Den ersten Überlegungen nach sollte der Hausmeister eine Bestuhlung im Lichtenfelser Stadtschloss mit 50 Plätzen vorbereiten. Doch auch die Aufstockung auf über 100 reichte nicht aus. Und das lag nicht nur an den Krankenpflegeschülern aus der Region, die in ihren Kursen gemeinsam zur Vorstellung kamen. Das Thema Demenz lässt kaum einen unberührt. Es gibt so viele Betroffene - und so viele Sorgen, dass einem selbst einmal dieses Schicksal widerfahren könnte. Dieser Umstand führt allerdings mitunter auch dazu, einen Bogen um Veranstaltungen zu machen, die sich damit befassen. Für die Initiatoren des Lichtenfelser Hospizvereins war die Resonanz daher eine Überraschung. Schließlich waren es an die 150 Besucher im Stadtschloss, die am Mittwochabend dieses besondere Theaterstück im Stadtschloss sehen wollten - Junge und Ältere, Männer und Frauen. Für Evelyn Kondruss ist das die Bestätigung ihrer Bemühungen um eine Aufführung in Lichtenfels: Die Vorsitzende des Hospizvereins hatte es bereits in Coburg gesehen (allerdings dort mit nur etwa 30 Zuschauern) und war fasziniert.

Es ist der sensible und doch schonungslose Umgang mit dem Angst machenden Thema Demenz, der die Wirkung dieses Zwei-Personen-Stückes aus der Feder von Brian Lausund ausmacht. "Ich erinnere mich genau", lautet der Titel, der einen Spannungsbogen vorgibt. Am Anfang geht es nämlich um die Erinnerungen, die Rückschau auf das Leben der Mutter, um Episoden aus der Jugend, die sie der Tochter erzählt. "Ich erinnere mich genau..."

Die ersten Anzeichen der Krankheit haben sich kaum merklich eingeschlichen. Man geht mit diesen "Aussetzern" sogar eher heiter um. Doch die Diagnose steht, und die Erkrankung belastet die Mutter-Tochter-Beziehung zunehmend. Den Zuschauern wird vor Augen geführt, wie eine starke und stolze Frau den geistigen Abbau erlebt. Sie ist sich in der ersten Phase der Veränderungen in ihrem Kopf voll bewusst und hadert mit Gott und ihrem Schicksal. Die Mutter bedarf mehr und mehr der Pflege.

Welch Dramen mit dem Verfall einhergehen, erfährt das Publikum aus den Briefen, die die Tochter an eine Freundin richtet. Die Schauspielerin spricht den Text ins Publikum und unterbreitet darin schockierende Details vom kotverschmierten Küchenstuhl, der mit dem Klo verwechselt wurde, über Mamas Wutausbrüche über eigenes Unvermögen bis hin zur Eskalation in gegenseitigem Aufein andereinschlagen. Die Hörer verstehen, ohne zu sehen. Gefühle und Gedanken bringt Regisseur Sebastian Goller mit simplen Methoden wie dem Abspielen einer Sprachaufzeichnung in die Köpfe der Zuschauer.

Stummer Betroffenheit folgte auch in Lichtenfels begeisterter Applaus. Denn zum Schluss behalten nicht Ohnmacht und Verzweiflung die Oberhand, sondern die Erinnerung an einen Menschen, der so viel mehr war, als diese Krankheit aus ihm machte. Die Tochter verspricht ihrer Mutter am Totenbett, dass ihre Geschichten bleiben werden: "Keine Angst, Mama. Ich erinnere mich genau."