"Wann kommt schon mal ein Ministerpräsident nach Neufang?" "Das ist schon ein Spektakel, ich bin ganz aufgeregt." "Ich kenne ihn nur vom Fernsehen; ich wollte ihn einfach mal live sehen." Solche Sätze waren am Freitagabend beim Besuch von Horst Seehofer in Neufang mehrfach zu hören. Das Interesse der Bevölkerung war entsprechend groß, was auch dem Empfang Seehofers zu entnehmen war, der unter rhythmischem Beifall der Besucher in den Feststoudl begleitet wurde.

Sichtlich begeistert war der Ministerpräsident von der Neufanger Mädchentanzgruppe, die unter Begleitung der örtlichen Blasmusik eigens für ihn tanzte. "Ihr seid aber hübsch", freute sich der Ministerpräsident, der in Neufang leichtes Spiel hatte, ist der Ort doch CSU-geprägt. Es waren aber nicht nur CSU-Wähler vor Ort. Auch ein SPD-Wähler wollte Seehofer hören, hatte aber vor der Veranstaltung schon mal angekündigt, gar nicht die ganze Zeit bleiben zu wollen. Doch am Ende war er immer noch im Feststoudl und musste einräumen: "Schön geredet hat er schon. Wenn er das alles umsetzen kann, wäre es schon gut."

Seehofer verstand es, die Menschen zu begeistern, was nicht zuletzt wohl an der Tatsache lag, dass er keine typische Wahlkampfrede hielt, in der er auf die politischen Gegner eindrischt. Manche hätten das vielleicht erwartet, anderen gefiel das: "Es war keine Hetzrede. Das war angenehm", äußerte sich ein Besucher. Und dennoch schaffte es der Ministerpräsident, die Stärken Bayerns deutlich herauszustellen. Jedem war natürlich bewusst, dass er eben diese in Verbindung mit seiner Person bringt.

Der Ministerpräsident ging locker und unterhaltsam auf im Landkreis brennende Themen wie Loewe oder die Verkehrsanbindung ein. Aber auch überregionale Sachverhalte das Ehegattensplitting, die Mütterrente, der Länderfinanzausgleich oder Steuer- und Wirtschaftspolitik wurden von ihm angesprochen. Dabei schien er jeweils den Nerv der anwesenden Bevölkerung zu treffen, erhielt er doch immer wieder spontanen Applaus für seine Bemerkungen. Kein Wunder, immerhin bezeichnete er diese als den größten Schatz Bayerns. Ihnen sei es zu verdanken, dass Bayern so gut dastehe wie nie zuvor in der Geschichte. Damit dies so bleibt, will Seehofer nach der Wahl eigens ein neues Ministerium schaffen, das damit betraut wird, alle Regierungsbezirke Bayerns gleichermaßen voranzubringen: "Wir können in Bayern insgesamt nicht gut sein, wenn es nicht jedem Regierungsbezirk gut geht."

Thema angekommen

Dass die Straßen in der Region durchaus besser sein könnten, hatte Seehofer gleich zu Beginn festgestellt. Er war von Würzburg aus nach Neufang gekommen und hatte so manche Unebenheit feststellen müssen. Ohne irgendwelche Versprechen zu machen, dankten es ihm die Besucher mit donnerndem Beifall. Ihnen hatte es bereits gereicht, dass dieses Problem der gesamten Infrastruktur offensichtlich auch beim Ministerpräsidenten angekommen ist.

Dieser war im Übrigen nach eigenem Bekunden noch nie in einem solchen kleinen Ort aufgetreten und freute sich dafür umso mehr, dass "wohl jeder Haushalt vertreten ist". Dass ihm das keine Probleme bereitet, erklärte er wie folgt: "Wer sich für kleine Orte zu groß hält, wird irgendwann für große Aufgaben zu klein."

Interessant war die Haltung Seehofers zur Bildungspolitik: "Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch unterschiedlich ausgestaltet ist. Bilden wir doch unsere Jugend in den Talenten aus, die ihnen unser Herrgott mitgegeben hat. Das Leben beginnt nicht nur als Akademiker." Es sei wichtig, junge Leute dort zu fördern, wo sie stark sind. "Wir sind unterschiedlich und wir haben unterschiedliche Fähigkeiten. Und dafür muss sich niemand entschuldigen. Man kann mit individueller Zuwendung viel erreichen." Dafür werde manchmal auch Geduld und Liebe benötigt, "damit die jungen Menschen die Chance für ihr Leben ergreifen". Dabei gab Seehofer, Sohn einer Arbeiterfamilie, auch einen Einblick in sein Privatleben: "Die Gesellschaft hat mir die Chance gegeben, aufzusteigen bis hinauf zum Ministerpräsidenten, weil man sich in dieser Gesellschaft mit Fleiß nach oben arbeiten kann."
Tief blicken ließ er auch, als er auf einen Krankenhausaufenthalt vor elf Jahren zurückblickte. Damals betrug seine Herzleistung nur noch sieben Prozent. Zu schätzen habe er in dieser Zeit die menschliche Seite der Medizin gelernt. "Ich werde nie mehr Apparate und Medikamente vergöttern - so wichtig sie auch sind: "Das Wichtigste in der Medizin ist der Mensch." Auf Grund seiner Krankheitsgeschichte sei er zusammengezuckt, als am Freitag der Kronacher Arzt Brühl neben ihm Platz nahm.

Die Botschaft war klar: Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum muss sichergestellt sein. Generell sei es ihm wichtig, die Daseinsvorsorge vor Ort zu sichern. "Wir können viel über den ländlichen Raum reden. Wenn die Menschen nicht sehen, dass Arbeitsplätze vorhanden sind, werden sie sich wegbewegen. Das ist nicht unsere Strukturpolitik. Deshalb müssen die Arbeitsplätze vor Ort sein - in Oberfranken. Mit dieser Aussage brachte Seehofer erneut eine schon seit Jahren diskutierte Behördenverlagerung ins Gespräch. Daran wird er sich messen lassen müssen.

Neufang als Hauptstadt

Zu Beginn der Veranstaltung hatte CSU-Kreisvorsitzender Jürgen Baumgärtner das "Volk" schnell auf seine Seite gezogen, als er Neufang als eines der schönsten Dörfer im Frankenwald bezeichnete. Der Ministerpräsident griff dies später auf und bezeichnete Neufang gar als heimliche Hauptstadt Bayerns - "solange ich da bin". Interessant war auch die große Beifallsbekundung, die der Kronacher Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein erfahren durfte und die weitaus deutlicher ausfiel als für manch anderen CSU-Politiker. Baumgärtner machte sich daraus gleich einen Spaß: "Das könntest Du immer haben. So sieht es aus, wenn sich mehr als acht Leute treffen."

Bürgermeister Gerhard Wunder unterstrich, dass in Neufang die Welt noch in Ordnung ist. "Hier wird nicht nur geklagt, hier wird selbst Hand angelegt", verwies er auf den von der Dorfgemeinschaft in Eigenregie erbauten Feststoudl.

Jahrhundertereignis

MdB Hans Michelbach bedankte sich schließlich bei Seehofer für dessen Kommen und unterstrich: "Wir sind stolz auf unsere fränkische Heimat." Er ging schließlich auf die aus heimischer Sicht wichtigen Themen der Wirtschaftsförderung, des Verkehrsausbaus und der Technologieförderung ein, ehe das Jahrhundertereignis, wie es der Neufanger CSU-Ortsvorsitzende Rudi Kotschenreuther formulierte, nach dem Eintrag Seehofers ins Goldene Buch zu Ende ging.

"Es war schon ganz interessant. Er hat alle wichtigen Themen angesprochen. Da konnte sich jeder was rauspicken", lautete der Kommentar eines Besuchers, der mit dem Auftritt Seehofers zufrieden und damit nicht alleine war: "Es war ganz unterhaltsam. Die Stunde war schnell rum. Aber ich möchte seinen Job nicht machen", betonte wiederum ein anderer.