Laden...
Würzburg

Fußball in der Krise: Warum die Wut auf den Verband wächst

Der Amateurfußball in Bayern macht gerade Zwangspause. Ein Gespräch mit zwei Klubvertretern über Wege aus der Krise, Fehler des Verbandes und einen eitlen Präsidenten.
Artikel drucken Artikel einbetten
Zwei, die nicht gut zu sprechen sind auf den Fußballverband in München: Josef Baumann (links) vom TSV Grombühl und Matthias Purucker vom TSV Rottenbauer. Foto: Eike Lenz
+2 Bilder

Ein Einfamilienhaus im Würzburger Stadtteil Lengfeld. Im Flur liegen noch zwei zu Zahlen geformte Luftballons: 70. Josef Baumann hatte im November runden Geburtstag. Jetzt führt er ins Obergeschoss, in ein Zimmer, das voller Ordner und Erinnerungsstücke steht: Pokale, Urkunden, Wimpel. Und DFB-Medaillen. Sie gehören Frank Baumann, seinem Sohn, dem früheren Nationalspieler und heutigen Manager des Bundesligisten Werder Bremen. Er selbst, so Josef Baumann, lehne seit 20 Jahren alle Ehrungen durch den Verband ab. Das sagt viel über sein Verhältnis zum BFV und zu dessen Präsidenten Rainer Koch.

Mehr als 50 Jahre seines Lebens hat Baumann dem Fußball gewidmet. Er war viele Jahre Vorsitzender des TSV Grombühl und steht noch immer der JFG Würzburg Nord vor. Auch Matthias Purucker (45) ist an diesem Tag bei Kaffee und Kuchen Gast im Hause Baumann. Der heutige Abteilungsleiter des TSV Rottenbauer war einst als Schiedsrichter im höherklassigen Einsatz. Im Interview sprechen sie über die Herausforderungen in der Krise, die Fehler des Verbandes und darüber, wie es doch noch zur Revolte gegen den BFV kommen könnte.

Herr Baumann, Herr Purucker, Sie sind beide seit Jahrzehnten dem Fußball eng verbunden. Haben Sie eine ähnliche Situation wie derzeit schon einmal erlebt?

Josef Baumann: Nein, so etwas gab es in den letzten 50 Jahren nicht.

Matthias Purucker: Wir hatten in den Siebziger Jahren die Ölkrise. Da konnten wir zu Auswärtsspielen eine Zeit lang nicht anreisen. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass der Spielbetrieb einmal völlig zum Erliegen kam.

Was wünscht man sich in einem solchen Ausnahmezustand vom Verband?

Baumann: Nachdem die Politik alles vorgegeben hat, hätte es in meinen Augen nur eine Option gegeben: Saisonabbruch! Herr Dr. Koch ist erster Vizepräsident des DFB und zuständig für den Amateurfußball in den Regional- und Landesverbänden. 14 Landesverbände sagen die Saison ohne große Nachfrage ab. Dass Bayern in dieser Situation einen Sonderweg einschlägt, ist für mich hanebüchen und unbegreiflich.

"Herr Koch ist ein stolzer Mann. Er konnte nicht über seinen Schatten springen."
Matthias Purucker, Abteilungsleiter TSV Rottenbauer
Herr Koch hat seinen Weg als "alternativlos" dargestellt. 

Purucker: Er hat am Anfang unheimlich Panik verbreitet. Die Webinare mit den Vereinen waren viel zu früh angesetzt - zu einer Zeit, in der noch gar nicht abzusehen war, was passieren würde und wie lange der Lockdown gelten würde. Aber er hat dann erwartet, dass die Vereine innerhalb von drei Tagen abstimmen , ob die Saison fortgeführt oder abgebrochen werden soll. Die Folge war, dass viele Vereine - ein gutes Drittel - gar nicht abgestimmt haben, weil sie nicht wussten, was sie machen sollen. Er hat sich hingestellt und gesagt, sein Vorschlag sei alternativlos und er habe Angst vor Klagen gegen den Verband, für die er nicht haften werde. Für mich ist das keine schlüssige Begründung, so oder so zu entscheiden.

Was wäre also die Alternative gewesen?

Purucker: Vielleicht hätte er - so wie andere Landesverbände - einfach abwarten und dann das Gespräch suchen sollen. Gerade die südlichen Verbände haben im Hintergrund erst einmal in Ruhe mit den Vereinen gesprochen und sich dann für den Abbruch entschieden.  Das Problem ist: Herr Dr. Koch ist ein stolzer Mann, er konnte nicht über seinen Schatten springen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, wir gleichen uns den anderen an.

Herr Koch sagte am Anfang, es werde keine Entscheidungen am grünen Tisch geben. Die gab es dann aber doch, etwa mit dem Beschluss, aus der Regionalliga einen Aufsteiger zu erklären oder die Saison bei den Junioren abzubrechen.

Purucker: Wann hat es das gegeben, dass man eine Mannschaft während der laufenden Saison aus einer Liga nimmt , aufsteigen lässt und die Spiele annulliert? Das ist ja Beugung des Spielrechts von höchster Güte.

Muss es aber nicht in der Krise erlaubt sein, außergewöhnliche Wege zu gehen und Entscheidungen autark zu treffen, wie es Bayern ja auch auf politischer Ebene getan hat?

Baumann: Ja, aber man sollte da auf die Vereine hören. Vernünftig kann doch nur einer entscheiden, der im Verein Tag für Tag mit der Situation vertraut ist.

Purucker: Herr Dr. Koch hat es sicherlich versucht, ähnlich wie Söder zu agieren. Jetzt könnte man sagen: gewogen und für zu leicht befunden. Aber so weit würde ich gar nicht gehen. Der Fehler war sein Aktionismus. Er ist viel zu schnell vorgeprescht. Und wenn er ehrlich ist, wird er das auch zugeben.

Die Vereine haben doch zu zwei Dritteln für seinen Vorschlag gestimmt, die Saison fortzusetzen. Jetzt kann man Herrn Koch vorwerfen, er habe sich aus der Verantwortung gestohlen, indem er die Entscheidung delegiert hat. Andererseits kann er sich darauf berufen, mit Rückhalt der Mehrheit der Klubs gehandelt zu haben.

Baumann: Ich kenne Herrn Koch von zig Kreis- und Bezirkstagen. Er ist ein brillanter Rhetoriker, der auf Vereinsvertreter trifft, die oft überhaupt keine Ahnung haben. Manche heben die Hand, ohne sich über die Folgen bewusst zu sein. Mein Eindruck ist: Viele Vereine hat das nicht groß interessiert , was da in der Krise erzählt wurde. Dazu kommt, dass viele Angst haben, sich mit dem Verband anzulegen, oder frustriert sind, weil sie nicht gehört werden. Recht haben und Recht bekommen ist beim Verband so gut wie unmöglich.

Für den Geschäftsführer der SpVgg Bayreuth basiert das System Koch darauf, andere einzuschüchtern und zu sanktionieren. Ist das auch Ihr Eindruck?

Baumann: Das kann ich nur unterschreiben. So wird in München agiert.

Purucker: Ich frage mich: Mit was hat Herr Koch die Regionalliga-Vereine so gelockt, dass sie jetzt genau umgekehrt gestimmt haben wie bei einem ersten Votum, nämlich für die Fortsetzung der Saison? Gibt der Verband einen Teil seiner Sponsorengelder an die Vereine weiter? Dem FC Pipinsried, der in der Bayernliga Süd mit 21 Punkten Vorsprung führt und auf dem Papier eine Regionalliga-Mannschaft hat, wird jetzt gesagt: Ihr müsst noch eineinviertel Jahre warten, bis es für euch richtig losgeht - das ist grotesk.

Wenn man die Saison schon unbedingt zu Ende bringen will, warum spielt man nicht im Herbst die restlichen Partien und macht dann im Frühjahr 2021 eine Play-off-Runde?

Purucker: Das wäre reizvoll, klar. Und: Wenn ich so ein Szenario entwerfe oder den Vereinen andere Vorschläge mache, kommt ein ganz anderer Ton in die Verhandlungen.

Baumann: Es wird in dieser Situation keine für alle gerechte Lösung geben. Aber ich muss das kleinste Übel wählen. Nach einem Abbruch könnte ich im September bei null anfangen und eine normale Saison 2020/21 spielen .

Purucker: Schauen Sie sich den TSV Grombühl oder die FT Würzburg an. Die leben von Studenten. Aber von denen sind im Herbst vielleicht fünf oder sechs nicht mehr da. Das ist doch Wettbewerbsverzerrung. So wie man jetzt bei den Junioren verfahren ist , hätte ich mir das auch bei den Aktiven gewünscht: Man bricht ab, fängt im September neu an, spielt nur die Hinrunde und macht danach eine Tabelle.

Sehen Sie noch Möglichkeiten für eine einvernehmliche Lösung mit dem BFV?

Baumann: Wenn es im Verband zu keinem Umdenken kommt, sehe ich keine Lösung. Dann wäre ich dafür, dass sich jeder Spielkreis seine Gedanken macht, ob er weiterspielt. Ich glaube, dass von 15 Mannschaften in einer Liga zehn überlegen, nicht anzutreten. Ich würde dann sogar eine Petition starten . . .

. . . die gibt es ja schon. Der TSV Stein in Mittelfranken hat dazu aufgerufen, die Saison sofort abzubrechen.

Purucker: Die Petition finde ich sehr gut. Sie hat aber einen Webfehler: Jeder kann darüber abstimmen. Man hätte das auf Vereinsvertreter beschränken sollen. Man hätte dafür das BFV-Postfach hernehmen müssen, um alle Vereine anzuschreiben. Das lassen aber die Nutzungsbedingungen nicht zu.

"Recht haben und Recht bekommen ist beim Verband so gut wie unmöglich."
Josef Baumann, ehemaliger Vorsitzender TSV Grombühl
Wird der Graben zwischen Vereinen und Verband mit dem aktuellen Streit wieder ein bisschen tiefer?

Purucker: Der Verband hat einen großen Vorteil: dass vor Ort, also in den Kreisen oder Bezirken, immer noch Menschen sitzen, die gut mit den Vereinen können und viel abfangen.

Baumann: Das stimmt. Mit denen kommt man klar. Das sind Ehrenamtliche, denen man in die Augen schauen kann. Mit denen kann man auch mal diskutieren, ohne dass etwas hängenbleibt.

Sind das nicht in Wahrheit die Ärmsten in dem ganzen Geschäft? Die bekommen Druck von unten und von oben.

Baumann: So ist es. Die kriegen alles, und in München interessiert das keinen. Ich möchte nicht in deren Haut stecken. 

Purucker: Die nächsten Spielgruppentagungen werden frühestens im Spätherbst sein. Bis dahin wird viel vergessen sein. Ich glaube nicht, dass es da zu einer Revolte kommt - es sei denn, die Vereine boykottieren den Beschluss des BFV, im Herbst weiterzuspielen. Zehn pro Spielklasse wird man nicht finden, Josef, aber zwei, drei vielleicht.

Ungerechtigkeiten würde doch ein Abbruch auch schaffen. Eine Mannschaft auf Platz vier könnte genauso gut sagen: Man raubt uns die Chance auf den Aufstieg.

Baumann: Als Spieler und Trainer würde ich mich auch ärgern, wenn ich Dritter wäre und einen Punkt hinter dran wäre. Aber im Vorstand interessiert das kein Schwein, ob ich in der Kreisliga oder der Kreisklasse spiele. Da ist es mir wichtiger, dass alles reibungslos läuft: dass ich genug Kinder zum Spielen habe, dass das Gesellschaftliche und Soziale nicht zu kurz kommt.

Purucker: Ein Argument des Verbands war, dass die Sponsoren sich aufregen, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt würde. Wir in Rottenbauer haben ein paar Sponsoren, unter ihnen ein Autohaus, das uns seit Jahren unterstützt. Das tut es auch noch, wenn jetzt zehn Spiele weniger wären.

Vielleicht meinte der BFV die Sponsoren in den höheren Klassen.

Baumann: Aber der BFV ist doch hauptsächlich für uns Kleine da, nicht für die Regional- oder Drittligisten.

Und selbst dort, beim Regionalligisten Bayreuth, heißt es, der BFV sei kein Dienstleister mehr, sondern, ich zitiere, "Staat und Kirche".

Purucker: Seit zwei, drei Jahren werden die Dienstleistungen extrem zurückgefahren. Ein kleiner Verein wie wir sollte eine hohe Strafe zahlen, weil ich beim Wechsel eines Spielers einen Haken im Passverfahren falsch gesetzt hatte. Es sieht alles nach Einbahnstraße aus. Alles fließt zum BFV, und die Vereine bekommen immer weniger zurück. Oder sie kriegen Leistungen, für die sie dann richtig zur Kasse gebeten werden.

Baumann: Das Einzige, wofür wir kleinen Vereine den Verband brauchen, ist das Ausstellen eines Spielerpasses. Das dauert fünf Minuten und kostet uns 50 Euro. Vom Verband kriegen wir nichts umsonst, wollen und brauchen wir auch nicht. Selbst wenn es um eine Ehrung geht, müssen wir noch für die Nadeln bezahlen. Diejenigen, die für uns die Arbeit machen, das sind die Ehrenamtlichen vor Ort. Denen gilt mein allergrößter Respekt.

Und wie soll es jetzt aus Ihrer Sicht weitergehen?

Purucker: Wir können vermutlich nichts ändern, aber wir werden das auch nicht geräuschlos schlucken. Da stehen wir beiden nicht allein. Das weiß ich aus vielen Gesprächen mit anderen Vereinen. Mein Vater sagte immer, man muss sich mit beiden Seiten auseinandersetzen und offen über die Dinge reden. Das wird in München so nicht praktiziert.