"Jetzt bin ich allein, dann bleibt mir nur noch Gott." Helmut Dörfler klingt dieser Satz noch im Ohr. Gesagt hat ihn Hadi Etamadi, kurz nachdem das Verwaltungsgericht in Bayreuth seine weitere Aufenthaltsdauer für beendet erklärt. Das Ende eines Traums vom Leben in sicherer Freiheit. Nach acht Jahren zwischen Hoffen und Bangen.

Dörfler, seit langem engagiert in der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in der Langgasse, rührt das Schicksal des jungen Afghanen. Im November 2017 nimmt sich der Kulmbacher des damals 24-jährigen Flüchtlings an. "Ein Bekannter, der Hadi seit seiner Ankunft 2012 gut kennt, hat sich an mich gewandt und gesagt: ,Der Junge hat eine Chance verdient, hierzubleiben.'" Für den praktizierenden Christ Dörfler ein Akt der Nächstenliebe. "Ich wusste, es würde schwer bis unmöglich, damals sollte Hadi bereits abgeschoben werden. Er ist mehrfach vor der Polizei geflohen."

Von Jesu Botschaft erfahren

Für Helmut Dörfler ist klar: "Selbst wenn er gehen muss, sollte er vorher zumindest von der Botschaft Jesu erfahren haben." Er zeigt dem Moslem einen Film über das Leben und Sterben Jesu, nimmt den Afghanen mit in die Gemeinde in der Langgasse. "Ich hätte nicht gedacht, dass aus ihm so schnell ein so starker Christ wird." Das bemerkt auch das Amtsgericht in Kulmbach, nachdem er eines Tages doch von der Polizei festgenommen und vor den Kadi geführt wird. Die Richterin setzt ihn auf freien Fuß. "Da waren wohl höhere Mächte im Spiel", sagt Dörfler und lächelt. An Hadis Schicksal ändert das letztlich nichts.

Bis Silvester wird der heute 27-Jährige Deutschland verlassen müssen. Warum er überhaupt aus seiner Heimat geflüchtet ist? Geboren ist er in einem kleinen Dorf, erzählt er. Er lebt dort als Mitglied den Alltag im Volksstamm der Hazara im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem Iran. Sein Volk ist nicht wirklich gut gelitten in dieser Ecke, ein bisschen vergleichbar mit den Kurden in der Türkei.

Hadi fällt nicht weiter auf. Das ändert sich, als er ein Mädchen in seiner Schule trifft und sich verliebt. Eine Liebe, die es nicht geben darf, sagt Etamadi. "Ihre Eltern gehören zu einem anderen Stamm, der den meinen nicht akzeptiert." Doch weil beide nicht voneinander lassen können und wollen, sich weiterhin treffen, alarmieren die Eltern des Mädchens die Polizei. Es geht um Intimität vor der Ehe - und um verletzte Ehre. "Ihre Eltern haben sogar gelogen, damit ich mich nicht mehr mit ihrer Tochter treffen kann", sagt Etamadi. Der Druck wird so groß, dass er nur noch weg will aus Afghanistan. "Mein erstes Ziel war nicht Europa oder gar Deutschland, ich musste da einfach nur raus."

Er flieht über den Iran und landet nach Irrungen und Wirrungen in einem Auffanglager in Bayern. Was aus seiner Freundin wurde? "Es gibt Gerüch te, sie wurde umgebracht." Zu seinen Eltern reißt der Kontakt ab.

Die Unterkunft in der Kulmbacher Pestalozzistraße ist seit acht Jahren Etamadis zweite Heimat. Hier teilt er sich ein Zimmer mal mit einem, mal mit drei fremden Männern. Er kommt in Kontakt mit den Ristic' aus Kulmbach - sie sollen so etwas wie seine zweite Familie werden. Zu Margaretha Ristic sagt er mittlerweile "Mama". Auch sie und deren Tochter Natalie können nicht verstehen, warum Hadi ausreisen muss und welche juristischen Knüppel dem Afghanen in all den Jahren zwischen die Beine geworfen wurden. Arbeiten darf Etamadi nämlich nicht. "Dass ich nur in der Unterkunft sitze und Taschengeld bekomme, das befriedigt mich nicht. Ich wollte arbeiten, aber man ließ mich nicht."

Ein Praktikum in einem Altenheim gefällt dem Flüchtling so gut, dass er die Ausbildung zum Pflegehelfer machen möchte. Die Abschiebung kommt dazwischen. Zuletzt beschäftigt ihn eine Pizzeria als Küchenhilfe. Sogar Sprachkurse bezahlt er selber. "Ich wollte unbedingt Deutsch lernen und mich verständigen können."

Die Behörden unterbreiten ihm als Vorschlag: Er könne ja freiwillig ausreisen nach Afghanistan, dort ein Visum beantragen (da die deutsche Botschaft in Kabul geschlossen ist, müsste er nach Islamabad oder Neu Dehli reisen) und ein Ausbildungsvisum verlangen, Arbeitsstelle und Wohnung finden und dann einen Ausreiseantrag nach Deutschland stellen. "Ich bin doch jetzt schon hier, warum soll ich erst noch zurück und dann wieder herkommen", fragt Etamadi verwirrt. Zudem kann er nicht ausschließen, dass ihm in seiner Heimat aufgrund seiner privaten "Verfehlung" und seines christlichen Glaubens Todesgefahr droht.

Natalie Ristic versteht nicht, wie die deutschen Behörden den Staat am Hindukusch als "sicheres Herkunftsland" titulieren können. "Das ist Dritte-Welt-Niveau mit einer hungernden Bevölkerung und in weiten Teilen bürgerkriegsähnlichen Zuständen, nicht zuletzt durch das Regime der Taliban, die noch dazu einen konvertierten Christen wie Hadi sicher besonders im Auge hätten."

Dass sich Etamadi um hiesige Flüchtlinge kümmert, sie bei ihren Anträgen unterstützt und weiterhin daran arbeitet, ein "guter deutscher Bürger" zu werden", ändert nichts: Er muss zurück. "Ich akzeptiere das, aber ich möchte hier meine Geschichte erzählen, damit vielleicht andere, denen es so geht wie mir, mehr erreichen können als ich."

Rückkehr kommt nicht in Frage

Nach Afghanistan wird Hadi Etamadi definitiv nicht zurückkehren. "Ich gehe in ein anderes Land, zu einem Verwandten, der dort lebt, mehr kann ich momentan nicht sagen." Sein Visum sei bewilligt. Und dort jedenfalls dürfe er all das machen, "was ich in Deutschland nicht durfte". Für Helmut Dörfler ist Etamadis Beispiel eines, das für das Versagen der Asylpolitik und der Bürokratie steht und als Exempel dafür, wie integrationswillige Menschen an den Verhältnissen scheitern müssen. Zumal das Gericht selbst "nachweislich lügt". "Was im Protokoll der Verhandlung von der Richterin wahrheitsgemäß protokolliert ist, wurde im Urteil ins Gegenteil verkehrt." Selbst ein letztes Hilfeersuchen an Ministerpräsident Markus Söder sowie Innenminister Joachim Herrmann hat an der Entscheidung nichts geändert.

Anders übrigens als bei einem Fall in Hof. Dort hatte ein Kirchenvorsteher, der 2015 aus dem Iran flüchtete, aufgrund der Intervention aus München nicht ausreisen müssen. Der 28-Jährige mit afghanischer Staatsangehörigkeit habe "erstmal keine Abschiebung zu befürchten", teilte das Ministerium mit. Für Helmut Dörfler ist das unverständlich. "Das hat mit Gesetz und Logik nichts zu tun. Das war einzig der Tatsache geschuldet, dass die Medien Druck gemacht haben. Aber das kann es doch nicht sein, oder?" "Dass man mir vor Gericht nicht geglaubt hat, dass ich überzeugter Christ bin, hat mich am meisten getroffen", sagt Hadi Etamadi. Der 27-jährige Afghane muss bis zum 31. Dezember ausreisen.