. Selbst heftige Börsenrückgänge hätten sich langfristig wieder ausgeglichen. Eine Garantie gebe es freilich nicht.

Für viele Experten ist deshalb entscheidend, dass Anleger realistische Erwartungen mitbringen. Aktien-ETFs können langfristig attraktive Renditechancen bieten — kurzfristige Verluste und starke Kursschwankungen gehören jedoch zum System. Garantien für Gewinne gebe es an den Aktienmärkten nicht.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar. Er ersetzt keine individuelle Beratung unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Vermögensverhältnisse, Anlageziele und Risikotoleranz.

Vorschaubild: © Arne Dedert/dpa