Alleinstehende, schon etwas ältere Frauen mit einem gewissen finanziellen Spielraum und dem Wunsch nach einer zumindest lockeren Beziehung sind vorübergehend sicher vor einem Betrüger aus dem Landkreis Main-Spessart: Den 65 Jahre alten Rentner, ehemaliger Maschinenbau-Ingenieur, verurteilte ein Schöffengericht in Würzburg zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren: Nr. 15 in seinem Vorstrafregister, gewerbsmäßiger Betrug, weil er wieder einmal einer Frau mit Lügengeschichten 9000 Euro abgeknöpft hatte.
Im Sommer 2012, wenige Wochen nach seiner Entlassung aus knapp vierjähriger Strafhaft, hatte der Rentner bereits wieder zwei Frauen: Eine als künftige Lebensgefährtin und der anderen hatte er gesagt, er wolle erst mal abwarten, wie sich die Beziehung zu ihr entwickelt, festlegen könne er sich noch nicht.
Dennoch hat er die "Zweit-Frau" veranlasst, ihm vorübergehend mit Geld auszuhelfen, bis er durch den Verkauf einer Immobilie wieder flüssig sei.
4000 Euro brauchte er angeblich für die Zahnklinik in Würzburg, weil sein Zahnarzt gepfuscht und weil zwei Implantate kurz nach dem Einsetzen rausgefallen seien. Er benötigte Geld, weil die Freundin seines Sohnes mit dessen Auto im Ausland einen Unfall gebaut habe, der "Verwendungszweck" für weitere Beträge war einmal die Renovierung seiner "Stadtwohnung" in Karlstadt und einmal der Kauf eines gebrauchten Pkw, um Material aus Baumärkten nachhause zu befördern.
Als die geschiedene Frau (69) merkte, dass der nette ältere Herr nicht nur ihre Nähe sucht, hatte sie für ihn bereits 9000 Euro von ihrer Bank geholt. Doch der Angeklagte spielte vor Gericht das Opfer: Er habe immer wieder darauf hingewiesen, dass er finanziell knapp dran ist, nur 800 Euro Rente im Monat habe und nicht wisse, wie und ob überhaupt er das Geld zurückzahlen könne.
Seine Bekannte habe ihm das alles mehr oder weniger aufgedrängt und gesagt: "Was du brauchst, sollst du haben". Die Frau habe gewusst, dass er gerade aus dem Knast gekommen ist und sie habe ihm beim Start in ein neues Leben helfen wollen. Das hat die Zeugin vor Gericht bestritten und zwar heftig: Er habe sich ihr als Ingenieur vorgestellt, der gerade aus den USA zurückkommt und sich erst angemessen einrichten kann, wenn der Verkauf eines seiner Häuser in der Karlstadter Altstadt abgewickelt ist. Er habe, um sie zu beeindrucken, auch regelmäßig von seinen Pferden gesprochen, die irgendwo draußen vor der Stadt auf einer Koppel stehen.
Die Zeugin war, auch vor Gericht noch, ziemlich fertig, dass sie viele Jahre nach ihrer Scheidung auf so einen Typen herein gefallen ist. Schuld war genau genommen der Fahrkartenautomat am Bahnhof in Karlstadt. Sie wollte zu einer Geburtstagsfeier nach Würzburg und sah einen Mann, der sich am Automaten schwer tat, es kam immer wieder statt der Fahrkarte das eingeworfene Geld zurück. Ob der Rentner nach den Jahren im Knast nicht mehr mit Automaten umgehen konnte oder bewusst den Hilflosen spielte, blieb offen. Jedenfalls hatte die Zeugin dem Unbekannten geholfen, Der setzte sich im Zug neben sie, hat bis Würzburg fast pausenlos gesprochen und sich mit ihr gleich für den nächsten Nachmittag verabredet.
Der 65-Jährige wandet einen besonders raffinierten Trick an, um die neue Bekannte über seine Vermögenslage zu täuschen: Der Mann, der damals selbst auf Wohnungssuche war, fuhr mit der Frau in ein Dorf in der Nähe von Karlstadt, wo ihm eine Wohnung angeboten worden war. Die zeigte er seiner Bekannten, behauptete, das Haus gehöre ihm und den anderen Mietern habe er bereits gekündigt. Sie solle ihre Wohnung kündigen und dann auch hier einziehen. Tatsächlich bekam er die Wohnung aber nicht.
Beim Verlesen der Vorstrafen stellte sich heraus, dass der ehemalige Maschinenbau-Ingenieur, angeblich Experte für atomare Kraftwerke, sich in der Vergangenheit häufig auf Kontaktanzeigen gemeldet oder selbst Inserate in Tageszeitungen aufgegeben hat. Er hat aber auch übers Internet Bekanntschaften gesucht und die Frauen dann oft um hohe Beträge erleichtert. Immer beeindruckte er mit nicht vorhandenem Reichtum. Als Freigänger einer Strafanstalt hat er einer Frau erzählt, dass er beim Bundeskriminalamt beschäftigt sei.
Seit seiner vorzeitigen Verrentung wegen eines Arbeitsunfalles hat der Mann, so der Staatsanwalt, über zehn Jahre hinter Gitter verbracht. Er hat vier Ehen hinter sich, einmal heiratete er während der Strafhaft eine Mitgefangene, die allerdings vor ihm entlassen wurde und sofort die Scheidung beantragte. Als er in die Freiheit zurückkehrte, war er bereits wieder zu haben.
Während des Prozesses hatten die beiden Verteidiger des Rentners um eine kurze Unterbrechung gebeten, für ein Gespräch mit Staatsanwalt und Gericht über eine Strafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Darauf verließ Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen den Sitzungssaal, mit der Begründung, er brauche eine Pause, sonst platze ihm der Kragen. Wenn jemand mit so einer Vorstrafen-Latte aus dem Knast kommt und wenige Wochen später bereits "weiter macht", sei ein solcher Vorschlag doch einfach lächerlich.
Die Vorsitzende Richterin erklärte, dass sie diese Reaktion durchaus nachvollziehen könne, als der Oberstaatsanwalt zurück gekehrt war und sich für seine "Flucht unter Protest" entschuldigt hatte. Die um 9000 Euro betrogene, vorübergehende Bekannte des Angeklagten, hat ihr Geld inzwischen wieder bekommen. Die derzeitige Lebensgefährtin des Rentners hat das für ihn geregelt.