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Kulmbach
Interview

"CO2-Abgabe führt zu höheren Kosten" - Neue Herausforderungen für die Logistikbranche

Die Logistikbranche ist derzeit stark belastet, denn die CO2-Bepreisung verursacht neue Herausforderungen. Der Kulmbacher Klaus Neubing leitet die Hofer Niederlassung der Spedition Dachser und erläutert die Schwierigkeiten.
 
Lastwagen bringen alles - vom Kleinstmöbel bis zur, wie hier abgebildet, neuen Druckmaschine. Die Spediteure aber haben aktuell Sorgen. Foto: Archiv/S. Tiroch
Lastwagen bringen alles - vom Kleinstmöbel bis zur, wie hier abgebildet, neuen Druckmaschine. Die Spediteure aber haben aktuell Sorgen. Foto: Archiv/S. Tiroch

Die Logistikbranche ist von jeher eine sehr energieintensive. Derzeit profitieren Transportunternehmen und Spediteure zwar von relativ niedrigen Spritkosten - doch mit der CO2-Abgabe ab Januar dürften neue Verteuerungen verbunden sein. Was also tun?

Darüber haben wir mit Klaus Neubing gesprochen. Der 50-jährige Kulmbacher leitet seit einigen Jahren die Dachser-Niederlassung in Hof mit rund 500 Mitarbeitern.

CO2-Abgabe ab Januar: Schwere Folgen für Logistik

Herr Neubing, Energiekosten sind für jedes Unternehmen Diskussionsstoff. Was tut sich auf diesem Sektor bei Ihnen?

Klaus Neubing: Aktuell verfolgen wir gespannt ein Projekt unseres Head Offices in Kempten: Es gibt dort ein Team, das unsere CO2-Berechnungen noch einmal präzisiert, um noch gezielter Maßnahmen ergreifen zu können. Gemessen an der Anzahl der Lkw, die für uns unterwegs sind, kommt da natürlich einiges zusammen. Für uns arbeiten selbstständige Partnerunternehmen, wir selber haben am Standort Hof keine eigenen Lastwagen, sondern stellen Hänger und Auflieger zur Verfügung.

Die Anforderung nach einer CO2-Berechnung kommt übrigens auch von unseren Kunden, die fragen: Könnt ihr mir künftig unter den neuen gesetzlichen Maßgaben eine detaillierte Auswertung für meine versendeten Waren zur Verfügung stellen? Da sind mittlerweile viele für das Thema sensibilisiert, und diese Vorlagen passen wir den neuen Anforderungen gerade an. Die Abgabe selber wird sicherlich zu höheren Kosten führen, sie wird steigende Dieselpreise nach sich ziehen etc.

Wie kann Ihr Unternehmen denn darauf reagieren?

Wir konnten mit vielen Kunden bereits Vorsorge treffen und haben sogenannte Diesel-Floater vereinbart. Das heißt: Wenn der Sprit um die Summe X steigt, werden die Frachten um eben diesen Faktor auch teurer - oder günstiger.

Sind alternative Antriebe und Energieträger wie Strom oder Wasserstoff ein Thema?

Es gibt diverse Überlegungen, wie künftig beispielsweise Belieferungen in der Innenstadt möglichst CO2-neutral funktionieren. In Stuttgart hat Dachser schon 2018 ein emissionsfreies Liefergebiet definiert. In einem festgelegten Innenstadtbereich werden alle Sendungen lokal emissionsfrei - also ohne CO2- und Schadstoffemissionen - mittels E-Lkw und elektrisch unterstützte Lastenräder ausgeliefert.

Dieses Konzept wurde auch vom Bundesumweltministerium prämiert und wird nun auf weitere Metropolregionen in Europa ausgeweitet. In Berlin, München und anderswo sind bereits emissionsfreie Fahrzeuge im Einsatz. So haben wir schon Erfahrung mit alternativen Liefermethoden für die letzte Meile in europäischen Großstädten wie Paris, Malaga und Stuttgart gesammelt. Aktuell wird im Rahmen eines Pilotprojekts in Prag die Verwendung eines elektrisch unterstützten Lastenrades unter realen Verkehrsbedingungen getestet.

Tut sich etwas beim Wasserstoff?

Das Thema ist grundsätzlich interessant. Aktuell hat Dachser zusammen mit der Hochschule Kempten eine Machbarkeitsstudie zum Thema Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technologie durchgeführt, um zu beleuchten, ob Lkw mit Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieben für den emissionsfreien Transport über längere Strecken geeignet sind. Auch das Thema Erdgasantrieb könnte als eine Übergangsoption interessant sein, aber nur, wenn Bio-Kraftstoff zum Einsatz kommt. Die Infrastruktur lässt da zu wünschen übrig. Man müsste wohl dahin kommen, eine eigene Erdgas-Tankstelle auf dem Gelände zu installieren. Zukunftsmusik.

Die großen Plakate, auf denen Unternehmen um Fahrer werben, zeugen noch von einer anderen Herausforderung der Branche.

Das Thema Fahrer ist in der Tat ein schwieriges. Es gehen mehr Berufskraftfahrer in Rente, als neue nachkommen. Immerhin tun wir aktiv etwas und bilden selber Berufskraftfahrer aus. Heuer sind es aktuell 15. Dabei ist diese Dienstleistung gerade in Corona-Zeiten hochgradig wichtig.

Die Wertschätzung für einen qualifizierten Fahrer ist nicht immer so hoch gewesen, aber gerade jetzt ist es wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, was wir an den Fahrern haben und was sie leisten. Wobei wir selber durchaus stolz darauf seine können, bislang unsere eigenen Mitarbeiter sicher durch die Krise gebracht zu haben, sowie unsere Partner stolz darauf sein können, dieser Krise zu trotzen. Es wurden gute Übereinkommen getroffen, die uns als Unternehmen zwar mehr Geld kosten, aber unterm Strich allen nutzen.

War Kurzarbeit angesetzt?

Zum Glück war das nicht nötig bisher. Es war mal kurz in der Schwebe, als beim ersten Lockdown auch die Baumärkte schließen mussten und wir als Partner einer großen Kette in diesem Segment viele Aufträge verloren. Aber das hatte sich ja nach wenigen Wochen erledigt. Ansonsten sind wir bei Dachser auch als Food-Logistiker für den Lebensmittelbedarf unterwegs und daher systemrelevant.

Ein Problem für die Fahrer bleibt: Bei einem Lockdown wie derzeit sind nicht nur Beherbergungsbetriebe und Restaurants geschlossen, sondern auch Raststätten.

Das ist ein echtes Problem. In den Dachser-Niederlassungen stellen wir unseren Fahrern Möglichkeiten zum Duschen sowie Toiletten zur Verfügung. Das ist ein großes Plus. Dort gibt es teilweise auch Kantinen für die Verpflegung, alles natürlich unter den geltenden Hygienevorgaben. Ich bin der Meinung, dass die Politik an dieser Entscheidung, Raststätten ebenfalls dicht zu machen, nicht länger festhalten kann, da muss es andere Lösungen geben.

Aber da fehlt uns noch etwas, denn: Es gibt eine aktuelle EU-Richtlinie, wonach Fahrer, die im internationalen Verkehr auch mal ein oder zwei Wochen am Stück unterwegs sind und nicht zwischendurch nach Hause kommen können, künftig nicht mehr in ihrem Lkw bleiben dürfen. Das war früher gang und gäbe. Die Fahrer haben sich entsprechend darauf eingestellt und ihren Lastwagen als kleine rollende Wohnung ausgestattet.

Die meisten konnten wohl halbwegs gut damit leben. Aber wie soll das unter den neuen Maßgaben funktionieren? Wo soll der Fahrer hin, wenn er schlafen will oder seine Ruhezeiten einhalten muss? Er müsste sich in einer Unterkunft einmieten - aber diese Infrastruktur ist in der benötigten Dimension gar nicht vorhanden. Wer soll sie also zusätzlich unterbringen? Da ist etwas nicht zu Ende gedacht worden - und der Arbeitnehmer, der seinen Job so gut wie möglich machen möchte, leidet darunter.