Die Basketballer von Alba Berlin haben ihre Cheerleader abgeschafft. Das sollte in Kronach kaum jemanden stören. Wenn es um die Begründung dafür geht, sieht die Sache ganz anders aus. Der Aufschrei bei der Turnerschaft (TS) und ihren Cheerleadern ist laut. 350 Kilometer von der Hauptstadt entfernt fühlt man sich in eine Schmuddelecke gestellt - und will das nicht auf sich sitzen lassen.

"Dass Cheerleader als Pausenfüller nicht mehr zeitgemäß sind, kann ich noch nachvollziehen", sagt Julia Geiger (19). "Aber nur, weil wir eine eigene Bühne verdient haben!", schießt die junge Trainerin der Golden Tigers (Cheerleader der TS) gegen die Berliner Vereinskommentare. Sie wehrt sich gegen eine Erklärung von Alba-Geschäftsführer Marco Baldi, sein Verein sei "zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt". Waren die Frauen also bisher nur als hübsche Schauobjekte in der Halle? Dienten die Cheerleader bloß als sexy Staffage für den Männersport?

Erschrocken über Aussagen der Berliner

"Ich durchforste immer die Sportlandschaft und bin dabei auch auf Alba gestoßen", erinnert sich der Vorsitzende der TS Kronach, Jörg Schnappauf. Wenn ein großer Verein mit einer bundes-, ja europaweiten Strahlkraft einen solchen Schritt, wie die Abschaffung einer Abteilung, unternimmt, dann liest Schnappauf natürlich weiter. "Man fragt sich, woran es liegt. An der Organisation? Am Geld?"

Was er dann im Text und zwischen den Zeilen als Begründung fand, hat ihn regelrecht erschreckt. "Wenn man hört, dass so etwas aus Gründen geschieht, die einen ganzen Sport in Frage stellen, hat ein Geschäftsführer seinen Job verfehlt", wird er deutlich. Schnappauf stellt eine Überlegung in den Raum: "Darf eine Frau nicht toll aussehen, wenn sie ihren Sport treibt? Hier werden eine tolle Sportart und tolle Menschen diskreditiert. Das geht gar nicht!" Die Turnerschaft stehe jedenfalls fest zu ihrer noch jungen Abteilung der Golden Tigers. "Für uns sind die Cheerleader keine Pausenfüller!" Es gehe um einen ernsthaften Wettkampfsport.

Julia Geiger hört's gern. Denn als Beiwerk verstehen sich die Kronacher Cheerleader nicht. Ihr Sport besteht aus zwei Teilbereichen. Einerseits sind die Cheerleader für das Team da. "Sie wollen die Mannschaft anfeuern und sie zu Bestleistungen treiben", erklärt Geiger. Daher hält sie das Verhalten der Berliner Funktionäre auch für einen Schlag ins Gesicht der Alba-Tänzerinnen. Immerhin hätten diese seit Jahrzehnten hinter dem Basketball-Team gestanden. Und das sei nun der Dank dafür.

Mehr als nur Anfeuern

Andererseits geht es für Geiger und ihre Kameradinnen - und auch einen Kameraden - um den sportlichen Aspekt. Cheerleading ist heute nämlich mehr als Anfeuern. Es ist eine eigenständige Sportart. Als solche möchte die 19-Jährige ihr Hobby auch anerkannt wissen, denn "was wir tun, ist so anstrengend wie andere Sportarten auch". Und nicht selten sogar noch anstrengender, wie ein Blick ins Training zeigt. Wenn die jungen Mädchen nicht nur Tanzen und Räder schlagen, sondern sich gegenseitig in die Höhe stemmen und Formationen aufbauen, ist der enorme Koordinations- und Kraftaufwand zu spüren.

Deshalb hofft Schnappauf, dass der "Bärendienst" der Berliner nicht einer ganzen Sportart geschadet hat. Denn die Aussagen von Albas Spitze würden bei Eltern möglicherweise den Eindruck wecken, "sie schicken ihre Kinder zur Beschau oder zur Belustigung". Und das sei völlig falsch. Mit einem solchen Statement könne ein ganzer Sport kaputt gemacht werden, findet auch Julia Geiger.

Doch sie und ihre Teamkameradinnen wollen sich dadurch nicht aufhalten lassen. "Wir wollen besser werden und auf Wettkämpfe gehen", sagt sie. Und dazu ist jeder Interessierte willkommen - egal ob weiblich oder männlich.

Kommentar von Marco Meißner

Frauen schützen, aber bitte nicht entmündigen

Wir rühmen uns ja gerne, eine weltoffene und tolerante Gesellschaft zu sein. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind Normalität. Modisch trägt jeder, was er mag. Die Palette der Hobbys ist so vielfältig wie nie zuvor. Trotzdem gibt es immer noch den Spießer in uns. Der Punkt, an dem wir mit einer hehren (Pseudo- )Moral versuchen, die Mitmenschen wieder auf unseren persönlichen Weg einzunorden, ist schneller erreicht, als wir selbst für möglich halten.

Aktuell reden wir zum Beispiel über das Cheerleading. In den USA ist es eine der normalsten Sachen der Welt - und die Amerikaner sind ja nicht gerade bekannt dafür, sehr offen für möglicherweise Anstößiges zu sein. Die Cheerleader aus den Stadien zu verbannen, ist dort wohl dennoch niemandem ernsthaft in den Sinn gekommen. Warum? Weil die Aktiven als das gesehen werden, was sie sind: Sportler mit einer Tradition und zugleich Entertainer.

In einer Zeit der Beachvolleyballerinnen in knappen Bikinis und der Beine schwingenden Tanzgarden wirkt die Diskussion bei uns dagegen sehr oberflächlich. Da werden Frauen und Männer - auch die gibt's beim Cheerleading - abgestempelt, die freiwillig ein Hobby ausüben. Eines, das ihnen Spaß macht und enorme Körperbeherrschung abverlangt. Wenn dann Showauftritte neben den Wettkämpfen dazu führen, ihren moralischen Status in Frage zu stellen, schlägt der angebliche Schutz der Frauen schnell in eine Entmündigung um.