2027 soll das neue Altersvorsorgedepot kommen – und damit auch ein stärkerer Fokus auf ETFs und Kapitalmarktanlagen für die private Altersvorsorge. Banken, Sparkassen und Experten beobachten schon heute einen deutlichen Wandel beim Sparverhalten – gerade in Bayern. Warum plötzlich Millionen Menschen selbst am Aktienmarkt investieren, welche Risiken dahinterstecken und was Einsteiger wissen sollten, beleuchtet diese Serie.
Noch vor wenigen Jahren galt das Sparbuch für viele Menschen als selbstverständlicher Teil der Geldanlage. Heute eröffnen auch in Ostbayern immer mehr Menschen Wertpapierdepots, richten ETF-Sparpläne ein und beschäftigen sich erstmals mit Kapitalmarktanlagen. Banken und Sparkassen berichten von deutlich wachsendem Interesse – nicht nur bei Vermögenden oder Börseninteressierten, sondern zunehmend auch bei Berufseinsteigern, jungen Familien und Menschen, die privat fürs Alter vorsorgen wollen.
Der politische Druck dahinter wächst ebenfalls. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt mehrfach betont, dass private Vorsorge in Zukunft wichtiger werde, weil sich viele Menschen langfristig auf niedrigere Rentenniveaus einstellen müssten. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot soll deshalb ab 2027 langfristiges Investieren am Kapitalmarkt stärker gefördert werden – insbesondere über breit gestreute Fonds und ETFs.
Anleger in Bayern: Aktienquote bundesweit an der Spitze
Dass Bayern bei diesem Wandel eine besondere Rolle spielt, zeigen aktuelle Zahlen des Deutschen Aktieninstituts. Mit einer Aktienquote von 23,1 Prozent liegt der Freistaat bundesweit an der Spitze. Fast jeder vierte Erwachsene besitzt inzwischen Aktien, Aktienfonds oder ETFs. In Ostdeutschland liegt die Quote dagegen bei rund 11 Prozent.
Gleichzeitig sparen die Menschen in Bayern weiterhin so viel Geld wie in keinem anderen Bundesland. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik legten die Bürgerinnen und Bürger im Jahr 2023 durchschnittlich 3858 Euro pro Kopf zurück. Der Unterschied zu früher: Ein wachsender Teil dieses Geldes fließt inzwischen nicht mehr ausschließlich auf Sparbücher, Tagesgeldkonten oder Festgeld, sondern zunehmend in ETF-Sparpläne und Wertpapierdepots.
Die Zahlen zeigen, wie stark sich der Wandel inzwischen beschleunigt hat. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts besaßen 2025 deutschlandweit rund 14,1 Millionen Menschen Aktien, Aktienfonds oder ETFs – rund fünf Millionen mehr als noch vor zehn Jahren. Besonders stark wachse dabei die Zahl jüngerer Anleger.
ETF-Sparpläne treiben den Wandel bei der Geldanlage
„Wir beginnen aufzuholen“, sagt Gerrit Fey, Chefvolkswirt des Deutschen Aktieninstituts. Das liege einerseits am gewachsenen Interesse vieler Menschen an Kapitalmarktanlagen. Andererseits könnten das geplante Altersvorsorgedepot und weitere Reformen der privaten Vorsorge zusätzlichen Schub bringen.
„Immer mehr Menschen erkennen die guten Ertragschancen einer langfristigen, breit gestreuten und kontinuierlichen Anlage am Aktienmarkt“, erklärt Fey. ETFs spielten dabei eine wichtige Rolle, weil sie einen „vergleichsweise einfachen und kostengünstigen Zugang zum Kapitalmarkt“ ermöglichten.
Die Menschen arbeiten hart für ihr Geld, lassen oder ließen ihr Geld aber oft nicht für sich arbeiten.
Gerrit Fey, Chefvolkswirt des Deutschen Aktieninstituts
Fey sieht darin einen grundlegenden Mentalitätswechsel. Lange Zeit hätten viele Menschen ihr Geld zwar klassisch gespart, Kapitalmarktanlagen aber gemieden. „Die Menschen arbeiten hart für ihr Geld, lassen oder ließen ihr Geld aber oft nicht für sich arbeiten“, sagt er. Gerade ETF-Sparpläne hätten vielen den Einstieg erleichtert und die Hemmschwelle gesenkt.
Besonders stark verändert sich das Verhalten jüngerer Menschen. Nach Daten des Bankenverbandes hat sich die Aktienquote bei den 14- bis 24-Jährigen seit 2018 von neun auf 31 Prozent mehr als verdreifacht. Bei den 21- bis 24-Jährigen liegt sie inzwischen sogar bei 43 Prozent. Viele steigen heute erstmals über ETFs oder ETF-Sparpläne in den Kapitalmarkt ein.
Sparkassen und Volksbanken beobachten ETF-Boom in Ostbayern
Auch der Genossenschaftsverband Bayern beobachtet einen kulturellen Wandel. „Die Aktien- und Wertpapierkultur in Deutschland entwickelt sich spürbar weiter – das gilt auch für Bayern“, erklärt Pressesprecher Gerald Schneider. Allein 2025 seien bei den bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken „per Saldo rund 32.000 neue Wertpapierdepots eröffnet worden“.
Die Veränderungen zeigen sich dabei längst nicht nur in München oder Nürnberg. Auch in Ostbayern beobachten Banken und Sparkassen eine deutlich steigende Nachfrage nach ETF-Sparplänen und Wertpapieranlagen. Die Sparkasse Passau berichtet etwa von einem Plus von neun Prozent bei den Depots innerhalb von drei Jahren – bei Sparplänen sogar von 36 Prozent. Besonders gefragt seien breit gestreute Aktienindex-ETFs auf Indizes wie MSCI World, EuroStoxx oder DAX. Die durchschnittliche ETF-Sparrate liege dort inzwischen bei rund 115 Euro monatlich.
ETF-Investieren ist längst kein Nischenthema mehr
Katharina Hasenöhrl, Leiterin Unternehmenskommunikation der Sparkasse Passau
„ETF-Investieren ist längst kein Nischenthema mehr“, erklärt Katharina Hasenöhrl, Leiterin Unternehmenskommunikation der Sparkasse Passau. Das Interesse komme inzwischen aus sehr unterschiedlichen Altersgruppen – vom Berufseinsteiger bis zu Menschen, die bestehendes Vermögen neu strukturieren wollen.
Gleichzeitig beobachte die Sparkasse einen grundlegenden Wandel beim Anlageverhalten. „Die Menschen wollen heute oft selbstbestimmter anlegen, gleichzeitig aber nicht auf Orientierung verzichten“, sagt Hasenöhrl. Genau an dieser Schnittstelle sehe die Sparkasse ihre Rolle: digitale Zugänge ermöglichen und gleichzeitig persönliche Beratung anbieten.
ETFs statt Sparbuch: Warum klassische Geldanlage unter Druck gerät
Auch klassische Sparformen verschwinden dabei nicht vollständig. Tagesgeld oder Sparbuch blieben wichtig – etwa als Liquiditätsreserve oder Sicherheitsbaustein. Gleichzeitig reichten klassische Sparformen allein für langfristigen Vermögensaufbau aus Sicht vieler Experten immer seltener aus. Gerade Inflation und Altersvorsorge rückten Aktienanlagen stärker in den Fokus, weil die im Mittel höhere Renditen in Aussicht stellen.
Die Deutsche Bundesbank registriert ebenfalls ein wachsendes Interesse privater Haushalte an Kapitalmarktanlagen. Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Kapitalmarktanlagen zwar höhere Renditechancen bieten, aber auch stärkeren Schwankungen unterliegen. Wer langfristig Vermögen aufbauen wolle, müsse diese Schwankungen grundsätzlich akzeptieren. Diversifikation könne helfen, Risiken zu begrenzen.
Genau darin sehen viele Experten die eigentliche Stärke von ETFs. Statt auf einzelne Unternehmen oder Trends zu setzen, investieren Anleger mit einem Index-ETF meist in hunderte oder tausende Unternehmen gleichzeitig. Besonders beliebt sind weltweit streuende Produkte auf große Aktienindizes.
Trotzdem warnen Verbraucherschützer davor, ETFs mit einem Sparbuch zu verwechseln. „Kurzfristig unterliegen die Aktienmärkte teilweise sehr starken Wertschwankungen“, erklärt Alexander Roos von der Verbraucherzentrale Bayern. Entscheidend sei deshalb, „nur Geld langfristig anzulegen, das nicht kurzfristig benötigt wird“.
Altersvorsorge mit ETFs: Warum Experten von einem langfristigen Trend ausgehen
Die Sparkasse Passau beobachtet, dass viele Kunden heute zwar informierter in Beratungsgespräche kommen – gleichzeitig aber auch stärker nach Orientierung suchen. Fragen nach Risiko, Kursschwankungen und dem richtigen Anlagehorizont gehörten inzwischen zu den häufigsten Themen.
Der Trend weg vom klassischen Sparbuch hin zu ETF-Sparplänen und Kapitalmarktanlagen dürfte sich nach Einschätzung vieler Experten fortsetzen. Das für 2027 geplante Altersvorsorgedepot inklusive staatlicher Förderung könnte diesen Wandel zusätzlich beschleunigen. Gleichzeitig zeigt sich bereits heute: ETFs und Wertpapierdepots sind längst nicht mehr nur ein Thema für Börseninteressierte oder Vermögende. Sie erreichen zunehmend die Mitte der Gesellschaft – auch in Bayern.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung dar. Er ersetzt keine individuelle Beratung unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Vermögensverhältnisse, Anlageziele und Risikotoleranz.