Für die meisten gehört das Freiluftschwimmen im Badesee wohl in den Sommer. Aber es gibt - wie immer - auch hier die berühmte Ausnahme. Für manch einen geht der Badespaß nämlich erst im Winter richtig los.

"Am meisten Spaß macht das Schwimmen, wenn der Badesee schon mit einer dünnen Eisschicht bedeckt ist und es dazu noch schneit", sagt Hans-Jürgen Zippel und meint es auch ernst. Und er zieht das konsequent durch, das ganze Jahr, auch jetzt Ende Dezember.

In eisigen russischen Gewässern

Beim Stammtisch in der "Dorfschänke" sagten sie schon 1990: "Heute war der Verrückte wieder im Wasser." Mit dem "Verrückten" meinten die Stammtischbrüder Hans-Jürgen Zippel.

Der Ludwigschorgaster schwimmt seit seinem vierten Lebensjahr. Mit zehn Jahren hat ihn sein Opa zum ersten Mal zum Eisschwimmen mitgenommen. Das war noch in der früheren DDR, und das hat er dann beibehalten.

Mit 20 Jahren schwamm er bei bis zu minus 30 Grad schon in russischen und polnischen Gewässern. Ende 1989 "machte er rüber", wie die Sachsen den Umzug in den Westen Deutschlands damals beschrieben. In Trebgast fand er zunächst ein neues Zuhause. Seit 1993 wohnt er in Ludwigschorgast.

Mit einem Zeckenbiss fing alles an

Im Frühjahr 1990, im Alter von 30 Jahren, hatte Hans-Jürgen einen Zeckenbiss. Drei Monate später ging es mit Gelenk- und Muskelschmerzen los. Die Diagnose: verschwindende Borreliose. Zippel ist an einer besonderen Form von entzündlichem Rheuma erkrankt. Durch die Abwehr des Körpers ist Morbus Bechterew ausgebrochen, vermutlich eine Fehlfunktion des Immunsystems, nach heutigem Stand nicht heilbar. "Mein Körper greift mich an. Wenn ich nichts mache, werde ich irgendwann steif", weiß er um die Bedeutung seiner Krankheit.

Die chronische Erkrankung verläuft oft in mehr oder weniger heftig anhaltenden Phasen. Als sie ausgebrochen ist, hatte er Schübe, bei denen er im 40 Grad heißen Badewannen-Wasser gefroren hat, erinnert er sich. Es folgten drei Monate Krankenhausaufenthalt und ein Monat Kur. Dann ging er wieder arbeiten. Bei jedem Schub verkrampft sich der Körper, der Rücken wird nicht mehr durchblutet. Dadurch entstehen Verwachsungen. An seinem Iliosakralgelenk sind keine Fugen mehr vorhanden. Seitdem ist die Schwimmstunde jeden Sonntag vor dem Mittagessen Gesetz. Da kann ihn auch kein Besuch abhalten, der sich kurzfristig angemeldet hat.

So wie auch am letzten Sonntag des Jahres. Um 11 Uhr trifft er am Trebgaster Badesee ein. Das Thermometer am Eingangsgebäude zeigt minus 1,5 Grad an. Dazu weht ein starker Südwestwind. Mit einem großen Stoffbeutel bepackt, marschiert er meistens am Westufer entlang bis zur Insel.

Ein festes Ritual

Was dann folgt, ist ein festes Ritual: Er wirft ein an einer langen Schnur befestigtes Thermometer ins Wasser, baut am Ufer ein Stativ auf und bestückt es mit einer Kamera. "Vor ein paar Jahren ist mein Tablet hier in Trebgast bei minus 17 Grad eingefroren. Seitdem habe ich diese Kamera." Dann zieht er sich bis auf die Badehose aus. Bis Ende Oktober ist es eine ganz normale. Ab November gönnt er sich eine kurze Thermobadehose, zusätzlich Schuhe, Handschuhe und eine Wollmütze als Schutz.

"Ich habe einen Neoprenanzug zuhause, aber den habe ich erst einmal benutzt." Dann misst er die Bodentemperatur (fünf Grad), und die Oberflächentemperatur seines Körpers (25 Grad). Nach ein paar kurzen Dehnübungen spaziert er zunächst bis zur Hüfte ins Wasser - so, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre.

Jetzt zieht er das Thermometer aus dem See - es zeigt heute exakt null Grad an. Die Daten spricht er jetzt in Richtung Kamera. Ein paar Spritzer auf den Körper, dann legt er sich rücklings ins Wasser, strampelt ein paarmal mit den Füßen und schwimmt los.

Oberkörper ist leicht gerötet

Nach drei Minuten kommt er raus, sein Oberkörper ist leicht gerötet. Seine Körpertemperatur beträgt jetzt 12 Grad. Ein paar Dehnungen, zehn Kniebeugen auf der Badesee-Insel, kurz in den Bademantel einwickeln. "Wenn ich bei einer Wassertemperatur von null Grad raus in die Kälte komme, friere ich einen ganz kurzen Moment. Wenn ich wieder rein gehe, fühle ich mich, als wenn ich wieder in der Badewanne bin."

Nach fünf Minuten startet er zur nächsten, etwas längeren Schwimmrunde. Das wiederholt er heute noch ein paarmal. Ab sechs Grad aufwärts schwimmt er schon mal 30 bis 40 Minuten am Stück. "Nach 30 Minuten schwimmen im kalten Wasser sind meine Verspannungen so gut wie weg."

Kälte ist seine warme Stube

Seit seiner Erkrankung ist die Kälte für ihn seine warme Stube. Das Video stellt er hinterher auf seine Sportsparte "Fitness Opi" seiner Facebook-Seite. Gleichzeitig warnt er Ungeübte davor, das alleine nachzumachen. Wenn dann seine Ärzte in Bayreuth die Aufnahmen sehen, sagen sie: "Sie müssen doch schreien, wenn Sie ins Wasser gehen."

Aber Hans-Jürgen schreit nicht. Im Gegenteil: Er "füttert" die Kamera mit weiteren Daten, beispielsweise, wo und wie lange er heute gerade schwimmt. Fünf Jahre lang hat er Morphium bekommen. 2000 war das schlimmste Jahr seiner Erkrankung. Er konnte kaum mehr laufen, war auf Gehhilfen angewiesen und saß sogar ein dreiviertel Jahr im Rollstuhl. "Da war ich praktisch kaputt, erzählt er."

Das war die Zeit, in der er seine Facebook-Seite eingerichtet hat. "Ich wusste damals nicht, ob ich je wieder laufen kann." Im Krankenhaus wurde er medikamentös eingestellt, kam zur Kur und konnte langsam wieder etwas laufen. 2001 hat er wieder ganz extrem mit Kaltbaden und Kaltschwimmen angefangen. "Ich musste ja meine Körpertemperatur runterkriegen." 2014 ist seine Bandscheibe zum ersten Mal herausgerutscht, 2017 zum zweiten Mal. Da musste er operiert werden, seine Wirbelsäule wurde ausgefräst und versteift.

"Da haben meine Ärzte getobt"

Seitdem halten zwei Eisenplatten und vier Schrauben seine Wirbelsäule zusammen. 30 Tage nach der OP ging er wieder zum Schwimmen. "Da haben meine Ärzte getobt. Aber ich musste ja wieder in meinen Rhythmus kommen. Das war ein Gefühl, wie: Jetzt kannst Du wieder Samba tanzen", beschreibt er das im Nachhinein.

Nach sechs Monaten ging er wieder zur Arbeit, normal wäre eine Pause von einem Jahr gewesen. Die Woche über ist er beruflich in ganz Deutschland unterwegs. Und überall , wo er gerade ist, schaut er jeden Tag, ob es da eine Möglichkeit gibt, um früh oder abends ins Wasser zu gehen. "Das will ich nicht missen, egal welches Wetter ist." Letzte Woche war er in Passau. "Da war nicht weit vom Hotel entfernt ein Stausee. Ich bin darin früh um sechs gleich eine Runde geschwommen."

Im Sommer geht er um vier Uhr in den Badesee, wenn das Wasser noch einigermaßen kalt ist. Oder er fährt ganz spät abends zum Fichtelsee, wenn die Tagestouristen schon weg sind. Und hinterher legt er sich in Fleckl zur Entspannung noch ins Moorbad. Hans-Jürgen Zippel freut sich schon auf das Neujahrsschwimmen an gleicher Stelle.