Als Bernd Westhäuser am Morgen des 3. August erwachte, musste er schon daran gedacht haben. Vielleicht fieberte er dem am Nachmittag möglichen Sieg schon entgegen. Anders ist das im Lichte des von ihm gegen 14.40 Uhr Gesagten schwerlich zu verstehen. Es geht dabei nicht um Leben oder Tod - es geht um Leben und Tod.

Johannes ist Bootsführer und Rettungsschwimmer. Einer von sechs Johannes, die ihm in der Wasserwacht bekannt sind. Der Student fährt über den Badesee, ist an diesem Sonntag eigens für das Freizeitrennspektakel schon seit 9.30 Uhr vor Ort, patrouillierend und aufmerksam. Für ihn eine willkommene Möglichkeit "Jungs aus anderen Wasserwachten zu treffen", beispielsweise die aus der Michelauer Abordnung. Wasserwacht und DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) sind hier vor Ort, bald 20 Personen.

Nur sieben Boote am Start

Doch auf ganz so viele Drachenbootmannschaften muss er an diesem Tag kein Auge haben. Sind es für gewöhnlich 12, 13, 14 Mannschaften, die bei diesem alljährlichen Ereignis mitmachen, so bekam man heute nur sieben Boote für 18 Paddler und Steuermann bzw. Steuerfrau voll. Sieben Mannschaften mit so kuriosen Namen wie "Pfützensanitäter" oder "Michi und die starken Männer", die beim Drachenbootrennen und der Teamolympiade, einer Art Geschicklichkeitsparcours, mitmachen.

Bernd Westhäuser geht es nicht um die Teamolympiade, ihm geht es um den Sieg beim Rennen. Sehr. Martin Lüders ist Geschäftsführer der das Rennen ausrichtenden Freizeit GmbH Bad Staffelstein, zu der auch das Spaßbad Aqua Riese gehört. "Dieses Jahr hat uns die Urlaubszeit einen Strich durch die Rechnung gemacht", erklärt er in Bezug auf die sieben Mannschaften und die vergleichsweise wenigen Zuschauer am Ufer des Badesees. Aber er kann auch interessante Kuriosa erzählen. Beispielsweise was die Besatzung der Boote anbelangt. Es sind ja meist Freizeit- oder Firmenteams, die da paddeln. Aber eine Person im Boot ist Profi, nämlich der Lenker. Wenn die Boote aus Wittenberg a. d. Elbe hergefahren werden, sind die Lenker auch bald dabei. Leute, die bei Landesmeisterschaften, Europameisterschaften und sogar Weltmeisterschaften schon im Boot saßen oder sitzen werden. Das Drachenbootrennen hat eine gewisse Klasse, die auch etwas kosten soll, nämlich 50 Euro Startgeld, weil sonst, so erklärt es Lüders, der Effekt greife, dass Dinge ihren Wert verlieren, sobald sie nichts kosten. Bis kurz vor Start ist eine Anmeldung möglich, und an diesem 3. August hätten fünf, sechs Teams ihr Interesse für 2020 bekundet.

Mittels GPS, einem satellitengestützten System zur Positionsbestimmung, wird die zu paddelnde Strecke auf dem See vermessen. 200 Meter gilt es zu bewältigen, und manchmal, wenn es ganz eng wird, komme es sogar zum Fotofinish, erklärt Lüders.

Auf Bierbänken geprobt

Die ungewöhnlichste Trainingsvorbereitung, von der er je beim Drachenbootrennen gehört hat, lieferte seiner Erinnerung nach die Wolfsdorfer Theatergruppe. "Die haben auf Bierbänken sitzend den Gleichtakt (beim Eintauchen des Paddels ins Wasser) geübt."

"Würde ich damit scherzen?", sagt Bernd Westhäuser. Soeben warf seine Antwort auf die Frage, was ihm der Siegespokal nach dem zweiten Platz im Vorjahr bedeutet, Fragen auf: "Er bedeutet mir sehr viel - ich habe Krebs, ich werde nicht mehr lange da sein." Es ist 14.40 Uhr und der Endlauf liegt hinter ihm. Westhäuser macht staunen. Er wirkt so fröhlich, so gesund. Ist er aber nicht. Der Krebs des Coburgers ist ein seltener, und sobald er metastasieren wird, läuft seine Lebenszeit binnen Wochen ab. 110 wäre er gerne geworden, erklärt der 55-jährige Schichtleiter, der in seinem Konzern auch Fitnesstrainer ist. "Halbzeit" hätte er jetzt, sinniert er. Wie es um ihn steht, weiß auch sein Sohn Vinzent. Der Siebenjährige sitzt neben seinem Papa in Ufernähe und betrachtet sich den Pokal, den sein Papa mitsamt seinem Team "All Inn" geholt hat.

Den Moment lebend

Im vergangenen Oktober hat er das Team zusammengetrommelt, seit Oktober weiß er von seinem Schicksal. Seit Oktober hatte er aber auch ein Ziel: "Dass ich den ersten Platz fahre", so der Mann zum Drachenbootrennen. "Ich muss ein starkes Team haben", forderte der Mann damals und zu dem gehört gewissermaßen auch sein Sohn. "Er hat mich immer motiviert, er liebt Pokale und ist auf diesen Pokal aus gewesen", sagt Bernd Westhäuser. Sein Sohn hört zu, lacht gemeinsam mit seinem Vater, den Moment lebend in die Kamera, und betrachtet den Pokal. Er versteht alles.