Wir rasen auf das Stauende zu. Der Fahrer unseres weißen Fords blickt ganz gelassen und tut - gar nichts. Seine Füße stehen ganz ruhig vor dem Sitz. Der Laster am Ende des Staus ist schon ganz nah. Man möchte vor Angst schreien, als die Bremse plötzlich mit voller Kraft aktiv wird. Wir hängen in den Gurten. Der Fahrer hat das Pedal nicht berührt. Trotzdem kommen wir vor dem Hänger zum Stehen. Gerade noch.

K leine Stadt, große Vision: Weltweit neue, lebensrettende Fahrzeug-Technik wird auf dem Flugplatz-Gelände in Kitzingen getestet. Kitzingen reiht sich neben Idiada (Spanien) oder Nardo (Süditalien) in die Riege von großen Teststrecken ein.
Wie kam es dazu?
Als der neue Eigentümer der früheren Harvey-Kaserne, Markus Blum, es möglich machte, das Kitzinger Flugplatz-Gelände mit seiner zentralen Lage in Deutschland und den großen Flächen rund um die Start- und Landebahn wieder zu nutzen, war das weltweit tätige Unternehmen "Autoliv" zur Stelle. "Mit einer eigenen Teststrecke können wir schneller und flexibler auf aktuelle Anforderungen eingehen", sagt Hermann Henftling, der das in Schweinfurt ansässige europäische Autoliv-Radar-Center leitet. 30 hoch spezialisierte Ingenieure arbeiten dort an Innovationen zur Fahrsicherheit.

Normalerweise ist das Test-Areal, auf dem sich Neuentwicklungen aus aller Welt tummeln, für Neugierige tabu. Kürzlich aber durften Pressevertreter und internationale Autoliv-Kunden hautnah erleben, wie "intelligente" Technik funktioniert. Über ein Dutzend unterschiedlich ausgerüstete Testfahrzeuge standen bereit.
"Der überwiegende Teil aller Verkehrsunfälle ist auf menschliches Versagen zurückzuführen", betonte Hermann Henftling. Wenn der Mensch Fehler macht, sollen Sicherheitssysteme sie ausbügeln: zum Beispiel neuartige Mono- und Stereo-Kamerasysteme, Radar-Technik sowie Assistenzfunktionen wie der Notbrems- oder der Spurhalteassistent sowie der Abstandsregel-Tempomat. Ob und wie diese funktionieren, findet das "Europäische Neuwagen-Bewertungs-Programm" (Euro NCAP) in Crashtests heraus.

"Buckled-up?" Die Frage, ob alle angeschnallt sind, ist vor jeder Testfahrt obligatorisch. Und mehr als sinnvoll. Beispiel: Vier Autos fahren hintereinander auf der Flugplatz-"Autobahn". Der erste Fahrer macht eine Vollbremsung. Ohne technische Hilfe hat er kurz darauf drei Autos an der Stoßstange hängen. Nun dasselbe Szenario mit der neuen Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation V2V/ V2X. Die Notbremsung des ersten Autos wird an das vierte übermittelt, so dass dessen Fahrer nahezu gleichzeitig mit dem Fahrer des ersten Autos bremsen kann. Schwere Unfälle und Massenkarambolagen lassen sich so vermeiden oder abschwächen.

Auch fürs rückwärts Ausparken gibt es zuverlässige Helfer, die das Auto bei Gefahr abbremsen. Ein Auspark-Test mit der neuen Mercedes-E-Klasse beweist das eindrucksvoll. Radar-Technologie, die mühelos durch Holz und Kunststoffe "schauen" kann, verhindert den Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug.

Zum Lebensretter kann das Fahrzeug auch werden, wenn es Fußgänger erkennt und angemessen reagiert. Unser Testwagen steuert auf einen Fußgänger-Dummy zu, der gerade die Fahrbahn überquert. Die Kamera erfasst die Situation. Trotzdem fährt das Auto weiter. Erst im letzten Moment leitet das System eine Notbremsung ein. Weniger als einen Meter vor dem Dummy kommt das Auto ruckartig zum Stehen. Allen Mitfahrern ist vor Schreck ganz heiß geworden. Warum bremst der Wagen so spät? "Um unnötige Fehlbremsungen zu vermeiden - der Fußgänger könnte ja noch umkehren -, wird die Entscheidung zum spätmöglichsten Zeitpunkt getroffen", erklärt Henftling. "Ab dem Jahr 2020 werden im 'Euro NCAP' auch hochkomplexe Kreuzungsszenarien mitbewertet. Lkw, Pkw, Fußgänger, Motorräder und Fahrradfahrer müssen erkannt werden, egal, aus welcher Richtung sie kommen."
Einmal in die Zukunft schauen - das geht in Kitzingen schon jetzt. Wie von Geisterhand gesteuert fährt der Testwagen, sobald der Fahrer das "Autodrive" aktiviert hat. Das Lenkrad leuchtet in unterschiedlichen Farben, die dem Fahrer unter anderem sagen, wann er eingreifen muss.

Jede technische Innovation hat andere Stärken. Mono-Kameras erkennen Schilder, Fahrzeuge und auch nicht markierte Fahrbahnränder gut, Stereo-Visualisierungen erzeugen 3D-Bilder, Nachtsichtkameras blicken durch Nebel und Dunkelheit auf Mensch und Tier. Radar kann bewegte und weit entfernte Objekte gut "einsortieren". Um die Pluspunkte aller Systeme zu vereinen, "ist die Fusion der Technologien in Arbeit", sagt Hermann Henftling."Wir testen hier die Basis fürs hochautomatisierte und autonome Fahren."


INFO:
Die Autoliv B.V. & Co. KG ist spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion passiver Insassenschutz- und aktiver Fahrerassistenzsysteme. Der schwedisch-amerikanische Konzern besitzt auf allen Kontinenten Niederlassungen und Joint Ventures. Autoliv beliefert alle namhaften Automobilhersteller weltweit.